Autor Thema: Blasenkrebs, 1. bis 7. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......  (Gelesen 4009 mal)

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Dietmar E.

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Rübben, Herbert
Harnblasenkarzinom – Auftakt zur Artikel-Serie
Bladder Cancer – a Series of Articles in Deutsches Ärzteblatt
Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-718 / B-632 / C-608
MEDIZIN: Editorial

Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 15 000 Menschen an einem Harnblasenkarzinom, weltweit sind es 260 000 Menschen. Die Prävalenz beträgt 1 000 000 in einem 5-Jahres-Zeitraum. Männer sind zweimal so häufig betroffen wie Frauen. Laut WHO verstarben im Jahr 2000 weltweit 132 432 Personen an einem Harnblasenkarzinom.
Die Kausalität zwischen Kanzerogenexposition und Entstehung des Harnblasenkarzinoms ist gut untersucht. Über die Identifizierung tumorauslösender Noxen besteht die Möglichkeit zur Prävention, zumal dies durch die Änderung der Lebensgewohnheiten oder Änderung und Verbesserung des beruflichen Umfelds möglich ist.
Tumorcharakterisierung entscheidet über Behandlungsweg
95 % aller Tumoren der Harnblase sind Urothelkarzinome. 80 % dieser Karzinome sind bei Erstdiagnose nicht invasiv, 10 bis 15 % entwickeln im weiteren klinischen Verlauf ein muskelinvasives Wachstum. Hinsichtlich der Tumorbiologie und des daraus resultierenden Progressionsrisikos werden Harnblasenkarzinome in „low grade“-Tumoren mit niedrigem Progressionsrisiko und „high grade“-Tumoren mit hoher Progressionswahrscheinlichkeit unterteilt. Hierzu dient nicht ausschließlich das histologische Bild, sondern zusätzliche immunhistochemische und genetische Analysen sind notwendig.
Diese Tumorcharakterisierung ist entscheidend für den therapeutischen Weg, wobei generell risikoadaptiert zwischen einem Organerhalt, gegebenenfalls mit einer zusätzlichen Chemo- oder Immuntherapie und ablativen Verfahren mit Harnableitung differenziert wird.
Therapieoptionen
Neben der operativen Behandlung ist bei Patienten, die für eine Harnableitung nicht infrage kommen, die kombinierte Radio- und Chemotherapie eine Therapieoption. Im Falle einer metastasierten Erkrankung besteht das Behandlungskonzept aus einer Chemotherapie, wobei eine Kombination aus Gemcitabin und Cisplatin derzeit die standardmäßigen Kombinationspartner sind.
Die Serie zum Harnblasenkarzinom, die mit dem Beitrag „Ätiologie und Prävention des Harnblasenkarzinoms“ von Klaus Golka et al. in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes ihren Auftakt nimmt, ist auf insgesamt sechs Teile projektiert. Sie gibt einen Überblick über ............
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=54885


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Golka, Klaus; Goebell, Peter Jürgen; Rettenmeier, Albert Wolfgang
Ätiologie und Prävention des Harnblasenkarzinoms: Teil 1 der Serie zum Harnblasenkarzinom
Bladder Cancer: Etiology and Prevention
Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-719 / B-633 / C-609
MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Zusammenfassung
Einleitung: Für das Harnblasenkarzinom sind exogene und damit vermeidbare Einflüsse als ursächlich belegt. Methoden: Diskussion ausgewählter Literatur. Ergebnisse: Zigarettenrauchen ist der mit Abstand wichtigste Risikofaktor, wobei das Erkrankungsrisiko mit dem Ausmaß des Zigarettenkonsums ansteigt und sich bereits wenige Jahre nach Beendigung des Rauchens wieder verringert. Zweiter wichtiger Risikofaktor sind berufliche Expositionen, vor allem gegenüber Krebs erzeugenden aromatischen Aminen sowie bestimmten Azofarbstoffen. Gefährdet sind vor allem Beschäftigte bei der Herstellung dieser Stoffe und – wenn auch deutlich geringer – Personengruppen, die diese Stoffe verarbeiten. Risiken durch umweltbedingte Expositionen scheinen eine geringere Rolle zu spielen. Therapiebedingte Harnblasenkarzinome sind zu beachten. Die Prävention besteht gegenwärtig vor allem in der Expositionsvermeidung und in der Früherkennung von Harnblasenkarzinomen bei Hochrisikokollektiven.
Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A 719–23.
Schlüsselwörter: Blasenkarzinom, Krebsprophylaxe, Prävention, Rauchen, berufsbedingte Erkrankung

Als eindeutig gesicherte ursächliche Faktoren des Harnblasenkarzinoms gelten vor allem Rauchen und berufliche Belastungen mit bestimmten aromatischen Aminen. Es wird davon ausgegangen, dass 50 % der durch ein Harnblasenkarzinom verursachten Todesfälle bei Männern und 25 % bei Frauen, in Deutschland insgesamt circa 2 700 Fälle pro Jahr, vermeidbar sind (e1). Schätzungen für das Jahr 2002 beziffern die altersstandardisierte Harnblasenkarzinom-Inzidenz in Deutschland auf 38,5/100 000 für Männer und auf 10,5/100 000 für Frauen (e2). Einem Anstieg der Inzidenz bis Anfang der 1990er-Jahre folgte ab deren Mitte eine bis heute anhaltende Trendumkehr. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Zahlen auch von geänderten histopathologischen Malignitätskriterien beeinflusst wurden (e2). Ziel der Arbeit ist es, dem Leser den aktuellen Stand zu Ätiologie und Prävention des Harnblasenkarzinoms nahezubringen. Besondere Berücksichtigung finden hierbei die versicherungsrechtlich relevanten beruflichen Ursachen.
Rauchen ist der bedeutendste Risikofaktor
Das Rauchen von Zigaretten ist der für die Allgemeinbevölkerung mit Abstand wichtigste Risikofaktor für das Harnblasenkarzinom (e3, 1). Dies gilt, obgleich weniger ausgeprägt, wahrscheinlich auch für das Rauchen von Zigarren und Pfeifen (e4) (Kasten 1). Dabei sind schwarze luftgetrocknete Tabake offensichtlich mit einem höheren Harnblasenkarzinomrisiko behaftet als helle rauchgetrocknete Tabake (e5).
Auch wenn die in zahlreichen Studien ermittelten Harnblasenkarzinomrisiken schwanken, bleibt unbestritten, dass starke Raucher ein höheres Risiko tragen als weniger starke Raucher (2, 3). So zeigte die Analyse von 11 Fall-Kontroll-Studien bei Männern, dass deren Risiko von 1,2-fach (1 bis 4 Raucherjahre) bis auf 6,1-fach (mehr als 60 Raucherjahre) ansteigt. Die Aufgabe des Rauchens führt unmittelbar zu einer Reduktion des Karzinomrisikos. In den meisten Studien nähert sich das Erkrankungsrisiko von Ex-Rauchern nach circa 20 Jahren dem von Nichtrauchern an (e4, 2, 3, e6, e7). Bei Frauen wies eine Analyse von 11 Fall-Kontroll-Studien in die gleiche Richtung. Einer neueren Arbeit zufolge haben Frauen bei vergleichbarem Ta-bakkonsum ein höheres Erkrankungsrisiko (e6). Zigarettenrauch enthält viele Stoffe (1), für einige von ihnen – darunter Verbrennungsprodukte und aromatische Amine wie b-Naphthylamin, 4-Aminobiphenyl und o-Toluidin – ist eine Krebs erzeugende Wirkung belegt. Aromatische Amine werden bei Rauchern, die Träger eines bestimmten Isoenzyms sind, vermehrt zu Krebs erzeugenden Stoffwechselprodukten umgesetzt (4).
Berufsbedingte Ursachen
In 2 grundlegenden Arbeiten zu den Ursachen von Krebserkrankungen wird der Anteil beruflich bedingter Harnblasenkarzinome bei Männern auf 10 % und bei Frauen auf 5 % geschätzt (5, 6). Die von 1978 bis 2003 als Berufskrankheiten anerkannten über 1 200 Fälle von Harnblasenkarzinomen (7) repräsentieren demnach nur einen Bruchteil der durch berufliche Einwirkungen hervorgerufenen Erkrankungen. Neben unerkannten Belastungen am Arbeitsplatz sind sicher auch unzureichende Erhebungen der Arbeitsanamnese dafür verantwortlich. Diese sollte im Hinblick auf die meist sehr langen Latenzzeiten beruflich bedingter Harnblasenkarzinome (bis über 40 Jahre) besonders gründlich erhoben werden. Jeder Arzt in Deutschland ist verpflichtet, einen begründeten Verdacht auf eine Berufskrankheit den zuständigen Stellen zu melden. Da jedoch nur zu Lebzeiten angezeigte Berufskrankheiten entschädigt werden können, kann eine unterbliebene Meldung durchaus zu Regressforderungen gegen den behandelnden Arzt führen.
Der wichtigste berufliche Risikofaktor für die Entstehung von Harnblasenkarzinomen ist die Exposition gegenüber Krebs erzeugenden aromatischen Aminen. Das kanzerogene Potenzial der einzelnen Vertreter dieser Stoffgruppe ist sehr unterschiedlich. Von den 5 erwiesenermaßen beim Menschen ein Harnblasenkarzinom auslösenden aromatischen Aminen b-Naphthylamin (2-Naph-thylamin), Benzidin, 4-Aminobiphenyl, 4-Chlor-o-toluidin und o-Toluidin haben die beiden erstgenannten Stoffe die größte Bedeutung.
b-Naphthylamin wurde in früheren Jahrzehnten vor allem in der Gummiindustrie als Antioxidans eingesetzt. Das Verbot dieses Stoffes führte jedoch nicht zur völligen Beseitigung des höheren Risikos für die Beschäftigten in diesem Industriezweig (8). In einer Studie an über 11 000 Arbeitern der deutschen Gummiindustrie (9) war bei Beschäftigten aus den Bereichen „Lager und Versand“ und „allgemeine Tätigkeiten“ die Harnblasenkarzinomsterblichkeit höher als in der Allgemeinbevölkerung. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der relativ günstigen Prognose Mortalitätsstudien das Erkrankungsrisiko deutlich unterschätzen.
Benzidin wurde vor allem zur Herstellung zahlreicher Azofarbstoffe benötigt und ist aufgrund der früheren Produktionsmengen am bedeutsamsten. Beim Menschen ist dieses aromatische Amin stark krebserzeugend. So waren Anfang der 1990er-Jahre 92 von 331 Arbeitern eines deutschen Unternehmens, die an einer bereits in den 1960er-Jahren vom Werk selbst geschlossenen Anlage zur Benzidinproduktion tätig waren, an einem Harnblasenkarzinom erkrankt (10, e8). Dieses Beispiel zeigt, dass präventive Maßnahmen nicht früh und umfassend genug ergriffen werden können.
Von erheblicher praktischer Bedeutung ist, dass Krebs erzeugende aromatische Amine, die als Kupplungskomponente bei der Farbstoffherstellung verwendet wurden, aus löslichen, das heißt bioverfügbaren Farbstoffen im menschlichen Organismus wieder freigesetzt werden können (Grafik). Nicht lösliche Azofarbstoffe (Pigmente) stellen hingegen kein Erkrankungsrisiko dar (11).
Berufe mit erheblicher dermaler und/oder inhalativer Exposition gegenüber Krebs erzeugenden Azofarbstoffen, wie zum Beispiel Färber in der Textil- und Lederindustrie, haben ebenfalls ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko (e9, e10). In allen 4 bislang in Deutschland durchgeführten Fall-Kontroll-Studien wurde ein erhöhtes Erkrankungsrisiko auch für Maler und Lackierer beobachtet (e11, e12, e13, 12). Eine Gefährdung bestand meist jedoch nur bei Expositionen vor 1960.
Aufsehen erregten 2 von einer amerikanischen Arbeitsgruppe (13, 14) publizierte Arbeiten, die für ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko durch permanente Haarfarbstoffe bei Friseuren sprechen. Auch 2 in Deutschland durchgeführte Untersuchungen zeigten ein erhöhtes Risiko für diesen Beruf (e11, e13). Die gegenwärtig erhältlichen Produkte dürfen jedoch nicht mit den Produkten früherer Jahrzehnte verglichen werden.
p-Phenylendiamin, das gegenwärtig in permanenten dunklen Haarfarbstoffen häufig enthalten ist, scheint aufgrund der nachgewiesenen Metaboliten nicht über ein Krebs erzeugendes Potenzial zu verfügen (e14, e15).
Expositionen gegenüber Krebs erzeugenden aromatischen Aminen und/oder Azofarbstoffen können aber auch in Berufen vorkommen, für die ein Umgang mit diesen Stoffen untypisch ist. Deshalb muss bei der Erhebung der Arbeitsanamnese gezielt nach diesen Stoffen gefragt werden. Hohe Expositionen gegenüber Verbrennungsprodukten, wie sie zum Beispiel in Kokereien (e16, 15) oder bei der Aluminiumelektrolyse nach Söderberg (16) vorkommen, sind ebenfalls für das Entstehen von Harnblasenkarzinomen mitverantwortlich. Deutlich geringere Konzentrationen von Verbrennungsprodukten treten bei Expositionen gegenüber Teer und/oder Teerprodukten auf. Dennoch wurde bei amerikanischen Dachdeckern in 2 Studien ein erhöhtes Harnblasenkarzinomrisiko beobachtet (17, e17). Die Risiken durch eine Teerexposition beim Straßenbau werden kontrovers diskutiert (e18). Bei einer Untersuchung von 568 Arbeitern in Europas größter Teer verarbeitender Fabrik wurden 13 Fälle von Harnblasenkarzinomen beobachtet (18). Das Krebs erzeugende Potenzial von Teer beziehungsweise Teerprodukten kann daher grundsätzlich als gesichert angesehen werden.
Unter den in der Literatur beschriebenen weiteren beruflichen Expositionen, die mit einem erhöhten Harnblasenkarzinomrisiko einhergehen, sind vor allem die langjährige Tätigkeit untertage im Steinkohlenbergbau (e19, 19, 20, e20), die Tätigkeit als Schornsteinfeger (e21, e22), hohe Expositionen gegenüber dem Sprengstoff Dinitrotoluol, der insbesondere in der früheren DDR verwendet wurde (e23, e24), sowie hohe Expositionen gegenüber Tetrachlorethen in chemischen Reinigungen zu erwähnen (e25, e26, e27, e28) (Tabelle). Außerdem gibt es Hinweise, dass der Zigarettenkonsum das berufliche Harnblasenkarzinomrisiko erhöht (e11, 19).

Umweltbedingte Risiken
Den genannten Stoffen ist auch die ..........
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=54886

« Letzte Änderung: 17. Februar 2008, 00:51 von Dietmar E. »
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Dietmar E.

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Blasenkrebs, 2. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......
« Antwort #1 am: 17. Februar 2008, 00:30 »

Dorp, Frank vom; Kausch, Ingo; Jocham, Dieter
Diagnostik und Therapie des nichtinvasiven Harnblasenkarzinoms: Teil 2 der Serie zum Harnblasenkarzinom
Diagnosis and Treatment of Non-Muscle-Invasive Urothelial Carcinomas
Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A-797 / B-702 / C-676
MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Zusammenfassung
Einleitung: 95 % aller Tumoren der Harnblase sind Urothelkarzinome. 80 % dieser Karzinome sind bei Erstdiagnose nichtinvasiv, 10 bis 15 % dieser Tumoren entwickeln im weiteren Verlauf ein muskelinvasives Wachstum. Nach der neuen WHO-Klassifikation wird das nicht muskelinvasive Urothelkarzinom anhand des histologischen Bildes und immunhistochemischer Analysen in einen „low grade“- beziehungsweise „high grade“-Tumor unterteilt. Dabei werden papilläre hochdifferenzierte Tumoren ohne Schichtungsstörung von den papillären Karzinomen als papilläre urotheliale Neoplasie von niedrig malignem Potenzial (PUNLMP) abgegrenzt. Methoden: Übersichtsarbeit auf der Basis einer selektiven Literaturauswahl. Ergebnisse und Diskussion: Die Therapie des nichtinvasiven Urothelkarzinoms besteht in der transurethralen Resektion, wobei bei pT1-Tumoren und bei „high grade“-Tumoren die Indikation zur Nachresektion gegeben ist. Bei Diagnose eines Carcinoma in situ wird üblicherweise zunächst eine intravesikale Immuntherapie durchgeführt, bei Therapieversagen nach 3 Monaten kann eine wiederholte Instillationstherapie oder die radikale Zystektomie erfolgen.
Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A 797–802.
Schlüsselwörter: Urothelkarzinom, low grade, high grade, Carcinoma in situ

Summary
diagnosis and treatment of non invasive urothelial carcinomas
Introduction: 95 % of all bladder tumours are urothelial carcinomas, histologically. 80 % of all bladder tumours initially show non invasive or stromally invasive exophytic papillary growth (pTa, pT1). In 10 to 15 % of these patients, tumours show progression to muscle invasion, on follow-up. According to the new WHO classification urothelial carcinomas without muscle invasion are subdivided into low grade and high grade lesions. Papillary bladder tumours with histologically normal urothelium are so-called papillary urothelial neoplasms with low malignant potential (PUNLMP). Methods: Overview of current thinking on the diagnosis and treatment of non invasive bladder cancer based on a selective review of recent literature. Results/discussion: The treatment for invasive carcinomas with no muscle invasion is transurethral resection; in the case of pT1 or high grade tumours, re-TUR is indicated. Patients with carcinoma in situ receive intravesical chemo- or BCG therapy for at least 3 months. Persistent carcinoma in situ is treated by repeated instillation therapy or radical cystectomy.
Dtsch Arztebl 2007; 104(12): A 797–802.
Key words: urothelial carcinoma, low grade, high grade, carcinoma in situ


Die Anamnese eines nichtinvasiven Harnblasenkarzinoms beinhaltet die Frage nach Änderungen des Miktionsverhaltens wie Hämaturie, Dysurie, Strang- oder Pollakisurie. Risikofaktoren werden abgeklärt, zum Beispiel ein Nikotinabusus und eine beruflich bedingte Kanzerogenexposition (Grafik 1).
Zystoskopie und fraktionierte Gewebeentnahme
Standard in der Diagnostik und Nachsorge von Blasentumorpatienten ist die Zystoskopie, die mit einer Sensitivität von > 90 % Harnblasentumoren detektiert (1). Die Diagnostik des Carcinoma in situ ist in der Weißlichtendoskopie allerdings nur unzureichend. Zaak et al. zeigten, dass circa 50 % dieser flachen Urothelläsionen in der Weißlichtendoskopie übersehen wurden (2). Durch die gleichzeitige Anwendung der photodynamischen Diagnostik von intravesikal applizierten und tumorselektiv angereicherten Farbstoffen kann diese Tumorentität wesentlich effizienter diagnostiziert werden (3, e1, e2). Mittels fraktionierter Gewebeentnahme sichert man die Diagnose histopathologisch.
Etwa 95 % aller Blasentumoren gehen vom Urothel aus, wobei man generell zwischen einem papillären und einem soliden Tumorwachstum unterscheidet. Das Urothelkarzinom der Harnblase tritt hinsichtlich Tumorbiologie und Progressionsrate in 2 Formen auf. Bei der Erstdiagnose zeigen 80 % aller Tumoren ein nichtinvasives, papilläres Wachstum. 10 bis 15 % dieser Tumoren entwickeln eine Progression mit muskelinvasivem Tumorwachstum (Grafik 2).
Mit dem Begriff oberflächliches Urothelkarzinom wurden bisher alle urothelialen Tumoren bezeichnet, die kein muskelinvasives Wachstum zeigen, entsprechend nichtinvasiven papillären Tumoren und stromainvasiven Tumoren des Urothels. Aufgrund der Problematik, einen per Definition invasiven Tumor als oberflächlich zu bezeichnen und wegen der genetischen Heterogenität der stromainvasiven Tumoren, sollte von nichtinvasiven (Ta, Cis) oder invasiven (T1) Tumoren gesprochen werden und die genauere Charakterisierung über das Wachstumsmuster (papillär) und die Invasionstiefe erfolgen.
Histopathologisches Grading
Die neue WHO-Klassifikation verdeutlicht, dass es innerhalb der verschiedenen Stadien des Urothelkarzinoms Untergruppen mit höherer Malignität und größerer Progressionswahrscheinlichkeit gibt, die zunehmend genetisch charakterisiert werden. Genetisch stabile Tumoren werden als „low grade“ maligne und genetisch instabile Tumoren als „high grade“ maligne bezeichnet.
Papilläre hochdifferenzierte Tumoren sind nicht mehr als maligne einzustufen. Sie erhalten den Namen „papilläre urotheliale Neoplasie mit niedrig malignem Potenzial“, sogenannte PUNLMPs (Grafik 3). Ein urothelialer Tumor mit leichter Schichtungsstörung und damit verbundenem ungeordnetem Erscheinungsbild wird als nichtinvasives Urothelkarzinom, „low grade“, also niedrig maligne befundet.
Eine Zell- und Kernpolymorphie und eine damit verbundene Schichtungsstörung eines papillären Tumors, die größer ist und der des invasiven Tumors entspricht, bezeichnet man als nichtinvasives papilläres Karzinom „high grade“, also hoch maligne. Aneuploidie ist die Ursache der Polymorphie, und über das histologische Bild hinaus bestärken genetische Analysen im Sinne von Expressions- und Mutationsanalysen (zum Beispiel p53 und pRB [Retinoblastom-Protein]) und begleitende immunhistochemische Untersuchungen (Ki 67 und CK 20) diese Unterscheidung.
Eine besondere Herausforderung stellen Patienten mit einem pT1-Urothelkarzinom dar, die etwa 10 bis 20 % aller Urothelkarzinome ausmachen und üblicherweise konservativ mittels transurethraler Resektion behandelt werden. 20 bis 30 % dieser Patienten haben im weiteren Verlauf eine lokale Progression zu einem muskelinvasiven Tumor, sodass bei pT1-Tumoren nach circa 4 bis 6 Wochen eine Nachresektion indiziert ist. Die genetischen Befunde bestätigen die verwendeten histopathologischen Entitäten als prognostisch bedeutsame Subgruppen. Es ist mit der histologischen Diagnostik jedoch zwingend eine ausreichende Aufarbeitung des Tumormaterials in zahlreichen Schnitten verbunden. Diese ist eine Voraussetzung, um die Diagnose nichtinvasiv gegen invasiv sicher abgrenzen zu können und um bei einem als PUNLMP und damit gutartig diagnostizierten Tumor nicht eine geringer differenzierte Tumorkomponente zu übersehen.
Das Carcinoma in situ ist eine flache, nichtpapilläre intraepitheliale Läsion. Es gibt Hinweise, dass es eine Vorläuferläsion des invasiven Urothelkarzinoms ist (Abbildung). Tyrkus et al. zeigten, dass Carcinomata in situ chromosomale Aberrationen aufweisen, die denen invasiver Karzinome ähnlich sind (4). Entsprechend der neuen WHO-Klassifikation gibt es das Carcinoma in situ als „high grade“-Läsion und die Dysplasie als „low grade“-Läsion. Ein kleiner Herd hochgradig abnormer Zellen umgeben von normalem Urothel muss Carcinoma in situ genannt werden, weil unabhängig von der Menge der Zellen ein hohes Malignitätspotenzial besteht.
Prognostische Faktoren
Die wesentlichen prognostischen Faktoren für das Urothelkarzinom sind Infiltrationstiefe und Differenzierungsgrad. Zwischen beiden besteht ein enger Zusammenhang: Nichtinvasive Urothelkarzinome sind im Gegensatz zu muskelinvasiven Karzinomen in mehr als 60 % der Fälle hochdifferenziert (Tabelle). Patienten mit nichtinvasiven Tumoren (pTa) entwickeln unabhängig vom Differenzierungsgrad in 0,7 % der Fälle Metastasen. Bei Infiltration der Lamina propria ist mit einer Metastasierung in 14 bis 23 % der Fälle zu rechnen. Das Rezidivrisiko steigt, wenn multiple Tumoren existieren, der Tumordurchmesser > 3 cm ist, bei zunehmender Entdifferenzierung, bei begleitendem Carcinoma in situ und bei Vorliegen eines pT1-Stadiums.
Bei der Mehrzahl der Patienten mit „low risk“-Tumoren (pTa G1–2) entwickelt sich eine Metastasierung nicht primär, sondern als Folge einer lokalen Tumorprogression. Sie verschlechtert die Prognose vor allem der Patienten mit pT1-G3-Tumoren. Das Tumorrezidiv hat einen gesicherten Einfluss auf das Überleben der Patienten mit pT1-G3-Urothelkarzinomen. Wie die Daten des Essener Harnwegstumorregisters zeigen, scheint sich die Tumorbiologie von Patienten mit nichtinvasivem pTa-G1-2-Urothelkarzinom deutlich von der von Patienten mit einem pT1-G3-Karzinom zu unterscheiden. Dies wird in einer niedrigeren Metastasierungsrate und in einer verminderten Progressionsrate des lokalen Rezidivs deutlich (5).
Urinzytologie und uringebundene Markersysteme
Ziel der urinzytologischen Diagnostik ist in erster Linie die Detektion von „high risk“-Urothelkarzinomen. Die Sensitivität für dieses Tumorspektrum beträgt 75 bis 95 % für ehemalige G2- und G3-Karzinome (6, e3, e4). Insbesondere für die Diagnostik des Carcinoma in situ zeigt die Urinzytologie eine exzellente Treffsicherheit von 95 %. Die Untersuchung zeichnet sich durch eine hohe Spezifität aus (17, e5). Uringebundene Markersysteme sollen die Detektionsrate steigern.
Beachtung fand die Detektion des „bladder tumor antigen“ (BTA), das bei Patienten im Urin im Schnelltest nachweisbar war. Der BTA-stat-Test erreichte bei einer Spezifität von 95 % eine Sensitivität von 57 % für G1-Tumoren, 56 % für G2-Tumoren und 95 % für G3-Tumoren. In der Kontrollgruppe mit Harnwegsinfekten, Urolithiasis oder einer benignen Prostatahyperplasie bestand eine Spezifität von 33 % (e5, e6).
Der NMP-22-Test basiert auf dem Nachweis des „nuclear matrix protein“ als Bestandteil des Mitoseapparats. Die Arbeitsgruppe um Poulakis et al. erreichte eine Sensitivität von 82 % für G1-, 89 % für G2- und 94 % für G3-Tumoren. Die Spezifität betrug 68 % (8). Ein neue Möglichkeit zur Detektion von Urothelkarzinomen im Urin ist die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) und die Mikrosatelliten-Analyse (9, e7). Hierzu werden fluoreszierende zentromerische und lokusspezifische DNA-Proben eingesetzt, um Urothelzellen mit chromosomalen Anomalien zu erkennen. Halling et al. erzielten Sensitivitäten von 36 % für G1-, 76 % für G2- und 96 % für G3-Tumoren. Die Spezifität betrug 96 % (10). Ein weiteres Markerprotein ist das Anti-Apoptose-Protein Survivin (e8). Die bislang durchgeführten Studien hatten nur geringe Fallzahlen. Es wurde eine Sensitivität von 100 % und eine Spezifität von 100 beziehungsweise 87 % erreicht (11, e9).
Zytokeratine sind die dominierenden Zytoskelett-Proteine epithelialer Zellen; die Expression der Zytokeratine 8, 18, 19, 20 wurde in Urothelkarzinomen in zahlreichen Studien untersucht. Mit dem UBC-Test und dem Cyfra 21–1 sind Urintestverfahren verfügbar, die Zytokeratin 8, 18 und ein Fragment von Zytokeratin 19 im Urin darstellen. Die Detektion von Zytokeratin 20 bleibt der Immunhistochemie beziehungsweise der RT-PCR vorbehalten. In bislang publizierten Studien wird über eine Sensitivität, stratifiziert über die Differenzierungsgrade, von 13 bis 60 % für G1-, 42 bis 79 % für G2- und 35 bis 75 % für G3-Tumoren berichtet (12, e10). Derzeit kann kein uringebundenes Markersystem die Zystoskopie in der Diagnostik des nichtinvasiven Urothelkarzinoms ersetzen. Ein Einsatz als Primärdiagnostik ist derzeit insbesondere bei einer noch hohen Rate falschpositiver Befunde nur bedingt zu unterstützen.
Ausscheidungsurogramm und Sonographie
Zur Diagnostik von Blasentumoren gehört das Ausscheidungsurogramm und die Sonographie zur Detektion exophytischer Blasentumoren sowie gegebenenfalls einer Lymphknotenvergrößerung (ab 2,5 cm) oder einer hepatischen Filiarisierung. Die Notwendigkeit des initialen Ausscheidungsurogramms wird allerdings wegen der seltenen metachronen Inzidenz von Tumoren des oberen Harntrakts kontrovers diskutiert.
Therapie des nichtinvasiven Blasenkarzinoms
Patienten mit nichtinvasiven Blasentumoren sind kein einheitliches Kollektiv: Die korrigierten Überlebensraten der Patienten mit nichtinvasiven Tumoren (Ta G1–3, T1 G1–2) liegen 5 Jahre nach der transurethralen Resektion (TUR) zwischen 81 und 96 %. Eine ungünstigere Prognose zeigen Patienten mit T1G3-Karzinomen. Nichtinvasive Tumoren (pTa) führen in weniger als 1 % der Fälle zur Metastasierung, 99,3 % dieser Patienten überlebten metastasenfrei 5 Jahre.

Indikation zur Nachresektion
Die Indikation zur erneuten TUR besteht bei pT1-Tumoren und bei pTa-Tumoren, bei denen eine komplette Tumorresektion zunächst nicht möglich war (13). Ferner sollte eine Nachresektion erfolgen, wenn im pathologischen Präparat keine Muskulatur nachgewiesen wurde. Hat man bei der Erstresektion ein Ta/T1-„high grade“-Karzinom detektiert, sollte auch dieser Befund nachreseziert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ta/T1-G3-Urothelkarzinom mit einer Muskelinvasion einhergeht, liegt bei 10 % (13). Deswegen ist auch hier eine Nachresektion angezeigt.

Radikale Zystektomie
Eine hohe Tumorprogressionsrate haben Patienten mit einem pT1G3-Tumor; 36 % der Patienten sterben innerhalb von 5 Jahren an dieser Krebserkrankung (5, 14). Stöckle et al. und Herr et al. korrelierten Überlebensraten nach Zystektomie und Erstnachweis eines Harnblasenkarzinoms pT1 mit den Resultaten einer verzögerten Zystektomie, die nach dem Rezidiv eines pT1-Tumors erfolgte. Die korrigierten 5-Jahres-Überlebensraten betrugen 89 beziehungsweise 92 %; früher – nach verzögerter Zystektomie bei Auftreten eines Rezidivs – nur 60 % beziehungsweise 56 % (15, 16). Allerdings ist auch die BCG-Therapie eine sinnvolle Option beim T1G3-Blasenkarzinom. Sie ergibt 5-Jahres-Überlebensraten von bis zu 88 %, sodass derzeit nicht klar festgelegt werden kann, welcher Patient mit einem T1G3-Tumor früh zystektomiert werden muss.
Indikationen zur Blasenteilresektion werden allenfalls beim gut zugänglichen solitären Tumor (zum Beispiel am Blasendach), beim Divertikelkarzinom oder beim solitären T1G3-Karzinom ohne begleitendes Carcinoma in situ gesehen.

Strahlentherapie
Im randomisierten Vergleich ist die definitive Strahlentherapie der Radiochemotherapie unterlegen. Die Radiochemotherapie ist ein multimodales, auf Organ- und Funktionserhalt zielendes Konzept, das im nicht randomisierten Vergleich zur Zystektomie quod ad vitam um 10 bis 15 % schlechter bewertet wird. Größere Serien zeigen 5-Jahres-Überlebensraten von 48 bis 63 % (17). Häufigste Nebenwirkungen sind die radiogene Zystitis und das kurzfristige Auftreten einer Proktitis. Spätkomplikationen sind im Wesentlichen Fistelbildungen und die radiogene Schrumpfblase.

Adjuvante Therapie
Die adjuvante Behandlung nach TUR sollte das Tumorrezidiv und wenn möglich auch die Progression verhindern. Adjuvante Therapiemaßnahmen können Chemo- oder Immuntherapie sein.

Intravesikale Chemotherapie
Die Wirksamkeit für intravesikal angewandte Chemotherapeutika hinsichtlich der Rezidivrate konnte durch die topische Anwendung von Thiotepa, Mitomycin, Doxorubicin und Epodyl bei nicht komplett resezierten, nicht muskelinvasiven Harnblasentumoren belegt werden. Eine Metaanalyse der European Organisation for Research and Treatment of Cancer und des Medical Research Council, Großbritannien, zeigte im Vergleich zur alleinigen TUR keinen Einfluss der topischen Therapie auf Tumorprogression, Fernmetastasen, Überleben und Tod. Empfohlen wird eine unmittelbar postoperative Zytostatikaapplikation (Frühinstillation) (18, e11), zunächst wöchentlich oder alle 2 Wochen, danach monatlich. Die Gesamtbehandlungsdauer sollte bei erfolgter Frühinstillation 6 Monate nicht überschreiten. Ohne Frühinstillation scheint die Erhaltungstherapie über 12 Monate sinnvoll zu sein.

Immuntherapie
Vergleichbar zur intravesikalen Chemotherapie sind die Immuntherapeutika Bacillus Calmette-Guérin (BCG) und a-Interferon. Interferon wirkt immunmodulierend und antiproliferativ. Die prinzipielle Wirksamkeit dieser Substanzen nach Instillation bei noch vorhandenem Tumor wurde geprüft. Kontrollierte Studien zur intravesikalen Therapie mit BCG zeigen eine Senkung der Rezidivrate im Vergleich zur alleinigen TUR. Die Rezidivhäufigkeit kann durch die Anwendung von BCG um bis zu 56 % gesenkt werden (19). Die Immuntherapie mit BCG ist durch die Erhaltungstherapie verbessert worden. Eine prospektiv randomisierte Untersuchung der Southwestern Oncology Group durch Lamm hat signifikante Vorteile im Hinblick auf die Rezidivrate für die Erhaltungstherapie mit BCG gezeigt, ein signifikanter Vorteil bezüglich Progressionsrate und tumorbedingter Todesrate wurde nicht beschrieben. Zudem weist die Erhaltungsbehandlung schwerwiegende Nebenwirkungen bei 26 % der Patienten auf (20).
Eine Metaanalyse der EORTC bewertet den Einfluss von BCG auf die Tumorprogression (21). 260 von 2 658 mit BCG therapierten Patienten wurden progredient (9,8 %) im Vergleich zu 304 von 2 205 Kontrollpatienten (13,8 %). Der Unterschied war signifikant, beschränkte sich aber auf Patienten mit einer BCG-Erhaltungstherapie.
Therapie des Carcinoma in situ
Das derzeitige Therapiekonzept beim Tis sieht zunächst eine intravesikale Behandlung mit BCG vor. Ist innerhalb von 3 Monaten eine komplette Remission nicht zu erreichen, sollte eine wiederholte Instillation oder eine Zystektomie angeschlossen werden.
Bei der intravesikalen Immuntherapie des „high grade“-Karzinoms beziehungsweise des Tis zeigt die derzeitige Datenlage, dass die BCG-Therapie die Progression verzögern kann. Dabei werden verschiedene Stämme von BCG genutzt. Die Applikation erfolgt über 6 Wochen einmal wöchentlich gefolgt von einer Erhaltungsbehandlung über maximal 36 Monate (22). Der hohe Anteil späterer muskelinvasiver Karzinome lässt die frühzeitige radikale Zystektomie in der Behandlung des therapierefraktären Carcinoma in situ sinnvoll erscheinen (23). Allerdings ist heute aufgrund fehlender Marker und fehlender prospektiver vergleichender Studien unklar, welche Patienten einer frühen Zystektomie zugeführt werden sollten.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=54963

"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

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Blasenkrebs, 3. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......
« Antwort #2 am: 17. Februar 2008, 00:31 »
Frohneberg, Detlef
Muskelinvasives Harnblasenkarzinom: Teil 3 der Serie zum Harnblasenkarzinom
Bladder Cancer with Muscle Invasion
Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A-868 / B-767 / C-738
MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Zusammenfassung
Einleitung: Unter Berücksichtigung der verfügbaren operativen Technik, die einen orthotopen Blasenersatz ermöglicht, ist die radikale Zystektomie ein effektives und sicheres Verfahren zur lokalen Kontrolle muskelinvasiver, nicht-metastasierter Harnblasenkarzinome. Methoden: Auswertung von interdisziplinärem Expertenwissen und selektiv recherchierter Literatur. Ergebnisse und Diskussion: Regionale Lymphknotenmetastasen findet man in bis zu 15 % der Fälle bei T1-Tumoren und in 35 bis 75 % bei T3/T4-Läsionen, abhängig vom Ausmaß der Lymphadenektomie. Daher gewinnt die Ausdehnung der Lymphadenektomie als integraler Bestandteil der chirurgischen Therapie an Bedeutung. Bei Patienten, die aufgrund von Multimorbidität nicht zystektomiert werden können, kommt alternativ eine kombinierte Strahlen-/Chemotherapie infrage. Dieser sollte eine zumindest makroskopisch vollständige transurethrale Resektion des Tumors vorausgehen. Zur neoadjuvanten Chemotherapie vor und adjuvanten Chemotherapie nach Zystektomie liegen inzwischen Metaanalysen vor, die einen, wenn auch geringen Vorteil für beide Verfahren zeigen. Allerdings sind die Patientenzahlen in beiden Auswertungen gering, sodass daraus kein Standard abgeleitet werden kann. Die Wertigkeit dieser Therapie ist derzeit nicht endgültig beurteilbar.
Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A 868–72.

Etwa 95 % aller Blasentumoren gehen vom Urothel aus. Dabei unterscheidet man generell zwischen einem papillären und einem soliden Tumorwachstum.
Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose zeigen 70 bis 80 % aller Tumoren ein nicht invasives, papilläres Wachstum (pTa-1). 10 bis 15 % dieser Tumoren entwickeln im weiteren Krankheitsverlauf eine Progression mit muskelinvasivem Tumorwachstum. Dem stehen Tumoren gegenüber, die bei Erstdiagnose bereits muskelinfiltrierend sind und eine schlechtere Prognose aufweisen (pT2, > pT2). Hinsichtlich der Tumorbiologie und der Progressionsrate stellen pT1-Tumore und Carcinomata in situ (CIS) Läsionen dar, deren Zuordnung in eine der beiden vorgenannten Gruppen nicht immer sicher gelingt (Grafik).
Methoden
Die Erstellung des Artikels erfolgte interdisziplinär von mit der Therapie des Harnblasenkarzinoms vertrauten Kollegen aus der Uro-Onkologie und Strahlentherapie. Fragestellungen zur Zystektomie und organerhaltenden Therapieoptionen, wie der Blasenteilresektion oder transurethralen Resektion plus kombinierter Radiochemotherapie, sowie Lokalrezidivrate und Harnröhrenrezidiven wurden anhand retrospektiver Studien bearbeitet. Zur neoadjuvanten und adjuvanten Chemotherapie des lokal fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms liegen prospektiv randomisierte Studien vor. Die entsprechenden Arbeiten sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.
Radikale Zystektomie
10 bis 20 % der Harnblasenkarzinome wachsen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose muskelinvasiv, ohne Lymphknoten- oder Fernmetastasen. Behandlung der Wahl ist die radikale Zystektomie mit bilateraler pelviner Lymphadenektomie.
Beim Mann umfasst dies die Entfernung von Harnblase, Prostata, Samenblasen, proximalen Samenleitern und distalen Harnleitern sowie der Harnröhre bei Tumorbefall. Bei der Frau werden außer der Harnblase die distalen Harnleiter und bei Tumorbefall, beziehungsweise wenn kein orthotoper Blasenersatz geplant ist, die Harnröhre mitentfernt. Wegen möglicher Tumorinfiltration ist auch die Mitnahme des Uterus und des ventralen proximalen Scheidendrittels zu empfehlen. Die gleichzeitige Ovarektomie ist heute nicht mehr Standard.
Grundsätzlich orientiert sich die Höhe der Harnleiterresektion am histologischen Untersuchungsergebnis im Schnellschnitt. Der Absetzungsrand sollte tumorfrei und frei von Carcinoma in situ sein.
Kann die Harnröhre erhalten bleiben, empfiehlt sich die Präparationstechnik wie bei der radikalen Prostatektomie, um nicht nur die Möglichkeit einer kontinenten Harnableitung unter Nutzung der Harnröhre (Neoblase) anzustreben, sondern auch um die Voraussetzung für einen Potenzerhalt zu schaffen. Gleiches gilt für den Erhalt der neurovaskulären Bündel bei der Frau.
Beim Mann ist die Prostata- und Samenblasenentfernung bei Tumorbefall obligat; er erscheint aber auch bei tumorfreien Biopsien sinnvoll, um das Urothel in diesem Bereich vollständig zu entfernen, lokalen Rezidiven und der Entwicklung eines Prostatakarzinoms vorzubeugen. Einige Autoren raten zu einer Adenomenukleation oder -resektion oder zum Belassen der dorsalen Prostatakapsel, vor allem, um dem Erektionsverlust entgegenzuwirken (1). Da es heute technisch möglich ist, nervprotektiv vorzugehen, ist wegen Nachteilen – wie etwa der Entwicklung eines Prostatakarzinoms oder eines Rezidivs bei Urothelkarzinom in der proximalen Urethra – dieses Verfahren infrage zu stellen.
Bei der Frau orientiert sich die Entfernung der ventralen proximalen Scheide an Infiltrationstiefe und Lokalisation des Tumors; die Entfernung eines gesunden Uterus erfolgt in Absprache mit der Patientin; bei prämenopausalen Patientinnen sollte zumindest ein Ovar belassen werden.
Die Schonung der Harnröhre bei der Frau erfolgt bei Wunsch nach einer orthotopen Ersatzblase nach den gleichen Grundsätzen wie beim Mann.
Als Harnableitung ist der orthotope Blasenersatz bei Frau wie Mann wünschenswert. Allerdings können Multimorbidität und altersbedingte Abnahme der mentalen Kapazität gegen diese Form der Harnableitung sprechen. Alternativ steht als einfaches inkontinentes Verfahren ein Conduit mit Beutelversorgung zur Verfügung. Kommt der orthotope Blasenersatz aufgrund der Tumorlokalisation oder gleichzeitigem Befall der Harnröhre nicht infrage, bieten der katheterisierbare Pouch oder die Harnleiter-Darm-Implantation Alternativen. Letztere setzt einen kontinenten Schließmuskel des Afters voraus.
Unter Berücksichtigung der verfügbaren operativen Technik mit der Möglichkeit eines orthotopen Blasenersatzes ist die radikale Zystektomie ein effektives und sicheres Verfahren zur lokalen Kontrolle muskelinvasiver, nichtmetastasierter Harnblasenkarzinome.
Einfluss der Zystektomie auf die Überlebensrate
Da die Wahrscheinlichkeit der Metastasierung mit der Infiltrationstiefe korreliert, werden die Therapieergebnisse in Abhängigkeit von der intraoperativen Tumorausdehnung dargestellt. Die korrigierte 5-Jahres-Überlebensrate für Patienten mit muskelinvasivem Harnblasenkarzinom pT2 beträgt im Rahmen neuerer Studien über 89 %, bei Patienten mit einem pT3a nahezu 79 %. Bei die Blasenwand überschreitenden Tumoren (> pT3a) ist die Langzeitüberlebensrate erheblich eingeschränkt. Ebenso ergeben sich deutliche Unterschiede im Langzeitüberleben abhängig vom intraoperativen Lymphknotenstatus (Tabelle 1). 75 bis 94 % der Patienten mit T4-Tumoren sterben innerhalb von 5 Jahren an den Folgen des Urothelkarzinoms.
Im Fall fortgeschrittener Blasentumorstadien kann die Zystektomie unter palliativer Zielsetzung durchgeführt werden, mit dem Ziel der Verbesserung des Allgemeinzustandes, der lokalen Tumorkontrolle und der Beseitigung beziehungsweise Verhinderung tumorbedingter Komplikationen.
Harnröhrenrezidiv
Ist der Absetzungsrand zur Harnröhre nicht tumorfrei, ist die Indikation zur primären Urethraektomie gegeben. Die Einbeziehung der Harnröhre in die Tumornachsorge ist obligat, auch wenn das Risiko eines Harnröhrenrezidivs nach Zystektomie unterschiedlich beurteilt wird und neben der Invasionstiefe in die Prostata auch von der Form der Harnableitung abhängig ist. Patienten mit Tumorbefall der prostatischen Harnröhre entwickelten in 11 % der Fälle ein Urethrarezidiv, Patienten ohne Befall wiesen in 1 bis 4 % der Fälle ein Urethrarezidiv auf (3, 4).
Lokales Rezidiv
Ein lokales Rezidiv ist definiert als erneutes Tumorwachstum im kleinen Becken, das von Lymphknotenmetastasen oberhalb der Bifurkation der Iliakalgefäße und in den Leistenlymphknoten abgegrenzt wird. Risikofaktoren sind neben pathologisch gesichertem Tumorstadium, mikroskopischem oder makroskopischem Residualtumor und dem Differenzierungsgrad auch das Vorliegen von Lymphknotenmetastasen zum Zeitpunkt der Zystektomie. Durch frühe Diagnosestellung, frühe Zystektomie, verbesserte Selektion von Patienten mit erhöhtem Progressionsrisiko und verbesserte neoadjuvante oder adjuvante Behandlungskonzepte ist die Lokalrezidivrate in den letzten Jahren zurückgegangen. Die lokale Rezidivwahrscheinlichkeit beträgt 7 bis 11 % (5).
Verbleibende tumorbefallene Lymphknoten können Ausgangspunkt eines lokalen Rezidivs sein. Deshalb wird eine ausgedehnte Lymphadenektomie von einigen Autoren empfohlen. Hierzu liegen eine Reihe retrospektiver Studien vor (6–8). Zurzeit wird der Stellenwert der Ausdehnung der Lymphadenektomie in einem prospektiv randomisierten Protokoll der Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie (AUO) der Deutschen Krebsgesellschaft geprüft (Studienübersicht unter www.auo-online.de).
Insgesamt ist die Prognose für Patienten, die ein Lokalrezidiv entwickelt haben, mit einer mittleren Überlebenszeit zwischen 4 und 12 Monaten als schlecht anzusehen.
Blasenerhalt bei muskelinvasiven Tumoren
Transurethrale Resektion plus kombinierte Radiochemotherapie
Der Versuch einer blasenerhaltenden Therapie ist gerechtfertigt, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit die Möglichkeit einer lokalen Heilung bei funktionell nicht eingeschränkter Harnblase besteht, und die Überlebensraten im Vergleich zur primären Zystektomie nicht verschlechtert werden. Weder die alleinige transurethrale Resektion (TUR), noch die ausschließliche Radiotherapie oder Chemotherapie erzielen ausreichende lokale Kontrollraten, um eine echte Alternative zur Zystektomie darzustellen. Die Resultate lassen sich jedoch deutlich verbessern, wenn alle Behandlungsbausteine optimal aufeinander abgestimmt werden (9).

Initiale transurethrale Resektion
Ist aufgrund der Infiltrationstiefe eine komplette Tumorresektion gegebenenfalls auch durch Nachresektion möglich, sollte diese vor einer Radiochemotherapie immer angestrebt werden. Darüber hinaus sind folgende Parameter mit einem günstigen Ansprechen und weiteren Krankheitsverlauf assoziiert:
- frühes Tumorstadium (T2)
- unifokales Tumorwachstum
- Tumorgröße unter 5 cm
- Fehlen einer lymphatischen oder vaskulären Infiltration (L0, V0)
- Fehlen einer ureteralen Obstruktion
- Fehlen eines begleitenden Carcinoma in situ

Radiotherapie
Die Strahlentherapie beginnt 2 bis 4 Wochen nach TUR. Die Gesamtdosis auf das Zielvolumen 2. Ordnung (Primärtumor plus pelvines Lymphabflussgebiet) beträgt 45 bis 50 Gy. Anschließend erfolgt eine kleinvolumige Aufsättigung der Primärtumorregion bis 55,80 Gy nach R0-Resektion sowie bis 59,40 Gy nach R1/2-Resektion.

Chemotherapie
Die Chemotherapie hat 2 Rationale: Zum einen soll durch die radiosensibilisierende Wirkung von Substanzen wie Cisplatin und 5-Fluorouracil eine lokal höhere Remissions- und Kontrollrate erreicht werden. Zum anderen erhofft man sich, die zum Diagnosezeitpunkt in bis zu 50 % der Fälle vorhandene okkulte Tumorzellstreuung bei muskelinvasiven Tumoren möglichst effektiv behandeln zu können.
Der bislang einzige randomisierte Vergleich ergab eine signifikante Verbesserung der lokalen Kontrolle, wenn die Radiotherapie mit einer cisplatinhaltigen Chemotherapie kombiniert wurde (10, 11). Einschränkend muss diskutiert werden, ob Patienten, deren Tumor initial nicht auf eine Chemotherapie anspricht, eine Zystektomie empfohlen werden muss. Die European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) hat hierzu ein Studienprotokoll entwickelt, das ein Vorgehen zum Blasenerhalt der radikalen Zystektomie gegenüberstellt (EORTC Protocol 30971).

Re-Staging mit bioptischer Sicherung des Therapieergebnisses und gegebenenfalls Salvage-Operation
Die Sicherung des Therapieergebnisses durch eine Re-Staging-TUR hat zentrale Bedeutung für die weitere Behandlungsplanung. Non-Responder können durch dieses Vorgehen frühzeitig erkannt und einer radikalen Operation zugeführt werden. Diese „Salvage“-Zystektomie ist integraler Bestandteil des Gesamtkonzeptes und darf bei operationsfähigen und -willigen Patienten nicht verzögert werden. Die Salvage-Zystektomie hat bei Patienten mit muskelinvasivem Rezidivtumor kurativen Charakter, die 5-Jahres-Überlebensraten liegen bei 50 % und damit in der Größenordung der Überlebensraten nach primärer Zystektomie (12).
Nebenwirkungen, Spätkomplikationen und Nachsorge
Akute Nebenwirkungen betreffen vor allem die radiogene Zystitis, die Proktitis und die Diarrhö, schwere akute Nebenwirkungen (Grad 3 bis 4) sind jedoch selten (< 5 bis 10 %). Schwere radiogene Spätfolgen, insbesondere Schrumpfblasen oder operationspflichtige Darmstenosen, wurden in 2 beziehungsweise 1,5 % der Fälle beobachtet (11). Wegen des Risikos von Rezidiven im erhaltenen Organ (30 %) und der guten Prognose dieser Rezidive bei konsequenter Therapie ist eine regelmäßige zystoskopische Kontrolle erforderlich.
Die Überlebensraten sind im nichtrandomisierten Vergleich denen der primären Zystektomie durchaus ebenbürtig (Tabelle 2). Ideale Kandidaten für den Organerhalt sind Patienten mit frühen Tumorstadien und unifokalen Tumoren, die auch motiviert sind, regelmäßige – unter Umständen lebenslange – Nachsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Dennoch sollte auch dieser Patientengruppe die Zystektomie nahegelegt werden. Lediglich bei Kontraindikationen für eine Zystektomie stellt das organerhaltende Vorgehen eine echte Alternative dar.

Blasenteilresektion bei muskelinvasiven Tumoren
Ziel einer Blasenteilresektion ist neben dem Erhalt der Blasenfunktion, der Kontinenz und des neurovaskulären Bündels auch die lokale Tumorkontrolle. Die 5-Jahres-Überlebensraten sind hierbei vergleichbar mit denen der Zystektomie, wenn stringente Selektionskriterien angewandt werden (16) – wie auch der Vergleich historischer Serien zeigt (17–18). Dennoch sollte dieses Vorgehen einer Gruppe hoch selektionierter Patienten vorbehalten bleiben. Da Patienten mit einem begleitenden Carcinoma in situ oder Lymphknotenbefall ein erhöhtes Progressionsrisiko haben, sollte diesen Patienten eine Blasenteilresektion nicht empfohlen werden.

Adjuvante Chemotherapie des fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms
Die adjuvante Chemotherapie hat zum Ziel, den Erfolg vorangegangener lokaler Maßnahmen zu konsolidieren und vorhandene nicht sichtbare Tumorresiduen zu erfassen.
In der Arbeit von Skinner et al., in der die alleinige Zystektomie versus Zystektomie plus 4 3 Cyclophosphamid, Adriamycin und Cisplatin bei 91 Patienten verglichen wurde, ergab sich nach 5 Jahren ein krankheitsfreies Überleben von 34 versus 51 % und ein Gesamtüberleben von 39 versus 44 % zugunsten der adjuvanten Chemotherapie. Nach 7 Jahren kreuzten sich die Kurven des krankheitsfreien Überlebens allerdings unerwartet. Die Studie zeigte, dass besonders Patienten mit nur einem tumorbefallenen Lymphknoten hinsichtlich der 3-Jahres-Überlebensrate im Vergleich zur Kontrollgruppe profitieren (19).
Stöckle und Mitarbeiter untersuchten den Einfluss der adjuvanten Chemotherapie nach dem MVAC- oder MVEC-Schema auf die Tumorprogressionsrate nach radikaler Zystektomie und pelviner Lymphadenektomie für Patienten mit lokal fortgeschrittenem Harnblasenkarzinom (pT3b, pT4a) und/oder pelvinen Lymphknotenmetastasen (20) (MVAC: Methotrexat, Vinblastin, Adriblastin, Cisplatin; MVEC: Methotrexat, Vinblastin, Epirubicin, Cisplatin). Im Rahmen dieser Studie fand man bei einer Nachbeobachtung von 3 Jahren einen signifkanten Unterschied im progressionsfreien Überleben zugunsten der adjuvanten Chemotherapie (13 versus 63 %). Aufgrund der kleinen Fallzahl lässt sich ein Vorteil der adjuvanten Chemotherapie aus dieser Studie allerdings schwer ableiten.
In einer späteren Auswertung mit 166 Patienten, in die auch die initialen 49 Patienten eingingen, ergab sich ebenfalls ein signifikanter Vorteil für die adjuvante Chemotherapie mit einem krankheitsfreien Überleben von 26 versus 50 % nach 5 Jahren. Auch hier bestätigte sich, dass Patienten mit nur einem befallenen Lymphknoten am ehesten profitieren (21).
Freiha et al. verglichen die alleinige Zystektomie versus Zystektomie plus 4 3 CMV bei 50 Patienten (CMV: Cisplatin, Methotrexat, Vinblastin). Patienten ohne adjuvante Chemotherapie erhielten diese bei Progress. Es ergab sich ein signifkanter Unterschied hinsichtlich der medianen Zeit bis zum Progress (12 versus 37 Monate) zugunsten der adjuvanten Chemotherapie. Auch diese Studie wurde vorzeitig beendet (22).
Hinsichtlich der Zusammensetzung der adjuvanten Chemotherapie konnten Lehmann et al. in einer aktuellen Studie mit 327 Patienten zeigen, dass die Kombination von Cisplatin und Methotrexat (CM) nicht signifikant schlechter als MVEC ist, aber eine deutlich geringere Rate an Grad-3- und -4-Toxizitäten zeigt (23).
Fasst man die Daten zur adjuvanten Chemotherapie zusammen – wie in der aktuellen Metaanalyse einer vom Medical Research Council (MRC) gebildeten Arbeitsgruppe (Advanced Bladder Cancer Trialist Group) geschehen – so ergibt sich ein Überlebensvorteil von 9 % (1 bis 16 %) nach 3 Jahren. Allerdings gingen in diese Auswertung nur 491 Patienten ein;
einige Studien wurden vorzeitig gestoppt, sodass die Studien zum großen Teil nicht ausreichend aussagekräftig sind. Daher sollte die adjuvante Chemotherapie zurzeit noch nicht als Standard angesehen werden (24).

Neoadjuvante Chemotherapie des fortgeschrittenen Urothelkarzinoms
Bislang liegen 11 randomisierte Studien zur neoadjuvanten Chemotherapie mit einer Gesamtzahl von mehr als 3 000 Patienten vor, ohne dass der Stellenwert dieser Behandlungsform eindeutig klar ist. Im Rahmen einer Metaanalyse der MRC-Gruppe sind die Ergebnisse von 2 688 Patienten aus randomisierten Studien erfasst worden (25). Im Vergleich zur Kontrollgruppe besteht ein 5-Jahres-Überlebensvorteil von 5 % zugunsten der chemotherapierten Patienten. Der Tod infolge des Tumors wird durch eine Chemotherapie um 13 % verringert. Die Polychemotherapie ist der Monochemotherapie überlegen (p = 0,044).
Aufgrund der grenzwertigen Unterschiede wird eine routinemäßige Anwendung nicht empfohlen.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=55037
« Letzte Änderung: 17. Februar 2008, 00:36 von Dietmar E. »
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« Antwort #3 am: 17. Februar 2008, 00:33 »
Die Ausräumung der pelvinen Lymphknoten wurde von Leadbetter und Cooper 1950 in das Behandlungskonzept des invasiven Blasenkarzinoms eingeführt (1). Kombiniert man diese pelvine Lymphadenektomie mit der operativen Entfernung der Harnblase (totale Zystektomie), spricht man von der radikalen Zystektomie. Sie ist heute zusammen mit einer Harnableitungstechnik, zum Beispiel Ileum-Conduit oder kontinente Ersatzblase, die Standardbehandlung des invasiven Blasenkarzinoms.
Der Artikel beruht auf einer im Jahr 2005 erschienenen Monographie zum Thema Blasenkarzinom (2). Die Aktualität wurde zusätzlich durch umfangreiche Recherchen in der Literaturdatenbank „PubMed“ (www.ncbi.nlm.nih.gov) gewährleistet.
Bis in die 1980er-Jahre galt, dass die Lymphknotenausräumung lediglich ein diagnostischer Eingriff ist, weil die Prognose der Patienten mit tumorbefallenen Lymphknoten als infaust angesehen wurde. Dagegen berichteten Smith und Whitmore 1981 über 135 radikal zystektomierte Patienten mit Lymphknotenbefall, von denen immerhin 9 (6,7 %) geheilt werden konnten (3). Trotzdem war damals die Heilungswahrscheinlichkeit für diese Patienten niedriger als die perioperative Mortalität, die auch in spezialisierten Zentren noch nicht in den einstelligen Prozentbereich abgesunken war. Konsequenterweise diente die pelvine Lymphadenektomie nur zur Eingrenzung der OP-Indikation: Waren bei einer radikalen Zystektomie die pelvinen Lymphknoten in der intraoperativen Schnellschnittdiagnostik tumorbefallen, wurde die Operation abgebrochen, weil das Risiko des Eingriffs für den Patienten höher war als der potenzielle Nutzen. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung von Smith und Whitmore publizierte Skinner jedoch eine Serie von 36 radikal zystektomierten Patienten mit tumorbefallenen Lymphknoten, von denen 13 (35 %) über 5 Jahre hinaus überlebt hatten (4). Diese Publikation markiert den Beginn einer Kontroverse zum Thema Lymphknotenmetastasen, die bis in die heutige Zeit anhält. Skinner interpretierte seine bemerkenswerte Heilungsrate als das Ergebnis einer besonders sorgfältigen und ausgedehnten Lymphknotenausräumung. Die meisten Kliniken hielten die Arbeit von Skinner im Jahre 1982 aber für nicht reproduzierbar und vertraten weiterhin das Konzept des Operationsabbruchs beim Nachweis von Lymphknotenmetastasen – außerhalb Deutschlands und den USA teilweise bis zum heutigen Tag.
Ob zu Skinners Erfolg frühe und experimentelle Formen einer adjuvanten Chemotherapie beigetragen haben, ist im Detail nicht mehr nachvollziehbar. Allerdings ist die Grenze dessen, was operativ bei Patienten mit tumorbefallenen Lymphknoten zu erreichen ist, aus einer aktuelleren Arbeit der Skinnerschen Arbeitsgruppe ablesbar (5): 105 Patienten mit Lymphknotenbefall, die operiert, aber nicht adjuvant chemotherapiert waren, hatten eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 29 % nach 10 Jahren. Eine adjuvante Cisplatin-gestützte Chemotherapie erhöhte die Wahrscheinlichkeit bei 139 Patienten um weitere 10 % auf 39 %. Dass diese Zahlen als Obergrenzen des derzeit Erreichbaren angesehen werden müssen, ergibt sich aus dem Umstand, dass diese Arbeitsgruppe als erste und für lange Zeit auch einzige eine sehr sorgfältige erweiterte Lymphknotenausräumung bis in Höhe der Aortenbifurkation durchgeführt und propagiert hat. Daher erscheint es unwahrscheinlich, dass man durch weitere Verbesserungen der Operationstechnik ohne zusätzliche Chemotherapie die Heilungsrate der Patienten mit Lymphknotenbefall wesentlich steigern kann.
Die meisten Zentren brechen die Operation bei pelvinem Lymphknotenbefall nicht mehr ab. Dafür gibt es 3 wesentliche Gründe:
- Die perioperative Mortalität bei der radikalen Zystektomie sollte heute in erfahrenen Zentren unterhalb von 5 % liegen. Gleichzeitig werden von solchen Zentren Heilungsraten beschrieben, die zumindest über 15 % liegen, auch wenn die von Skinner veranschlagten Zahlen nach wie vor nicht durchgängig erreicht werden. Damit hat sich das Schaden-Nutzen-Verhältnis der radikalen Zystektomie bei Lymphknotenbefall gewendet.
- Die Zystektomie hat für die Patienten, die am Tumor versterben werden, einen palliativen Nutzen: Sie erspart den Betroffenen die teilweise sehr quälenden Komplikationen des lokal fortschreitenden Tumors, beispielsweise den nekrotischen Tumorzerfall oder die rezidivierenden und schmerzhaften Blasentamponaden durch intermittierende Blutungen.
- Die erstmalige Beschreibung der Cisplatin-gestützten Chemotherapie, die bei metastasierten Tumoren gelegentlich auch Komplettremissionen herbeiführt, lässt hoffen, dass die bis dato sehr schlechte Ausgangsprognose der Patienten mit operativ entfernten Lymphknotenmetastasen verbessert werden kann.
Die frühen 1990er-Jahre waren dann allerdings durch Ernüchterung bezüglich einer perioperativen systemischen Chemotherapie geprägt. Insbesondere die Ergebnisse der neoadjuvanten Chemotherapie, also der systemischen Behandlung vor der Zystektomie, wurden als enttäuschend empfunden: Die überwiegende Mehrheit der Studien zeigte keine signifikante Prognoseverbesserung durch die zytostatische Vorbehandlung, obwohl mittlerweile eine aktuelle Metaanalyse mit über 3 000 Patienten aus 11 randomisierten Studien zur neoadjuvanten Chemotherapie einen Überlebensvorteil von 5 % nach 5 Jahren als signifikant beschreibt (6).
Aufgrund der unzureichenden Effektivität der neoadjuvanten Therapiekonzepte ging man nach 1996 wieder der Frage nach, ob von einer Verbesserung des operativen Standards möglicherweise ein größerer therapeutischer Nutzen als von der Chemotherapie zu erwarten ist. Diese Überlegungen waren auch motiviert durch Erfahrungen mit anderen Tumoren, für die in Einzelfällen präzisere Leitlinien und Standards über Technik, Ausdehnung und Stellenwert der Lymphknotenausräumung existieren als beim Urothelkarzinom der Harnblase.
Einige Arbeitsgruppen haben daher versucht, das kurative Potenzial der radikalen Zystektomie durch eine ausgedehnte Lymphknotenausräumung zu verbessern. Alle diese Daten sind retrospektiv. Die statistische Auswertung der Studien weist teilweise erhebliche Mängel auf. Signifikante Unterschiede werden häufig nur in Subgruppen gezeigt, die durch ein bestimmtes Ausmaß an Lymphknotenbefall charakterisiert sind. Ihre Zusammensetzung wird aber gleichzeitig durch die unterschiedliche Ausdehnung der Lymphknotenausräumung verzerrt (7–9). Es besteht somit keine zuverlässige Vergleichsbasis in solchen Subgruppen (10). Auch wenn wahrscheinlich eine ausgedehntere und sorgfältigere Ausräumung von potenziell tumortragendem Gewebe die Heilungswahrscheinlichkeit der betroffenen Patienten verbessert, ist ein solcher Effekt bisher weder bewiesen noch quantifiziert (Grafik). Die vorhandenen Daten wie die von Stein et al. (5) zeigen, dass man einerseits einen Quantensprung für die Heilungswahrscheinlichkeit nicht erwarten darf, andererseits den Nutzen der verbesserten Lymphknotenausräumung im Gesamttherapiekonzept prüfen muss. Um einen besseren Operationsstandard zu erreichen, wurde deshalb 2005 von der Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie (AUO) der Deutschen Krebsgesellschaft ein prospektives Studienprotokoll („LEA“, AB 25-02) zur Ausdehnung der Lymphknotenausräumung aktiviert, in das Patienten mit muskelinvasivem Harnblasenkarzinom vor einer Zystektomie randomisiert werden können (www.auo-online.de).
Perioperative Chemotherapie
Je eine Metaanalyse zur neoadjuvanten (präoperativen) als auch adjuvanten (postoperativen) Chemotherapie hat die Bedeutung einer perioperativen Therapie des lokal fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms unterstrichen (6, 11).
Die Metaanalyse zur neoadjuvanten Chemotherapie basiert auf den individuellen Patientendaten von knapp 3 000 Patienten aus 11 Studien.
Sie belegt für das 5-Jahres-Gesamtüberleben eine signifikante absolute Risikoreduktion von 5 % , nämlich 50 % Gesamtüberlebensrate für die neoadjuvant vorbehandelte Patientengruppe gegenüber 45 % für die Kontrollgruppe mit alleiniger Zystektomie beziehungsweise Strahlentherapie nach 5 Jahren (6). Für eine Monotherapie mit Cisplatin konnte dieser Überlebensvorteil in einer Subgruppe von 376 Patienten nicht bestätigt werden.
Für die adjuvante Chemotherapie wurden die individuellen Daten von 491 Patienten aus 6 randomisierten Studien einer Meta-Analyse unterzogen (11).
Die Ergebnisse zeigen einen absoluten Überlebensvorteil nach 5 Jahren von knapp 10 %, 60 % in der chemotherapeutisch adjuvant therapierten Gruppe gegenüber 50 % in der Kontrollgruppe mit alleiniger Operation. Auch wenn die zugrunde liegenden Einzelstudien wegen kleiner Fallzahlen und methodischer Probleme Diskussionen auslösen, spricht das Gesamtergebnis dafür, dass bei primär operablem Tumorstadium das Konzept der adjuvanten Therapie Vorteile gegenüber dem neoadjuvanten Ansatz hat. 2 Gründe sind wahrscheinlich:
- Eine bessere Patientenauswahl auf der Grundlage des histopathologischen Tumorstadiums am Zystektomiepräparat: Es scheinen im Wesentlichen die Patienten mit histopathologisch nachgewiesenem Lymphknotenbefall zu sein, die von der perioperativen Chemotherapie profitieren. Hiervon sind es diejenigen mit einer begrenzten oder minimalen Beteiligung der Lymphknoten.
- Die Gefahr, dass sich die Prognose durch eine neo-adjuvante Therapie bei chemoresistenten Tumoren verschlechtert: Therapiestudien bei metastasierten Tumoren zeigen Ansprechraten, die nicht wesentlich über 50 % hinausreichen, wobei es sich in der Regel um partielle und selten um komplette Remissionen handelt. Eine viermonatige Vorbehandlung mit 4 Zyklen einer Kombinationstherapie mit Methotrexat, Vinblastin, Adriamycin und Cisplatin zögert die Zystektomie um etwa 5 Monate hinaus und birgt für Patienten mit operabler Ausgangssituation das Risiko einer Prognoseverschlechterung, wenn der Tumor nicht auf die Chemotherapie anspricht.
Deswegen führen die Autoren eine unter anderem von angloamerikanischen Onkologen empfohlene neoadjuvante Chemotherapie bei primär operablen Tumoren nicht durch. Hingegen hat eine neoadjuvante Chemotherapie bei inoperablen Tumorstadien einen festen Stellenwert, auch um durch ein Tumor-“downsizing“ und -“downstaging“ aus einem inoperablen ein operables Tumorstadium zu machen.
Zeitgleich zu den beiden Metaanalysen wurden Daten der bisher größten Phase-III-Studie zur adjuvanten Chemotherapie des lokal fortgeschrittenen Harnblasenkarzinoms publiziert (12). Bei 327 Patienten aus 40 deutschen Zentren verglich man nach Zystektomie jeweils 3 Zyklen Cisplatin plus Methotrexat (CM) mit Methotrexat, Vinblastin, Epirubicin und Cisplatin (MVEC). Die progressfreie Überlebensrate nach 5 Jahren betrug 46 % für CM und 49 % für MVEC. Die beiden Verfahren waren statistisch gesehen gleich effektiv. Die Überlebenswahrscheinlichkeit von 185 Patienten mit Lymphknotenbefall lag bei dieser multizentrischen Studie in beiden Armen ebenfalls fast deckungsgleich bei über 40 %. Sie war somit deutlich besser, als ausgewiesene Zentren es für die alleinige radikale Zystektomie berichten, obwohl der zugrunde liegende Operationsstandard bezüglich der radikalen Zystektomie bei der relativ großen Zahl teilnehmender Kliniken sicherlich nicht einheitlich war. Dieses Ergebnis kann als indirekter, aber deutlicher Hinweis auf die Wirksamkeit der adjuvanten Chemotherapie interpretiert werden.
Insgesamt sind Daten zu Nebenwirkungsraten und Toxizität sowohl für die neoadjuvante wie auch adjuvante Chemotherapie nur spärlich in der Literatur vorhanden. Lediglich aus der großen deutschen adjuvanten Therapiestudie liegen präzisere Ergebnisse vor (12). Wesentlich umfangreicher und valider hingegen sind die Toxizitätsdaten aus Studien zur Behandlung des fortgeschrittenen metastasierten Urothelkarzinoms, aus denen sich die neoadjuvanten und adjuvanten Therapieprotokolle abgeleitet haben (13, 14). So konnte für die klassische MVAC-Therapie eine Leukopenie < 1 000/µl bei über 80 % und neutropenisches Fieber bei bis zu 15 % der Patienten festgestellt werden. Eine Thrombopenie < 50 000/µl trat bei jedem fünften Patienten auf. Außerdem wurde bei 20 % eine klinisch relevante Mukositis festgestellt (14). Für die Kombination Gemcitabin/Cisplatin, die sich mittlerweile etabliert hat, wurden 70 % Leukopenie < 1 000 /µl mit neutropenischem Fieber bei lediglich 2 %, sowie Thrombopenie < 50 000/µl bei mehr als der Hälfte der Patienten festgestellt. Eine relevante Mukositis wurde unter Gemcitabin/Cisplatin nur bei 1 % der Patienten beobachtet. Klinisch relevante Übelkeit/Erbrechen trat zu der Zeit in der vergleichenden Studie bei etwas mehr als 20 % der Fälle in beiden Therapiearmen auf (14).
Auch wenn das Thema perioperative Chemotherapie nach wie vor kontrovers diskutiert wird, wurde in Deutschland inzwischen ein interdisziplinärer Konsens erreicht. Dieser zeigt sich in einer Modifikation der AWMF-Leitlinie.
Demnach sollte Patienten mit einem Harnblasenkarzinom nach der Zystektomie bei Befall der Lymphknoten eine Cisplatin-gestützte adjuvante Kombinationschemotherapie empfohlen werden, sofern ihr Allgemeinzustand und die Nierenfunktion dies zulassen.
Salvage-Lymphadenektomie bei lymphogenem Tumorprogress
Sowohl die Leistungsbreite und erreichbaren Ergebnisse der Operation als auch der inzwischen unbestreitbare Nutzen der Chemotherapie berechtigen zu der Annahme, dass auch bei Patienten mit lymphogenem Tumorprogress nach radikaler Zystektomie mit oder ohne adjuvante Chemotherapie erfolgreich therapiert werden kann. Hier könnte das Prinzip der Salvage-Lymphadenektomie, operative Entfernung nach vorangehender Chemotherapie, nützlich sein. Patienten mit makroskopisch vergrößerten Lymphknotenmetastasen können durch eine alleinige Cisplatin-gestützte Chemotherapie in aller Regel nicht geheilt werden. Ein besserer Effekt konnte bislang im Wesentlichen für die Patienten erzielt werden, bei denen man zum Zeitpunkt der Therapie mit Mikrometastasen gerechnet hat, ohne dass gleichzeitig eine messbare Läsion vorlag. Es scheint, dass die Chemotherapie die soliden Tumoranteile zwar häufig verkleinern, im Regelfall aber nicht vollständig sterilisieren kann. Bei Mikrometastasen und/oder zirkulierenden Tumorzellen scheint dies hingegen bei einem Teil der Fälle zu gelingen. Dies eröffnet umgekehrt die Perspektive, Tumorstadien, die man bislang als inoperabel oder inkurabel eingestuft hat, durch die Kombination aus primärer Chemotherapie und sekundärer Operation zu therapieren. Erste veröffentlichte Serien lassen erkennen, dass auch solche Patienten im Sinne einer definitiven Heilung von solchen sekundären Operationen profitieren können, bei denen im Operationspräparat noch vitale Tumorreste gefunden werden (15). Mit diesen Ergebnissen wird die Frage relevant, ob die Ausräumung tumorbefallener retroperitonealer Lymphknoten oder zahlenmäßig begrenzter Fernmetastasen in Kombination mit der Chemotherapie oder nach dem Ansprechen auf eine Chemotherapie als zusätzliches neues kuratives Therapieprinzip etabliert werden kann. Eine US-amerikanische Serie von 11 Patienten mit retroperitonealem Lymphknotenbefall (16) zeigte hingegen nur für 4 Patienten eine langfristige Heilung. Bei ihnen gab es histo-pathologisch entweder gar keine Tumorreste (n = 2) oder nur minimale Resttumoren in maximal 2 befallenen Lymphknoten mit vitalem Tumornachweis (n = 2). Mit einem etwas anderen chemotherapeutischen Grundkonzept operierte man in der Klinik für Urologie der Universität des Saarlands innerhalb relativ kurzer Zeit inzwischen 8 Patienten sekundär. Es deutet sich
an, dass mit dieser Konzeption auch Patienten mit deutlich mehr als 2 tumorbefallenen Lymphknoten längerfristig überleben können. Wesentliche Voraussetzung für den Erfolg eines solchen aufwendigen Eingriffs scheint zu sein, dass der Tumor auf eine vorausgehende Chemotherapie anspricht (17). Die Patienten, deren Tumoren sich unter einer induktiven Chemotherapie progredient verhalten, werden in der Regel von sekundären Eingriffen nicht profitieren. Sollte es mittelfristig gelingen, das Konzept einer solchen Salvage-Therapie zumindest für definierte Subgruppen von Patienten zu etabliren, würde das unter Umständen auch die Diskussion über das sinnvolle Ausmaß der Lymphknotenausräumung im Rahmen der Primärtumoroperation beeinflussen.
Fazit
Die Konsequenz aus den vorliegenden Daten ist eine Überprüfung des Effekts der Lymphadenektomie im Rahmen der Zystektomie in einer prospektiv randomisierten Studie, die derzeit multizentrisch durch die Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie durchgeführt wird (AUO Protokoll AB 25/02). Das Ziel ist, eine ausgedehnte mit einer eingeschränkten Form der Lymphadenektomie bei klinisch organbegrenzten muskelinvasiven Blasenkarzinomen zu vergleichen und eine Definition eines Standards zu finden. Für Zystektomiepatienten mit histologisch nachgewiesenen Lymphknotenmetastasen wird eine adjuvante, Cisplatin-basierte Chemotherapie empfohlen, sofern ihr Allgemeinzustand und die Nierenfunktion dies zulassen. Für Patienten, die für eine solche Platin-gestützte adjuvante Kombinationstherapie ungeeignet erscheinen, vergleicht das AUO-Protokoll AB 22/00 derzeit die adjuvante Gemcitabin-Monotherapie mit einer abwartenden Haltung mit Gemcitabin-Behandlung bei Nachweis einer Tumorprogression (www.auo-online.de).
Schließlich werden im Rahmen einer Registerstudie der AUO (AB 30/05) in Deutschland Fälle von Patienten gesammelt, bei denen eine komplette Resektion von lymphogenen sowie auch viszeralen Fernmetastasen vor oder nach systemischer Chemotherapie in kurativer Absicht erfolgt ist.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=55129
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Dietmar E.

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Blasenkrebs, 5. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......
« Antwort #4 am: 17. Februar 2008, 00:35 »
Jakse, Gerhard; Stöckle, Michael; Lehmann, Jan; Otto, Thomas; Krege, Susanne; Rübben, Herbert
Metastasiertes Harnblasenkarzinom: Teil 5 der Serie zum Harnblasenkarzinom
Metastatic Bladder Carcinoma
Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A-1024 / B-910 / C-866
MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Zusammenfassung
Einleitung: Etwa 50 % der Patienten mit einem Urothelkarzinom der Harnblase entwickeln nach radikaler Zystektomie abhängig von der histologisch gesicherten Tumorausdehnung ein lokales Rezidiv und/oder Fernmetastasen. Methoden: Auswertung in Pubmed selektiv recherchierter Literatur und eigener Untersuchungen. Ergebnisse: Mit systemischer Polychemotherapie werden Tumorremissionsraten bei bis zu 70 % der Patienten erzielt. Das mediane Überleben beträgt jedoch etwa 14 Monate. Das Ansprechen des Tumors auf Chemotherapie und die Dauer des tumorspezifischen Überlebens werden durch den Allgemeinzustand des Patienten und die Metastasenlokalisation bestimmt. Bei multifokaler Metastasierung ist eine Heilung in Ausnahmefällen zu erwarten. Derzeit sind Polychemotherapieprotokolle mit Gemcitabin und Cisplatin und das MVAC-Schema in der Behandlung des metastasierten Urothelkarzinoms etabliert. Diskussion: In Phase-2-Studien zeigen die Taxane ermutigende Ergebnisse, die möglicherweise eine Verbesserung der Rate an kompletten Remissionen und eine Verlängerung des Überlebens mit sich bringen werden. Die Resultate müssen in Phase-3-Studien überprüft werden. Ebenso erhofft man eine Verbesserung durch die Kombination von Chemotherapeutika mit target-spezifischen Medikamenten. Die Metastasenchirurgie kann bei symptomatischen Patienten und nach Chemotherapie-induzierter Tumorremission eingesetzt werden.
Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A 1024–8.
Schlüsselwörter: Urothelkarzinom, Zystektomie, Chemotherapie, Polychemotherapie, Metastasenchirurgie

Summary
Metastatic Bladder carcinoma
Introduction: Depending on the infiltration depth of the tumour within the bladder and the histology of regional lymph nodes up to 50 per cent of patients with urothelial cancer will develop local recurrence and/or metastatic disease after radical cystectomy. Methods: Selective literature review based on Pubmed search, and results of the authors' own studies. Results: Tumour remission rates of up to 70 per cent can be achieved by systemic polychemotherapy, though median survival will usually not exceed 14 months. The performance status of the patient and the localization of metastases are important prognostic factors for tumour remission and tumour specific survival. In case of multiple metastatic lesions the cure rate is rather low. Currently, the combination of gemcitabine and cisplatin and the MVAC-scheme (methotrexate, vinblastine, doxorubicin and cisplatin) are established treatments for metastatic transitional cell carcinoma. Discussion: Taxanes have shown promising results in phase II studies which might further increase the rate of complete remission and overall survival. However, this is yet to be tested in phase III-studies. A combination of chemotherapy with new target-specific agents might further improve treatment results. Metastatic surgery can play a role in symptomatic patients, or after response to chemotherapy when residual disease becomes resectable.
Dtsch Arztebl 2007; 104(15): A 1024–8.
Key words: urothelial cancer, cystectomy, chemotherapy, systemic polychemotherapy, metastatic surgery


Etwa 30 % der Patienten, bei denen ein Urothelkarzinom der Harnblase diagnostiziert wird, haben einen muskelinvasiven beziehungsweise lokal fortgeschrittenen Tumor. Circa die Hälfte dieser Patienten entwickelt – abhängig von der histologisch gesicherten Ausdehnung des Tumors in der Blase und dem Lymphknotenstatus – trotz radikaler Zystektomie ein Rezidiv im kleinen Becken oder/und Fernmetastasen. Lymphknotenmetastasen oder Fernmetastasen zum Zeitpunkt der Diagnose werden in Abhängigkeit von der Invasionstiefe bei bis zu 40 % der Patienten festgestellt. Die häufigsten Metastasenlokalisationen sind Lunge, Leber und Knochen. Die Überlebenszeit von Patienten mit einem metastasierten Harnblasenkarzinom beschränkt sich trotz des Einsatzes von Polychemotherapieprotokollen auf circa 14 Monate.
Methoden
Die Literatursuche zu diesem Artikel erfolgte über die Datenbank Pubmed mit den Stichworten: „urogenital cancer“, „chemotherapy“, „target specific agents“, „metastatic surgery“, „prognostic factors“. Zur Therapie werden vorwiegend Studien, die ab dem Jahr 2000 publiziert wurden, angeführt. Frühere Publikationen umfassen ausschließlich wichtige randomisierte Phase-3-Studien zur Chemotherapie.
Hinsichtlich neuerer Medikamente wie den Taxanen und Gemcitabin beziehungsweise den targetspezifischen Substanzen sind Phase-2-Studien angeführt und bisher publizierte Phase-3-Studien. Zu den Themen „prognostische Faktoren“ und „Metastasenchirurgie“ werden bisher publizierte Studien erwähnt. Die Autoren sind hinsichtlich der Behandlung des Urothelkarzinoms ausgewiesene Experten, die selbst verschiedene Multicenterstudien zum Thema betreut haben.
Ergebnisse
Zahlreiche Zytostatika wurden in Form von Mono- oder Polytherapieprotokollen getestet. Dabei zeigten sich die Kombinationstherapien der Monochemotherapie überlegen.
Eines der wichtigsten Polychemotherapieprotokolle beim fortgeschrittenen Harnblasenkarzinom ist das MVAC-Schema, eine Kombination von Methotrexat, Vinblastin, Adriamycin und Cisplatin (Kasten). Dieses Protokoll geht zurück auf eine 1989 publizierte Studie von Sternberg et al. (1). Von 121 Patienten erreichten 72 % eine Tumorrückbildung. Eine komplette Remission war bei 36 % der Patienten zu verzeichnen, wobei dies bei 11 % der Patienten nur durch eine zusätzliche Residualtumorresektion gelang. Einen Rückfall nach kompletter Remission erlitten 68 % der Patienten. Das mediane Überleben betrug 38 Monate. Die 2- beziehungsweise 3-Jahres-Überlebenszeit lag bei 68 und 55 %. Diese Ergebnisse konnten in weiteren Studien nicht reproduziert werden (4–8). Hier lag das Gesamtansprechen zwischen 36 und 65 %, die komplette Remissionsrate zwischen 9 und 35 %. Weitere Kombinationschemotherapieprotokolle sind in Tabelle 1 aufgeführt.
Letztendlich ergab MVAC trotz der nicht wieder erreichten Ergebnisse der Daten vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSKCC) im Vergleich zu anderen Kombinationen die besten Resultate. Eine Verbesserung der Remissionsraten beim konventionellen MVAC-Protokoll konnte durch eine Steigerung der Intensität erzielt werden. In einer EORTC-Studie wurde Standard-MVAC (n = 129) versus Hochdosis-MVAC (n = 134) randomisiert verglichen (6). Die Gesamtansprechrate war mit 62 % (komplette Remission [CR] 21 %, partielle Remission [PR] 41 %) in der Hochdosisgruppe signifikant besser als mit 50 % (9 % CR, 41 % PR) im Standardarm. Die komplette Remission und Gesamtansprechrate unterschieden sich signifikant zugunsten des Hochdosis-MVAC-Schemas. Die Zeit bis zur Tumorprogression und das Gesamtüberleben waren nicht signifikant unterschiedlich. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug 8,2 Monate für die Standard-MVAC-Gruppe und 9,1 Monate für die Hochdosis-Gruppe.
Da die Ergebnisse der bisher etablierten Polychemotherapieprotokolle unbefriedigend sind, und die Taxane beziehungsweise Gemcitabin bei anderen Tumorentitäten die Resultate deutlich verbesserten, wurden diese Substanzen auch beim metastasierten Urothelkarzinom überprüft. In Phase-2-Studien (9–14) zeigten sich besonders hohe Remissionsraten und eine deutliche Überlebensverlängerung von mehr als 20 Monaten mit den Dreifachkombinationen von Cisplatin, Paclitaxel und Ifosfamid (14) oder Gemcitabin (15). Eine von der EORTC initiierte Phase-3-Studie, in der Gemcitabin/Cisplatin versus Gemcitabin/ Cisplatin/Paclitaxel verglichen wurde, ist abgeschlossen und wird zurzeit ausgewertet.
Bisher gibt es 3 abgeschlossene und ausgewertete randomisierte Phase-3-Untersuchungen, die MVAC gegen Polychemotherapieprotokolle mit Taxanen beziehungsweise Gemcitabin überprüft haben (Tabelle 2). So war die Kombination von Cisplatin und Docetaxel mit einer Remissionsrate von 37 % und einem medianen Überleben von 9,3 Monaten dem MVAC-Schema mit einer Remissionsrate von 54 % und einem medianen Überleben von 14,2 Monaten signifikant unterlegen (8). Ebenso ergab die Kombination Paclitaxel/Carboplatin eine geringere Remissionsrate im Vergleich zum MVAC-Schema, wobei sich die Überlebenszeit nicht unterschied (7). Von der Maase et al. verglichen die klassische Standardtherapie MVAC mit der Kombination Cisplatin, Gemcitabin (5). 202 Patienten mit T4b, und/oder positiven Lymphknoten und/oder Fernmetastasen wurden für eine Therapie mit 6 Zyklen MVAC randomisiert, 203 Patienten entsprechend für Gemcitabin/Cisplatin (GC). Bei einer medianen Nachbeobachtung von 19 Monaten betrugen die Remissionsraten 46 % für MVAC und 49 % für GC; die mediane Zeit bis zur Progression jeweils 7,4 Monate für MVAC und GC sowie das mediane Überleben 14,8 Monate für MVAC und 13,8 Monate für GC. Insgesamt zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Zu dieser Studie liegt inzwischen eine Langzeitauswertung vor mit einer 5-jährigen Nachbeobachtung nach Ende der Rekrutierung, in der sich die Ergebnisse der Erstauswertung bestätigten. Die 5-Jahres-Gesamtüberlebensrate betrug 15 % in der MVAC- und 13 % in der GC-Gruppe, das mediane Überleben 15 und 14 Monate (15).
Die Nebenwirkungen der auf Taxanen und Gemcitabin basierten Polychemotherapieprotokolle sind geringer ausgeprägt im Vergleich zum MVAC-Schema. So konnten in der Studie von von der Maase et al. 63 % der GC-Zyklen ohne Dosisreduktion gegeben werden im Vergleich zu nur 37 % der MVAC-Zyklen. Die Toxizität unterschied sich in erster Linie hinsichtlich der Myelotoxizität und der Mukositisrate (Tabelle 3). Aufgrund der ausgeprägten Neutropenie trat unter MVAC in 14 % der Fälle neutropenisches Fieber und in 12 % eine Sepsis auf. Unter GC kamen entsprechende Nebenwirkungen nur in 2 % beziehungsweise 1 % vor. Hinsichtlich der Lebensqualität zeigte sich eine signifikant geringere Abgeschlagenheit (Fatigue) der Patienten unter GC (5).
Prognostische Faktoren
Der Erfolg der Therapie von Patienten mit metastasiertem Harnblasenkarzinom wird wesentlich vom Allgemeinzustand des Patienten bestimmt. In Studien zur MVAC-Therapie erwiesen sich ein niedriger Karnofsky-Index, das Vorhandensein viszeraler Metastasen und eine Erhöhung der alkalischen Phosphatase als für das Überleben prognostisch ungünstig (16–18). In der Studie von Bajorin et al. hatten ein Karnowsky-Index < 80 % und das Vorhandensein viszeraler Metastasen einen ungünstigen Vorhersagewert im Hinblick auf das Ansprechen des Tumors und das Überleben der Patienten. Bei Unterteilung des Patientenkollektivs in 3 Risikogruppen (0, 1 oder 2 ungünstige Prognosefaktoren) unterschied sich das mediane Überleben mit jeweils 33, 13 und 9 Monaten signifikant (p = 0,0001) (18). Die Prognosefaktoren wurden auch in einer Studie von Bellmunt et al. zur Dreierkombination mit Paclitaxel, Cisplatin und Gemcitabin bestätigt. Das mediane Überleben der Patienten ohne, mit einem oder 2 ungünstigen Prognosefaktoren betrug 32, 18 und 11 Monate (19).
Metastasenchirurgie
Der Stellenwert der Metastasenchirurgie ist nicht abschließend geklärt. Die exzellenten Ergebnisse der MVAC-Studie von Sternberg et al. aus dem Jahr 1989 mit einem Gesamtansprechen von 72 % und einer kompletten Remissionsrate von 36 % beinhalteten, dass 11 % der kompletten Remissionen durch eine Residualtumorresektion nach Beendigung der Chemotherapie erzielt wurden. Das mediane Überleben in dieser Studie betrug 38 Monate. Von den 30 operierten Patienten lebte ein Drittel noch nach 5 Jahren (1). Sweeney et al. berichteten über 11 Patienten mit lymphogenen Metastasen, die gut auf eine Chemotherapie ansprachen. Sie wurden anschließend einer Lymphadenektomie unterzogen. Das mediane progressionsfreie und das krankheitsspezifische Überleben betrugen 7 und 14 Monate. Das 4-Jahres-progressionsfreie und -krankheitsspezifische Überleben betrug 27 und 36 %. Ein aktiver Tumor in maximal 2 Lymphknoten korrelierte mit einem signifikant besseren krankheitsspezifischen Überleben (20). Siefker-Radtke et al. resezierten bei 22 Patienten nach Chemotherapie Lungen-, Lymphknoten-, Hirn- und subkutane Metastasen. Bei weiteren 9 Patienten erfolgte eine primäre Metastasenresektion. Das mediane Überleben nach Metastasenresektion betrug 23 Monate, die mediane Zeit bis zum Progress allerdings nur 7 Monate. Das 5-Jahres-Überleben ab dem Zeitpunkt der metastasenresektion lag bei 33 %. Dabei ergaben sich keine signifikanten Überlebensunterschiede in Abhängigkeit davon, ob die Metastasen primär oder nach Chemotherapie reseziert wurden, und ob es sich um solitäre oder multiple Metastasen handelte. Ebenso spielte das Intervall zwischen Chemotherapie und Resektion keine Rolle (21).
Im Rahmen einer klinischen Phase-2-Untersuchung an der Essener Klinik wurde bei 70 Patienten mit metastasiertem Urothelkarzinom, die nur eine partielle Remission durch eine Chemotherapie erreicht hatten, eine Resektion sämtlicher Tumorresiduen vorgenommen. Bei einer perioperativen Mortalität von 6 % und einer mittleren Krankenhausverweildauer von 25 Tagen haben weniger als 10 % der Patienten länger als ein Jahr überlebt. Der Allgemeinzustand gemessen nach WHO-Kriterien konnte allerdings bei Patienten mit symptomatisch metastasierter Harnblasenkarzinomerkrankung durch die Metastasenresektion bei zwei Drittel der Patienten im Vergleich zum präoperativen Zustand verbessert werden (22). Unter Aspekten der symptomatischen Therapie verdient die Peritonektomie bei parietaler Peritonealkarzinose Beachtung. Bei 32 Patienten an der Essener Klinik konnten Symptome wie Aszites und/oder Schmerzen operativ beseitigt werden (23).
Somit scheint es Patienten zu geben, deren Überleben durch eine Metastasenresektion verlängert werden kann. Die Selektionskriterien sind bisher nicht eindeutig. Sicher ist, dass bei symptomatischen Patienten die Möglichkeit besteht, die Lebensqualität zu verbessern.
Neue Therapieansätze
In den letzten Jahren gewinnen molekulare Therapieansätze bei malignen Tumoren zunehmend an Bedeutung. Im Unterschied zur konventionellen Chemotherapie, bei der alle Zellen einer Toxizität ausgesetzt sind, versucht man, bei den molekular orientierten Therapieansätzen selektiv das Wachstum von Tumorzellen zu hemmen. Durch die Verabreichung von Antikörpern oder Enzyminhibitoren werden spezielle Rezeptoren am/im Tumor besetzt. Zum Urothelkarzinom liegen erste Phase-2-Studien vor. Trastuzumab ist ein monoklonaler Antikörper gegen den HER2/neu-Rezeptor. Dieser wurde bei Patienten mit fortgeschrittenem Urothelkarzinom untersucht.
Von 109 Patienten, die eine Kombinationschemotherapie mit Paclitaxel, Carboplatin und Gemcitabin erhielten, wiesen 59 (54 %) eine Überexpression von HER2/neu im Tumorgewebe auf. 44 dieser 59 Patienten erhielten dementsprechend zusätzlich Trastuzumab. Es zeigte sich ein bemerkenswert hohes Ansprechen von 73 % (32/44). Die Zeit bis zur Progression beziehungsweise das mediane Überleben betrugen 8,5 und 15,2 Monate. Eine sichere Aussage bezüglich eines Wirksamkeitszugewinns durch den HER2/neu-Antikörper kann allerdings aus dieser nicht randomisierten Studie nicht abgeleitet werden (24).
Ein weiterer Tyrosinkinase-Inhibitor, der an EGFR/ HER2-Rezeptoren bindet, ist das Lapatinib. Bei 59 Patienten mit progredientem, fortgeschrittenem Urothelkarzinom nach Cisplatin-haltiger Chemotherapie erfolgte eine Second-line-Behandlung mit dieser Substanz. Ein Ansprechen im Sinne einer partiellen Remission zeigte nur ein Patient (2 %); bei 18 Patienten (31 %) konnte eine Stabilisierung der Erkrankung erzielt werden. Die mediane Überlebenszeit betrug 17,9 Wochen (25). Dies sollte im Zusammenhang mit der neuen Substanzgruppe hervorgehoben werden: Die Ansprechraten sind oftmals gering, allerdings kann bei einem größeren Teil der Patienten eine Stabilisierung der Erkrankung erzielt werden; dies resultierte bei einigen Tumorentitäten auch bereits in einer Verlängerung des medianen Überlebens.
Mit den target-spezifischen Substanzen ergeben sich gegenüber der konventionellen Chemotherapie völlig neue Therapiestrategien. Hier steht die Forschung allerdings am Anfang. Der Einsatz dieser Substanzen, allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie, ist bisher nur in Studienprotokollen sinnvoll und gerechtfertigt.
Fazit
Die Therapie des metastastierten Urothelkarzinoms der Harnblase besteht in der Chemotherapie. Primär sollte ein Cisplatin-haltiges Schema gewählt werden, wie zum Beispiel Gemcitabin/Cisplatin oder MVAC. Bei Progress stehen verschiedene Second-line-Chemotherapien zur Verfügung. Der Einsatz einer neuen Substanzklasse, den target-spezifischen Therapeutika, sollte in Studienprotokollen erfolgen. Im individuellen Fall kann eine Metastasenresektion vor oder nach Chemotherapie sinnvoll sein.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=55266
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Dietmar E.

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Blasenkrebs, 6. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......
« Antwort #5 am: 17. Februar 2008, 00:38 »

Hautmann, Richard E.; Stenzl, Arnulf; Studer, Urs E.; Volkmer, Björn G.
Geänderte Indikationen zur Harnableitung: Teil 6 der Serie zum Harnblasenkarzinom
Methods of Urinary Diversion
Dtsch Arztebl 2007; 104(16): A-1092 / B-973 / C-925
MEDIZIN: Übersichtsarbeit

Zusammenfassung
Einleitung: Die Beratung von Patienten, denen eine Harnableitung bevorsteht, soll die größte Sicherheit für die Tumorkontrolle und die wenigsten Komplikationen gewährleisten. Die Lebensqualität soll möglichst erhalten bleiben. Methoden: Diskussion einer selektiven Literaturauswahl. Ergebnisse: Von allen Harnableitungsverfahren kommt die Neoblase dem präoperativen Zustand am nächsten. Bei 40 % der Patienten ist die Anlage einer Neoblase aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Für 30% der Patienten bleibt ein Conduit die bewährte Harnableitungsmethode. Die kontinente Harnableitung mit katheterisierbarem Stoma wird bei 10 % der Patienten durchgeführt. Die Hauptindikation besteht nach Harnröhrenentfernung wegen Krebs. Die Verwendung analsphinkterkontrollierter Reservoire ist unpopulär. Die Ureter-/Hautfistel ist erste Wahl für Patienten, die eine Zystektomie tolerieren, denen aber eine Darmresektion nicht zugemutet werden kann. Die perkutane Nephrostomie ist Therapie der Wahl bei Patienten mit kurzer Lebenserwartung und obstruktivem Nierenversagen aufgrund einer urologischen Erkrankung. Der Doppel-J-Katheter ist bei obstruktivem Nierenversagen und Patienten mit nicht urologischen Beckenmalignomen indiziert. Diskussion: In die Entscheidung, eine Harnableitung anzulegen, fließen viele Überlegungen mit ein. Das Für und Wider jeder Behandlung muss mit dem Patienten diskutiert werden.
Dtsch Ärztebl 2007; 104(16): A 1092–7
Schlüsselwörter: Harnableitung, Conduit, Pouch, Neoblase, palliative Harnableitungen

Prinzipiell sind radikale Onkochirurgie des Harnblasenkarzinoms und Harnableitung zwei unabhängige Maßnahmen, die aber dennoch zwangsweise miteinander verbunden sind. Bei der Tumorbehandlung ist die Frage nach der Art der Harnableitung zunächst sekundär. Sie wird für den Patienten und die ärztliche Indikationsstellung zur Onkochirurgie aber dennoch von höchster Bedeutung. Der Grund für diese ungewöhnliche Siuation ist die Tatsache, dass in der Vergangenheit immer das Odium der „verstümmelnden“ Operation die Harnableitung umgeben hat. Das Tragen eines Harnauffangbeutels, ein Stoma, die Abhängigkeit vom Katheterismus, die Angst vor der Leckage, die Infektionsgefahr und die hohe Reoperationsrate haben eine geringe Patientenakzeptanz. Die Frage, „Ist die Therapie gar schlimmer als die Krankheit?“, steht bei der Harnableitung im Raum. Von einer idealen Harnableitung sind einwandfreie Kontinenz, der Erhalt der natürlichen Miktion, ein sicherer, infektfreier oberer Harntrakt und eine ungestörte Zufriedenheit mit dem Körperbild („body image“) zu fordern (Kasten 1).
Die Erwartungen an die Harnableitung nach Zystektomie haben sich von der einfachen Ableitung ohne Schutz der oberen Harnwege zur anatomischen und funktionellen Wiederherstellung des Harntrakts, die fast dem natürlichen präoperativen Zustand entspricht, verändert. Der Fortschritt verlief über 3 verschiedene Wege: Auf die inkontinente kutane Ableitung (Conduit) folgte die kontinente kutane Ableitung (Pouch) und die kontinente Harnableitung zur intakten Harnröhre (Neoblase, orthotope Rekonstruktion). In den letzten 15 Jahren wurde die Neoblase von einer experimentell-chirurgischen Methode zum Standard an urologischen Zentren. Mit der Beratung von Patienten, die nach Zystektomie mit einer Harnableitung konfrontiert werden, will man die Methode herausfinden, die die größte Sicherheit für die Tumorkontrolle hat, die geringsten Kurz- und Langzeitkomplikationen aufweist, der Lebensweise des Patienten am besten entgegenkommt und damit seine Lebensqualität am wenigsten stört (1, 2).
Methode
Eine Expertengruppe, ausgewählt von UICC/ICUD/ SIU/EORTC-GU und WHO, analysierte im Rahmen einer Weltkonsensus-Konferenz des Blasenkarzinoms die englische und deutschsprachige Literatur der letzten 25 Jahre zur Harnableitung unter dem Gesichtspunkt evidenzbasierter Medizin (4). Unter den 453 ausgewählten Arbeiten über die Harnableitung gibt es keine kontrollierte prospektive Studie. Das bedeutet: Alle Empfehlungen, die man zur Harnableitung derzeit geben kann, haben einen niedrigen Evidenzlevel (gutklassige retrospektive Fall-/Kontrollstudien) und der Grad der Empfehlung ist meist Grad C (Expert Opinion). Nach Abschluss der Konsensusbildung (4) erbat der Vorsitzende des Komitees „Harnableitung“ die Häufigkeitsverteilung und Frequenz der Harnableitungen aus den verschiedenen Institutionen der Kommissionsmitglieder, um diese als „Expert Opinion“ mit dem Ergebnis der evidenzbasierten Medizin zu vergleichen (Tabelle). Beides bildet die Grundlage dieser Arbeit.
Ergebnisse
Bei insgesamt 7 687 Zystektomien, die in den Institutionen der Kommitteemitglieder ausgeführt wurden, ist die Neoblase mit rund 50 % die häufigste Form der Harnableitung. Sie wird bei beiden Geschlechtern bevorzugt (1). Das Conduit ist mit 30 % die zweithäufigste Form der Harnableitung (Tabelle). Anale und kontinente Harnableitungen mit katheterisierbarem Stoma (Pouch) machen zusammen 20 % aus. Diese Häufigkeitsverteilung stimmt bemerkenswert gut mit dem Konsensusergebnis überein. Sie zeigt, dass die Patientenakzeptanz der Harnableitung weltweit sehr ähnlich ist (Kasten 1).
Neoblase/orthotope Rekonstruktion
Bei der Indikation und Patientenselektion zur Harnableitung ist ein Paradigmenwechsel eingetreten: 2007 sind zunächst alle Zystektomiepatienten Kandidaten für eine Neoblase, und man muss diejenigen herausfinden, für die eine Neoblase weniger ideal ist (1, 2). Wie die Tabelle zeigt, sind an großen Zentren mindestens 50 % der Patienten dafür geeignet. Eine absolute Kontraindikation für jegliche kontinente Harnableitung sind gestörte Nierenfunktion (Serumkreatinin > 150 bis 200 µmol/L), schwere Leberfunktionsstörungen und intestinale Erkrankungen (4). Eine absolute Kontraindikation für die orthotope Rekonstruktion besteht bei allen Patienten, bei denen eine simultane Urethrektomie durchgeführt werden muss. Die Indikation für die totale Urethrektomie simultan mit der Zystektomie hat sich wesentlich geändert:
Beim Mann wurde in der Vergangenheit die Urethrektomie bei multifokalem Harnblasenkarzinom, diffusem Carcinoma in situ und Tumorbeteiligung der prostatischen Harnröhre durchgeführt. Heute ist bekannt, dass lediglich die Tumorinvasion des Prostatastromas und ein diffuses Carcinoma in situ der prostatischen Harnröhre primäre Risikofaktoren sind. Auch die bislang übliche präoperative Biopsie der prostatischen Harnröhre ist nicht mehr erforderlich. Die Schnellschnittuntersuchung des Resektionsrands der Harnröhre während der Zystektomie entscheidet darüber, ob sie belassen werden kann und die Anlage einer Neoblase möglich ist (4).
Bei der Frau wurde bisher die Harnröhre definitionsgemäß zusammen mit der Harnblase entfernt. Neuere Arbeiten zeigen, dass eine Tumorbeteiligung der Harnröhre bei Biopsie-bewiesenen Blasenkarzinomen aller Grade und Stadien nach einem mittleren Follow-up von 5,5 Jahren nur 2 % beträgt. Heute ist bekannt, dass auch bei der Frau die Harnröhre sicher erhalten werden kann. Es besteht kein Risiko für ein urethrales Rezidiv, wenn das Blasenkarzinom den Blasenhals nicht miterfasst hat (5).
Die Bedeutung von relativen Kontraindikationen und Komorbidität (mentale Störungen, Fehlfunktionen von Sphinkter und Harnröhrenstrikturen) nimmt stetig ab; eine Neoblase ist prinzipiell möglich, es bedarf aber der kritischen Abwägung, ob durch das Vorliegen dieser ungünstigeren Umstände nicht durch eventuell erforderliche Zweit- und Dritteingriffe die Lebensqualität des Patienten mehr gestört wird, als durch den Verzicht auf eine Neoblase. Voraussetzung für die Anlage einer Neoblase ist der Patientenwunsch. Er muss ausreichend motiviert sein, die möglicherweise auftretenden Unannehmlichkeiten der nächtlichen Inkontinenz zu ertragen. Die meisten Patienten akzeptieren diese vorübergehenden Beschwerden für den Vorteil, Katheter und Stoma des Pouches zu vermeiden. Das gilt jedoch nicht für alle Patienten. Realistische Erwartungen über das funktionelle Ergebnis sind sowohl für den Operateur, als auch für die Behandelten essenziell. Manche Patienten sind mit einem Conduit besser behandelt als mit einer Neoblase. Argumente von Betroffenen gegen eine Neoblase sind fehlende Motivation („so schnell wie möglich nach Hause“ und „das Leben überwiegend im Sitzen verbringen“), soziale Isolation und fehlendes Interesse am „body image“ (2). Die Erfahrungen mit dem orthotopen Blasenersatz lassen onkologische Gesichtspunkte, wie fortgeschrittenes lokales Tumorstadium, positive, aber resektable Lymphknoten und eine gesteigerte lokale Rezidivrate oder Metastasierungswahrscheinlichkeit, nicht mehr als Kontraindikation erscheinen. Es gibt keinen Hinweis, dass Patienten mit einer Neoblase eine adjuvante Chemotherapie schlechter vertragen oder dass ein lokales Rezidiv mit einer Neoblase schwieriger zu behandeln ist als bei einem Conduit. Die Behandelten dürfen heute eine normale Neoblasenfunktion erwarten (1).
Eine Kontroverse beim orthotopen Blasenersatz ergab die Frage, ob die Harnleiter-/Darmanastomose refluxiv erfolgen muss (5, 6, 7). Es bestand annähernd Übereinstimmung, dass eine einfache, frei refluxive End-zu-Seit-Anastomose in den afferenten Schenkel eines Niederdruckreservoirs – kombiniert mit regelmäßiger Miktion und korrekter Nachbeobachtung – die Methode mit der geringsten Komplikationsrate ist (Grafik 1 und 2). Der potenzielle Nutzen einer konventionellen antirefluxiven Harnleiterimplantation in eine Neoblase ist durch eine mindestens doppelt so hohe Reoperationsrate bei ileoureteraler Stenose aufgehoben (4). Nach über zehnjähriger Verlaufsbeobachtung von Neoblasen mit einem afferentem Schenkel ist bekannt, dass der Verlust an Nierenfunktion allenfalls minimal ist (6). Ein engmaschiges Follow-up ist aber in jedem Fall erforderlich, um eine mögliche ileoureterale Stenose mit einem begleitenden Harnwegsinfekt frühestmöglich zu erkennen und zu korrigieren. Das höchste Risiko einer Nierenfunktionsverschlechterung haben die Patienten mit einem vorbestehenden Stauungsschaden der Nieren. Patienten mit normaler Darm- und Nierenfunktion und regelmäßigem Follow-up sind über lange Zeit frei von metabolischen Folgeschäden. Rund 50 % der Patienten werden eine geringe kompensierte, symptomlose Azidose entwickeln und bedürfen einer Bicarbonatsubstitution. Wenn die Bauhinsche Klappe reseziert wird, werden viele Patienten 3 bis 5 Jahre nach der Operation eine Vitamin-B-12-Substitution benötigen. (8).
Betrachtet man die Kontinenzergebnisse, muss man Tages- und Nachtkontinenz, sowie Mann und Frau separat beurteilen. 90 % der Männer erreichen eine perfekte Tageskontinenz und 65 % eine einlagefreie Nachtkontinenz (9). Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient den Miktionsvorgang nicht erlernt und den sterilen Einmalkatheterismus ausüben muss, beträgt 10 bis 15 %. Bei den Frauen sind die Kontinenzergebnisse tendenziell besser, die Retentionsrate beträgt aber 30 %. Zystektomie und Harnableitung sind ausgedehnte chirurgische Maßnahmen. Die frühen und späten Reoperationsraten betragen 5 beziehungsweise 15 % (10). Bei den Komplikationen dieser Eingriffe unterscheidet man zwischen Früh- (während der ersten 30 Tage) und Spätkomplikationen. Außerdem wird unterschieden, ob die Probleme harnableitungsbezogen (Lymphadenektomiefolge) oder nicht (Zystektomiefolge) sind. Kasten 2 zeigt für das jeweilige Harnableitungsverfahren typische Komplikationen, die man kennen und diagnostizieren sollte, um nennenswerte Schäden zu vermeiden. Sie alle stellen Gründe dar, warum Harnableitungspatienten engmaschig nachbehandelt werden müssen. Die Folgen in Kasten 2 sind nicht nach ihrer Häufigkeit, sondern nach ihrem Risiko für den Patienten ausgewählt. Nur rund ein Drittel der Patienten bleibt ohne jegliche Schwierigkeiten. Ein weiteres Drittel erleidet kleine Komplikationen, die den Krankenhausaufenthalt nicht verlängern. Die anderen Patienten beklagen nennenswerte Symptome.
Neoblase und sexualitäterhaltende Zystektomie
Bei dieser Operation werden die Apex der Prostata, die Prostatakapsel, die gesamte Prostata und unter Umständen auch Samenblasen und Ductus deferentes belassen. In den letzten 15 Jahren berichteten weltweit 13 Zentren über Erfahrungen mit oberflächlichem oder zumindest organbegrenztem Blasenkarzinom (11). Die lokale Rezidivrate entspricht der nach radikaler Zystektomie. In 6 % der Fälle verbleibt ein Prostatakarzinom (12), und es zeigt sich ein ungewöhnliches Metastasenmuster. Mindestens 5 % der Patienten weisen eine nicht durch das Tumorstadium erklärte Fernmetastasierung auf (13). Die Tageskontinenz entspricht der nach radikaler Zystektomie, die nächtliche Kontinenz ist tendenziell besser, dafür ist aber die Retentionsrate höher. Deutlich günstiger ist allerdings die Erhaltung der Sexualität im Vergleich zur radikalen Zystektomie. Fazit ist wegen der deutlich schlechteren onkologischen Ergebnisse, dass diese Operation nicht beim Harnblasenkarzinom, sondern nur bei Zystektomie aus anderer Ursache und bei sehr jungen Männern angewendet werden sollte.
Kontinente kutane Harnableitung
Selbst an den großen Zentren, an denen die kontinente kutane Harnableitung einst die Methode der Wahl war (zum Beispiel Los Angeles, Tabelle), wird sie heute deutlich seltener ausgeführt. Weniger als 10 % der Patienten erhalten diese Form der Behandlung. Dies betrifft ausschließlich die Harnableitung beim Blasenkarzinom. Beruht die Indikation auf anderen Diagnosen, wie zum Beispiel neurogene Blase (Myelomeningocele), Harninkontinenz (Hypospadie/Ekstrophie, Urethraverlust der Frau et cetera) sowie kombinierten Blasen-/Sphinkterdysfuntionen (radiogen, interstitielle Zystitis), ist die Indikation zur kontinenten kutanen Harnableitung anders zu stellen. Sie wird beim Blasenkarzinom hauptsächlich gestellt, wenn gleichzeitig mit der Zystektomie die Harnröhre wegen eines erhöhten urethralen Rezidivrisikos entfernt werden muss.
Gelegentlich verlangen Patienten eine kontinente Harnableitung, weil sie das Risiko einer Urinleckage der Neoblase fürchten. Auf der Konsensuskonferenz wurde einstimmig beschlossen, dass das entscheidende Element eines katheterisierbaren Pouches, der Invaginationsnippel, als überholte Operation angesehen wird. Es wird empfohlen, als Kontinenzorgan für einen katheterisierbaren Pouch, ein Appendix-Stoma oder ein entsprechend verschmälertes und gestapeltes Ileumsegment zu verwenden. Funktionssicherheit, metabolische Sicherheit und Komplikationsrate des katheterisierbaren Pouches entsprechen dem orthotopen Blasenersatz. Die Reoperationsrate ist jedoch vor allem bei Verwendung invaginierter Nippel noch deutlich höher (14, 15, 16).
Inkontinente kutane Harnableitung
Das Ileumconduit wurde 1950 von Bricker (17) beschrieben und ist seitdem die Standard-Harnableitung, an der alle anderen Verfahren gemessen werden müssen. Es gibt immer noch eine nennenswerte Zahl von Patienten, denen mit einem Conduit besser geholfen ist, als mit jeder anderen Form der Harnableitung. Trotz des Wunsches, dem Patienten die orthotope Rekonstruktion anzubieten, findet man auch an großen Zentren (Tabelle) immer noch ein Drittel der Patienten, die eine Harnableitung benötigen und für die ein Conduit eine sichere und vollkommen ausreichende Methode darstellt. Deswegen muss man mit dem Patienten und seiner Familie Pro und Contra jedes Harnableitungsverfahrens diskutieren. Die Anlage eines Conduits ist technisch einfacher als eine kontinente Rekonstruktion. Dennoch sind sowohl die Früh- als auch die Spätkomplikationen mindestens genauso häufig, wie nach orthotopem Blasenersatz. Einige Langzeitstudien zeigen sogar, dass die Komplikationen im Bereich des oberen Harntraktes mit der Länge des Follow-up zunehmen und insgesamt deutlich häufiger sind, als bei anderen Harnableitungsverfahren (18). Wie bei allen Harnableitungsverfahren ist eine lebenslange Nachbehandlung nötig. Auf die Kontrolle durch einen Stomatherapeuten und auf eine regelmäßige Nachsorge muss besonders hingewiesen werden. Für Länder der Dritten Welt stellt dieses Verfahren wegen der Stomaproblematik, insbesondere auch der Kosten für den Auffangbeutel, ein unüberwindbares Problem dar.
Anale Harnableitungen
Theoretisch haben diese Methoden vor allen Dingen im Vergleich mit einem Conduit Vorteile:
- willkürliche Kontrolle der Miktion
- Vermeidung eines externen Stomas und seiner Komplikationen
- kein Auffangbeutel
- kürzere Operationsdauer
- einfachere Operationstechnik
- bessere Patientenakzeptanz.
Obwohl die frühere Morbidität und Mortalität nach der analen Harnableitung beträchtlich reduziert wurden, bleiben einige Komplikationen weiterhin problematisch: insbesondere die komplexe Metabolik, das Karzinomrisiko im Bereich der ureterocolischen Anastomose, das Infektionsrisiko und der Kontinenzverlust mit zunehmendem Alter (4). Wie die Tabelle zeigt, führen die meisten Zentren keine anale Harnableitung durch. Dieser Trend wird durch den verstärkten Einsatz der orthotopen Reservoire bei Mann und Frau, der Verfügbarkeit von kontinenten kutanen Reservoiren sowie aus emotionalen Gründen noch verstärkt. Als Nachfolgeoperation der Ureterosigmoidostomie steht der Mainz Pouch II auch bei Indikationen zur Harnableitung außerhalb des Blasenkarzinoms zur Verfügung (19, 20), zum Beispiel beim fehlgeschlagenen Ekstrophieverschluss.
Palliative Harnableitungen
Eine stentlose Ureter-/Hautfistel ist immer noch erste Wahl für Patienten, die eine Zystektomie tolerieren, aber denen keine Harnableitung unter Verwendung von Darmsegmenten zugemutet werden kann. Die Ureter-/Hautfistel wurde wegen ihrer hohen Komplikationsrate, hauptsächlich Stomastenose und Harnwegsinfektion, fast nicht mehr durchgeführt. Dennoch haben verschiedene Verbesserungen in der chirurgischen Technik und Fortschritte der laparoskopischen Operationstechnik sie bei Blasenkarzinompatienten unter bestimmten Voraussetzungen wieder zu einer Behandlungsmöglichkeit werden lassen (4). Man muss bedenken, dass die Prognose eines inoperablen Blasentumorpatienten, der eine palliative Harnableitung benötigt, weit schlechter ist als die eines Prostatakarzinompatienten oder bei Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren. In diesem Sinne ist die perkutane Nephrostomie bei fortgeschrittenen Blasentumorpatienten eine realistische Harnableitungsoption. Sie ist die erste Wahl bei Patienten mit kurzer Lebenserwartung, die auf der Basis eines unheilbaren Malignoms ein obstruktives Nierenversagen entwickeln. Ein Doppel-J-Katheter ist eine Alternative bei obstruktivem Nierenversagen bei Patienten mit nicht urologischen Beckentumoren, wie zum Beispiel einem Zervixkarzinom (4).
Ausblick
Prothetische Organe werden in vielen Teilen des menschlichen Körpers eingesetzt. Wenn ein komplexes Organ wie das Herz durch eine mechanische Pumpe ersetzt werden kann, sollte man annehmen, dass ein simples biologisches Reservoir wie die Harnblase problemlos mechanisch verwendbar ist. Trotz zahlreicher Versuche in den letzten 50 Jahren ist dieses Ziel noch immer nicht erreicht. Auch die funktionelle Rekonstruktion mit den Möglichkeiten des Tissue Engeneering ist über eine Vergrößerung der Blase bislang nicht hinaus gekommen. Die Transplantation der Harnblase ist prinzipiell möglich, befindet sich aber noch im tierexperimentellen Stadium.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=55342
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Dietmar E.

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Blasenkrebs, 7. Folge im Deutschen Ärzteblatt .......
« Antwort #6 am: 17. Februar 2008, 00:40 »
Geänderte Indikationen zur Harnableitung: Schlusswort
Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2741 / B-2423 / C-2350
MEDIZIN: Diskussion
zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. Richard E. Hautmann, Prof. Dr. med. Arnulf Stenzl, Prof. Dr. med. Urs E. Studer, PD. Dr. med. Björn G. Volkmer, in Heft 16/2007

Die 2007 GUIDELINES ON URINARY DIVERSION AFTER RADICAL CYSTECTOMY der Europäischen Gesellschaft für Urologie raten:
1. Diese Therapie an Zentren durchzuführen, die über Erfahrung mit allen Techniken der Harnableitung verfügen. Diese Operationen sollten nur von Abteilungen ausgeführt werden, die regelmäßig zystektomieren und Harnableitungen anlegen.
2. Patienten, bei denen eine Zystektomie geplant ist, müssen frühzeitig über alle möglichen Alternativen der Harnableitung aufgeklärt werden; die finale Entscheidung über die Harnableitung muss auf einem Konsensus zwischen Patient und Operateur aufbauen.
Leserbrief, Übersichtsarbeit und Guidelines sind in voller Übereinstimmung. Der Leserbrief fasst in seinem letzten Satz, „Mehr denn je ist der operativ tätige Urologe auf ein breites Spektrum an Harnableitungen angewiesen, um dem Patienten individuell gerecht zu werden“, Folgendes zusammen:
Punkt 1: Wird in der Literatur mit den Begriffen „hospital case load“ und „surgical work load“ intensiv diskutiert. Beispiele für „Qualität der Chirurgie“ und „Überleben“ lassen sich, wie folgt, zusammenfassen:
- Qualität der Zystektomie und Ausmaß der Lymphadenektomie haben beim Harnblasenkarzinom einen profunden Einfluss auf das Überleben. Wer die Operation durchführt, wo sie durchgeführt wird und wie gut sie gemacht wird, spielt eine Rolle. Die Mortalität der Zystektomie in „high versus low volume hospitals“ beträgt 0,7 versus 3,1 % (1). Erfahrene Operateure erzielen ein besseres Überleben und weniger Komplikationen als Operateure, die den Eingriff nur gelegentlich durchführen (2).
- Eine Studie belegt die Wichtigkeit der chirurgischen Qualität (3). Tumorfreie Schnittränder und die Entfernung von > 10 Lymphknoten sind mit einem besseren Gesamtüberleben verbunden. Dies war unabhängig von Patientenalter, Tumorstadium, Lymphknotenstatus und ob Chemotherapie gegeben wurde oder nicht. 15 % der Patienten entwickelten ein Lokalrezidiv und verstarben daran. Ein Lokalrezidiv entstand in 68 % bei Patienten mit positivem Schnittrand und in 6 % mit tumorfreien Schnitträndern. Positive Schnittränder fanden sich bei Low-volume-Operateuren in 14 % und in 4 % bei High-volume-Operateuren. Diese kooperative Studie zeigt, dass die Qualität des Eingriffs einen direkten Einfluss auf das Überleben hat und vom Operateur abhängt.


Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. Richard E. Hautmann
Abt. für Urologie u. Kinderurologie
Universitätsklinikum Ulm
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
E-Mail: richard.hautmann@medizin.uni-ulm.de

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=57140
« Letzte Änderung: 17. Februar 2008, 00:40 von Dietmar E. »
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)