Palo Alto 5.3.08 - Die Darmkrebsfrüherkennung setzt auf die einfache Identifizierung von Polypen. Nach einer Querschnittsstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 299: 1027-1035) finden sich jedoch bei jeder zehnten Koloskopie flache oder eingesenkte Läsionen, die leicht übersehen werden, dabei aber zehnfach häufiger Malignome enthalten als Polypen.
Schon in den 1980er-Jahren hatten japanische Gastroenterologen auf die Existenz sogenannter Non-polypoid colorectal neoplasms (NP-CRN) hingewiesen. In westlichen Ländern wurde dies häufig als regionale oder ethnische Besonderheit abgetan, auch wenn die geltenden Leitlinien die Entfernung von flachen („flat“) oder eingesenkten („depressed“) Läsionen vorsehen, die aber leicht zu übersehen sind, wenn sie nicht mit Indigokarmin (Chromoendoskopie) markiert werden.
Nach den jetzt von Roy Soetikno von der Veteranenklinik in Palo Alto/Kalifornien vorgestellten Ergebnissen, dürften die endoskopierenden Ärzte den NP-CRN mehr Beachtung schenken als bisher. Die Prävalenz der NP-CRN betrug in einer Serie von 1.819 Patienten nämlich 9,35 Prozent. Bei den reinen Screening-Untersuchungen waren es 5,84 Prozent, bei Patienten in der Nachsorge sogar 15,44 Prozent. Zwar verbarg sich nicht in jedem NP-CRN auch ein invasives Karzinom – die Bezeichnung NP-CRN ist hier leicht irreführend –, doch bei immerhin 0,82 Prozent aller koloskopierten Patienten entdeckten die Pathologen eine über die Mukosagrenze hinausgehende Ausdehnung des Tumors.
In der Subgruppe der Screening-Patienten, also den Teilnehmern einer reinen Vorsorgeuntersuchung, betrug der Anteil 0,32 Prozent. Damit kommt auf 300 Personen ein Karzinom. Das absolute Risiko ist deshalb nicht sehr hoch. Das Risiko, dass eine solche flache Läsion ein Malignom enthält, ist jedoch nach den Ergebnissen der Studien zehnfach höher als bei Polypen. In der Untergruppe der Nachsorgepatienten war das Risiko sogar um den Faktor 64 erhöht.
Flache und eingesenkte Läsionen werden leicht übersehen, wenn die Patienten bei der ungeliebten Darmvorbereitung nachlässig sind. Denn dann können Kotreste die Läsionen verdecken. Ein anderer Grund für übersehene Läsionen ist nach Auskunft des Editorialisten David Lieberman von der Oregon Health & Science University in Portland (JAMA 2008; 299: 1068-1069) eine nachlässige Durchführung der Koloskopie.
Eine kürzlich im New England Journal of Medicine publizierte Studie hatte ergeben, dass Endoskopiker mehr als doppelt so viele Läsionen finden, wenn sie sich mehr Zeit für die Untersuchung nehmen (NEJM 2006; 355: 2533-2541). Man darf wohl vermuten, dass der Unterschied bei den NP-CRN eher höher ist. Regelmäßig übersehen werden NP-CRN bei der virtuellen Koloskopie, bei der die Ortung ohne Endoskopie anhand von CT-Aufnahmen erfolgt.