Fettattacke auf den Krebs,von Peter Kuchenbuch (Chicago)
Ein neues Medikament wirkt gegen den aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Das auf Fettmolekülen basierende Mittel ist so simpel gestrickt, dass es auch andere Tumoren austricksen könnte.
Axel Mescheder hat nur wenig Zeit. Ein paar Minuten Zerstreuung an der frischen Luft, ein verstohlener Blick auf die Segelboote auf dem blaugrünen Michigansee. Der Mediziner ist Segler, schön wäre es, jetzt aufs Wasser zu gehen. Aber er muss gleich wieder auf den Kongress, zu Besprechungen mit Krebsexperten von Universitäten und Pharmafirmen. Rund 25.000 Teilnehmer sind wie er zur Veranstaltung der American Society of Clinical Oncology (Asco) nach Chicago angereist, es ist die weltgrößte Krebskonferenz.
Der 49-jährige Forschungsvorstand der Münchner Biotechfirma Medigene hat ungewöhnliche Daten im Gepäck. Ein Medikament, an dem er seit vier Jahren arbeitet, hat in einer klinischen Studie gut bei Patienten angeschlagen, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs leiden. Dieser Krebs ist zwar selten, aber besonders aggressiv: Unter den krebsbedingten Todesursachen steht er bei Männern auf Platz fünf, bei Frauen auf Platz vier - obwohl er nur drei Prozent aller Krebsfälle ausmacht.
Mit dem neuen Medikament namens Endotag verbesserten sich die Überlebenschancen deutlich. Eine Wunderdroge sei das Mittel zwar nicht, sagt Mescheder: "Viele unserer Annahmen müssen sich erst noch bestätigen, aber es sieht vielversprechend aus." Die Firma will aus dem Wirkstoff einen Milliardenseller machen. Denn getestet wird er zwar an Bauchspeicheldrüsenkrebs, prinzipiell könnte er aber fast jede Krebsart stoppen.
Das Medikament Endotag soll Tumoren aushungern
Das Medikament Endotag soll Tumoren aushungern
Das Erfolgsrezept: Endotag ist primitiv. Kein Designermolekül, das mit maßgeschneiderten Andockstellen Krebszellen angreift. Sondern ein Fettkügelchen, gefüllt mit einem altbekannten Chemotherapiemittel, dessen Patentschutz längst abgelaufen ist. Dass Endotag wirkt, liegt an der elektrischen Ladung der Fettkugel: Sie ebnet dem Medikament den Weg zu einer Schwachstelle jedes Tumors.
Der Angriffspunkt des Wirkstoffs sind die Enden von frisch sprossenden Blutgefäßen, die sich auf den Weg gemacht haben, ein Krebsgeschwür mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Ab einem bestimmten Wachstumsstadium, bei der Größe von einem Millimeter, braucht ein Tumor neue Energie- und Nährstoffquellen. Dazu sendet er eine besondere Art von Botenstoffen aus: Blutgefäß-Wachstumsfaktoren, kurz VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor). Sie docken an Rezeptoren auf der Oberfläche nahe liegender Blutgefäße an, das löst die Bildung neuer Äderchen aus.
Eines der erfolgreichsten Medikamente im Krebsmittelmarkt greift in diesen Prozess ein und verhindert das Aderwachstum: Avastin aus dem Labor der Roche-Tochter Genentech. Der Wirkstoff besteht aus künstlichen Antikörpern, die sich an die VEGF-Moleküle binden und sie so unwirksam machen. Mit Avastin, das zur Behandlung von Darm-, Brust- und Lungenkrebs zugelassen ist, erzielte Roche 2007 einen Umsatz von 4,1 Mrd. Schweizer Franken.
Doch Tumorgewebe ist sehr erfinderisch und lernt mit der Zeit, die Blockade zu umgehen. Es produziert andere Wachstumsfaktoren, gegen die Avastin nicht wirkt. Selbst beim Darmkrebs geschieht dies schon nach durchschnittlich zwei Monaten.
http://www.ftd.de/forschung_bildung/forschung/:Fettattacke%20Krebs/369147.html