Überaktive Blase: Was hilft Frauen bei sehr häufigem Harndrang?
http://www.gesundheitsinformation.de/ueberaktive-blase-was-hilft-frauen-bei-sehr-haeufigem-harndrang.704.de.htmlBlasen- und Beckenbodentraining können bei einer überaktiven Blase Inkontinenzbeschwerden lindern und die Zahl der Toilettengänge reduzieren. Auch Medikamente können etwas helfen. Zu operativen Eingriffen bei einer überaktiven Blase gibt es bisher nicht ausreichend Forschung.
Ständig zur Toilette zu müssen ist lästig und unangenehm. Frauen mit einer überaktiven Blase (auch Reizblase genannt) erleben dies täglich. Sie haben einen deutlich erhöhten Harndrang, den sie nur schwer kontrollieren können. Viele Betroffene empfinden es auch als peinlich, im Beisein anderer ständig zur Toilette gehen zu müssen, und sagen, dass dies ihr soziales Leben beeinträchtigt. Einige – besonders ältere – Frauen versuchen das Problem zu beheben, indem sie kaum etwas trinken. Der Drang, Wasser zu lassen, kann manchmal so stark sein, dass jemand seinen Urin gar nicht mehr zurückhalten kann und einnässt (Inkontinenz). Viele Frauen mit einer überaktiven Blase müssen nachts häufiger aufstehen und können deswegen auch kaum eine Nacht durchschlafen.
Etwa jede zehnte Frau hat eine überaktive Blase, ältere Frauen häufiger als jüngere. Sie wird in der Regel dadurch verursacht, dass die Blasenmuskeln übermäßig aktiv sind und sich zu oft anspannen (kontrahieren). Warum das passiert, ist nicht bekannt. Bestimmte Erkrankungen wie Harnwegsinfektionen oder Nervenerkrankungen können ähnliche Beschwerden auslösen. Auch einige Medikamente können zu einem erhöhten Harndrang führen. Daher kann eine Diagnose „überaktive Blase“ nur gestellt werden, wenn zuvor andere Ursachen ausgeschlossen worden sind.
Auch Männer können eine überaktive Blase haben. Da sich die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten aber unterscheiden, beschäftigen wir uns hier nur mit Behandlungsansätzen für Frauen.
Behandlungsmöglichkeiten bei einer überaktiven Blase
Bei einer überaktiven Blase gibt es drei Behandlungsansätze:
* Nicht-medikamentöse Maßnahmen
* Medikamentöse Maßnahmen
* Operationen
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Zu den nicht-medikamentösen Möglichkeiten zählen beispielsweise Blasen- und Beckenbodentraining, psychotherapeutische Behandlungen (zum Beispiel eine kognitive Verhaltenstherapie), Reizstromtherapie, Biofeedback sowie eine bewusste Steuerung des Trinkverhaltens. So wird beispielsweise oft geraten, vor sozialen Aktivitäten oder dem Schlafengehen weniger Kaffee und Alkohol zu sich zu nehmen, da sie harntreibend wirken. Zu den alternativmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten gehören bei einer überaktiven Blase die Akupunktur und die Fußzonenmassage.
Medikamentöse Maßnahmen
Spasmolytika sind Medikamente, die die Blasenmuskulatur auf unterschiedlichen Wegen beeinflussen. Anticholinergika gehören zu dieser Gruppe von Medikamenten und werden bei einer überaktiven Blase am häufigsten angewendet. Sie hemmen die Wirkung von Acetylcholin, das an der Weiterleitung von Nervenimpulsen beteiligt ist. Ziel ist, die Blasenmuskeln davon abzuhalten, sich zu oft anzuspannen, sodass die Betroffenen nicht mehr so häufig Wasser lassen müssen. Manche Frauen in den Wechseljahren versuchen das Problem auch mit Arzneien zu behandeln, die Östrogene enthalten – das sind weibliche Hormone. Mehr über die Wechseljahre und diese Hormonbehandlungen können Sie hier lesen.
Manchmal wird auch das Medikament Botulinumtoxin in die Blasenwand gespritzt, was die Blasenmuskulatur entspannen soll. In Deutschland ist Botulinumtoxin für diesen Einsatz nicht zugelassen. Wenn es dennoch bei einer überaktiven Blase gespritzt wird, spricht man von einem "Off-Label-Use". Ärztinnen und Ärzten haben dann eine besondere Aufklärungspflicht. Mehr über den "Off-Label-Use" können Sie hier lesen.
Operationen
Operationen gelten als letzte Möglichkeit, wenn alle anderen Maßnahmen nicht geholfen haben. Es kann beispielsweise ein Blasenschrittmacher oberhalb des Gesäßes eingepflanzt werden. Der Schrittmacher ist ein Gerät, das elektrische Signale mit dem Ziel sendet, die Kontrolle über die Blasenfunktion zu verbessern.
Forschung zu verschiedenen Behandlungsansätzen
Eine Forschungsgruppe der US-amerikanischen Regierungsbehörde für Gesundheitsforschung und Versorgungsqualität (Agency for Health Care Quality and Research – AHRQ) wollte herausfinden, wie gut die verschiedenen Behandlungsansätze Frauen mit einer überaktiven Blase helfen. Sie suchte nach Studien, die prüften, ob die Maßnahmen die Zahl der Toilettengänge verringern und die Inkontinenz mindern konnten. Insgesamt schlossen die Forscherinnen und Forscher 232 Studien in ihre Analyse ein. Medikamente waren die Behandlungsart, die am häufigsten getestet wurde, gefolgt von Operationen. Weniger Studien fand die Forschungsgruppe zu nicht-medikamentösen und alternativmedizinischen Verfahren.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Frauen mit einer überaktiven Blase probieren häufig zunächst verschiedene therapeutische Ansätze aus. Sie könnten beispielsweise ein Blasentraining absolvieren, bei dem sie versuchen sollen, die Zeit zwischen zwei Toilettengängen immer mehr auszudehnen. Auch ein Beckenbodentraining und die Änderung des Trinkverhaltens gehören zu den möglichen Maßnahmen. Leider gibt es nur eine Handvoll Studien, die untersucht haben, wie erfolgreich solche nicht-medikamentösen Strategien sind. Aber diese wenigen Studien legen nahe, dass diese Ansätze ähnlich nützlich sein könnten wie einige Medikamente, ohne deren unerwünschte Wirkungen zu haben.
Um eine Vorstellung davon zu vermitteln, welche Ansätze es gibt, hier ein Beispiel aus einer der Studien: Die Teilnehmerinnen – ältere Frauen mit einer überaktiven Blase – erlernten Strategien, um einer Inkontinenz vorzubeugen. Sie wurden ermutigt, bei Harndrang nicht sofort zur Toilette zu eilen, sondern sich hinzusetzen, zu entspannen und die Beckenbodenmuskeln anzuspannen, um den Harndrang zu unterdrücken und sich selbst davon abzuhalten, sofort zur Toilette zu laufen und Wasser zu lassen. Danach sollten sie, sobald der Harndrang nicht mehr so stark war, mit normaler Geschwindigkeit zur Toilette gehen. Außerdem setzten sie die Methode des Biofeedback ein, um ihre Körperwahrnehmung zu verbessern, und führten täglich Übungen durch, um ihre Beckenbodenmuskeln zu kräftigen. Beim Biofeedback lernt man, körperliche Prozesse zu erkennen, die uns normalerweise nicht bewusst sind. Indem man sie sich bewusst macht – so die Hoffnung – könnte man lernen, mehr Kontrolle über körperliche Abläufe zu erlangen, die normalerweise automatisch ablaufen.
Verschiedene Ansätze miteinander zu kombinieren, scheint hilfreich zu sein – zum Beispiel ein Blasen- und Beckenbodentraining zu machen sowie gleichzeitig den Koffeinkonsum zu reduzieren. Weil verhaltenstherapeutische Strategien, Trainingsmaßnahmen und Medikamente für sich allein genommen erfolgreich sind, könnte man meinen, dass die Kombination zweier Ansätze doppelt so erfolgreich ist. Aber die bisher durchgeführten Studien haben nicht gezeigt, dass dies so ist.
Obwohl der Nutzen einer Kombination von Medikamenten, Trainings- und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen objektiv nicht groß ist, empfanden viele Frauen diesen Effekt schon als Verbesserung ihrer Lebensqualität. Auch nur eine Maßnahme anzuwenden, kann bereits einen positiven Effekt haben – die Wirkung ist dann aber möglicherweise kleiner. Die Forscherinnen und Forscher fanden keine Studien zu anderen Möglichkeiten wie beispielsweise einer alleinigen Steuerung des Trinkverhaltens oder dem Erlernen psychologischer Strategien im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Mehr über die kognitive Verhaltenstherapie finden Sie hier.
Zu alternativmedizinischen (komplementären) Behandlungen der überaktiven Blase gibt es kaum Studien. Zwar wurden Akupunktur und Fußzonenmassage untersucht. Die Studien waren aber zu klein, um sagen zu können, ob diese Behandlungen bei einer überaktiven Blase helfen.
Medikamentöse Maßnahmen
Die Studien zeigten, dass sowohl Anticholinergika als auch andere Spasmolytika die Symptome einer überaktiven Blase etwas lindern können. Die AHRQ-Forschungsgruppe fand keine Hinweise, dass eines der Medikamente den anderen möglicherweise überlegen ist. Der Nutzen der Medikamente war nicht groß. Konkret: Bevor die Frauen an den Studien teilnahmen, mussten sie durchschnittlich 7 bis 14 Mal pro Tag zur Toilette gehen. Nach Einnahme der Medikamente mussten sie etwas weniger oft gehen. Sie gingen durchschnittlich 1 Mal weniger am Tag auf Toilette als Frauen, die ein Scheinmedikament einnahmen. Dies verbesserte auch ihre Lebensqualität. Frauen, die Medikamente einnahmen, verloren auch etwas seltener unfreiwillig Harn.
Die häufigste unerwünschte Wirkung der Mittel war Mundtrockenheit; auch Verstopfung war relativ häufig. Seltener traten vermehrte Entzündungen der Harnwege und Schwierigkeiten beim Wasserlassen auf. Die Studien liefen meist nicht länger als 12 Monate, weshalb sich wenig über die langfristigen Folgen sagen lässt, wenn Menschen die Medikamente über mehrere Jahre nehmen.
Es gibt einige Hinweise, dass auch Blasenspülungen mit dem Wirkstoff Oxybutynin (ein Anticholinergikum) helfen können. Ärztinnen und Ärzte sprechen dann von einer Blaseninstillation. Dabei gelangt das Medikament über einen Kunststoffschlauch (Katheter) in die Blase. In einer kleinen Studie sank durch die Blasenspülungen die Zahl der Toilettengänge. Es ist aber noch mehr Forschung erforderlich, bevor sich dies sicher sagen lässt. Blasenspülungen mit dem Medikament Resiniferatoxin zeigten dagegen keinen Nutzen. Blasenspülungen können zu Blasenentzündungen und Schwierigkeiten beim Wasserlassen führen. Der Nutzen und Schaden von Injektionen mit Botulinumtoxin bei überaktiver Blase lässt sich nicht beurteilen. Hierzu fehlen gute Studien.
Operationen
Operationen kommen in der Regel erst dann in Betracht, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind und die Betroffenen weiterhin starke Beschwerden haben. Die AHRQ-Forschungsgruppe fand eine Vergleichsstudie zur Einpflanzung eines Blasenschrittmachers. Dies wird auch sakrale Neuromodulation genannt. In dieser Studie wurden Menschen untersucht, denen Medikamente nicht geholfen hatten und denen dann ein Blasenschrittmacher eingepflanzt wurde. Sie wurden verglichen mit Menschen, die keinen Schrittmacher erhielten und weiterhin Medikamente nahmen. Zwar lieferte diese Studie positive Ergebnisse, aber es ist mehr Forschung erforderlich, bevor man sicher sagen kann, dass Frauen von einem Blasenschrittmacher eine Verbesserung erwarten können. Dies gilt umso mehr, als dass die Einpflanzung eines Blasenschrittmachers wie alle operativen Eingriffe nicht ohne Risiko ist und beispielsweise zu Wundinfektionen führen kann.
Die Auswertung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des AHRQ unterstützt insgesamt den Ansatz, zunächst strukturierte Angebote zur Selbsthilfe zu nutzen und dabei professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Führt dies nicht zum gewünschten Erfolg, kann eine medikamentöse Therapie helfen. Mehr über Blasen- und Beckenbodentraining können Sie hier lesen.
Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
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* Erstellt am: 27. Oktober 2010 10:41
* Letzte Aktualisierung: 28. Oktober 2010 15:59
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Die IQWiG-Gesundheitsinformationen stützen sich auf Forschungsergebnisse aus der internationalen Literatur. Wir identifizieren die zuverlässigsten aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere aus sogenannten „systematischen Reviews“. Darin werden wissenschaftliche Studien zum Nutzen und Schaden von Behandlungen und anderen Maßnahmen der Gesundheitsversorgung zusammenfassend analysiert, sodass Fachleute und Betroffene deren Vor- und Nachteile abwägen können. Mehr Informationen dazu, wie systematische Reviews aufgebaut sind und warum sie die zuverlässigsten Belege liefern, finden Sie hier. Außerdem bitten wir stets die Autorinnen und Autoren der zentralen systematischen Reviews, auf denen unsere Informationen beruhen, um ihre Unterstützung, um die medizinische und wissenschaftliche Korrektheit unserer Produkte sicherzustellen.
Hartmann KE, McPheeters ML, Biller DH, Ward RM et al. Treatment of Overactive Bladder in Women. Evidence Report/Technology Assessment No. 187. Rockville: Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ). August 2009. [Volltext]
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