“ICH HABE DEM KREBS EINE TÜR GEÖFFNET” (FRANKFURTER RUNDSCHAU)
Christoph Schlingensief, 47, ist glücklich, dass er wieder arbeiten kann. Zu Beginn dieses Jahres musste der Aktionskünstler, Film- und Theaterregisseur der Tatsache ins Auge sehen, dass er Lungenkrebs hat. Chemo- und Strahlentherapie sind überstanden. Was sofort auffällt: Er hat seine berühmten wuscheligen Haare behalten. Seit drei Wochen arbeitet Schlingensief in Duisburg für die Ruhrtriennale an “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”, Premiere ist am 21. September. Für die Aufführung hat er in der Gebläsehalle in Duisburg die Kirche, in der er als Junge Messdiener war, nachbauen lassen.
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http://www.schlingensief.com/weblog/?p=283 “ICH HABE DEN TOD GESPÜRT, ER SAß IN MIR. ICH HABE GEKÄMPFT.” (SZ MAGAZIN)
Christoph Schlingensief sieht nicht besonders müde aus, er sieht auch nicht krank aus. Er hat vielleicht ein paar Falten mehr um die Augen, er ist dünner, die Haare sind ein wenig grau geworden. Aber sieht so jemand aus, der mit dem Dämon gerungen und ihn erst einmal besiegt hat? Dieser Dämon, den manche Krebs nennen oder Tod und der man doch immer auch selbst ist.
Er bestellt Kakao und ein Eis-Sandwich, braun-weiß-rot gestreift, an der Pommesbude hier im Landschaftspark Duisburg-Nord, wo früher der Stahl floss und heute die riesigen Kesselanlagen und die rostigen Rohre wirken wie die Organe eines Körpers, der vor langer Zeit gestorben ist.
Wir setzen uns in die Sonne, auf zwei Plastikstühle, der eine ist rot, der andere ist gelb. Ein leichter Wind geht durch die Birken. Schlingensief inszeniert hier gerade: Am 21. September wird sein Oratorium »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« bei der Ruhr Triennale Premiere haben. Dafür hat er eine Monstranz gebaut, in die er ein Röntgenbild seiner Lunge eingefügt hat. »Ich trinke sehr viel Kakao«, sagt Schlingensief, »und eine Weile habe ich mich fast ausschließlich von diesen Eis-Sandwichs ernährt.«
Eigentlich hatte er dieses Treffen schon abgesagt. »Ich will hier arbeiten«, hatte er in einer SMS geschrieben, »ich tauche nach sieben Monaten Horrorzeit wieder langsam und ängstlich ins Leben.« Eigentlich wollte er nicht mit der Presse sprechen.
Aber dann reden wir. Er erzählt von seinem Vater, der im Januar 2007 starb, und von der Chemotherapie, von Ärzten, von den Ängsten, der Wut. Es gibt so viel zu sagen, es gibt so wenige Worte.
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http://www.schlingensief.com/weblog/index.php?p=285 GOTT, WO BIST DU HINGEGANGEN? (NACHTKRITIK.DE)
Schlingensief ist zur Inszenierung seines Lebens aufgebrochen – und, so muss man es wohl leider sagen, auch zur Inszenierung um sein Leben. Ausgerechnet im Ruhrgebiet, dem Ort seiner Kindheit, hat er die erste Arbeit nach seiner Lungenkrebserkrankung angenommen. Privater und persönlicher, nackter und trauriger ist Schlingensief noch nie gewesen.
Er, dessen Familiengeschichte, Lieblingskünstler, Schwächen und Krankheiten man doch bereits zu kennen glaubte, eröffnet in “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” eine neue Dimension des Authentischen auf der Bühne – und verhandelt den eigenen Tod. So radikal, dass sich eine Kritik des Abends eigentlich von selbst verbietet.
30-Cent-Kerzen und Super-8-Filme
Die Gebläsehalle Duisburg-Nord ist zu einem düsteren Kirchenraum geworden: Holzbänke, rot leuchtende Schreine, darin Monstranzen mit Schlingensiefs Röntgenbild. Dort, wo sonst der Stationenweg Christi ist, finden sich Bilder von seiner “Family”. In einer Ecke der Kirche eine Fett-Ecke mit totem Hasen, frei nach Beuys. Für 30 Cent kann man eine Kerze spenden.
Angela Winkler, Margit Carstensen und Mira Partecke lesen aus seinen Tagebuchaufzeichnungen. Wie es war, als die Diagnose kam. Adenokarzinom. Was genau der Arzt gesagt hat. Dass es nicht viel Hoffnung gibt. Dass er es seinem Umfeld mitteilen muss, das ihn aber nicht mit Mitleid zuschütten soll. Dass er keine Reisen mehr unternehmen sollte. Dass er nicht mehr der Mensch ist, der er gewesen ist und das auch nie wieder sein wird.
Dann hört man Schlingensief auf Tonbändern, er weint. Als Nichtraucher mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert zu sein, ist eine grausame Ironie. Unbegreiflich, was das Schicksal macht, hat der Onkologe gleichen Alters gesagt, und danach selbst geweint. Auch die Kritikerin muss weinen. Auf der Leinwand laufen Super-8-Filme: der kleine Junge Schlingensief tollt durch die Dünen, geht baden, lehnt an einer Steinwand, ballert mit Spielzeuggewehren. Wann hat man genug gelebt? Was ist ein gutes Leben? Kann man die Sache nicht auch beenden, mit Schmerzmitteln in Afrika, und seine eigene Freiheit bewahren? Was kann man noch leisten mit einer halben Stimme? Wozu die Raserei? Wo ist Gott hingegangen?
Die Auferstehung des zukünftig Verstorbenen
“Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt”, der Satz von Joseph Beuys steht auf dem Programmheft und über allem. Schlingensief zeigt reichlich Wunden: Bilder seines Tumors, seine Mutter auf dem Anrufbeantworter, die nicht ins Krankenhaus kam, Selbstkasteiungen, Schuldzuweisungen. Die einzelnen Etappen der Verarbeitung sind als Kapitelüberschriften auf die Leinwand projiziert. Die Sängerinnen Friederike Harmsen und Ulrike Eidinger singen dazu wunderschöne Lieder, ein Kinderchor durchkreuzt sie mit “Alle meine Entchen”.
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http://www.schlingensief.com/weblog/?p=298»IN DER DUNKELHEIT FÜHLE ICH MICH WIE IM KINO« (SPEX)
Spex #328: Kunstsprache Theater – Christoph Schlingensief im Gespräch mit Max Dax
Mehr als ein Jahr sollte es dauern, ehe Christoph Schlingensief (50) sich schliesslich bereit erklärte, erstmals ein abendfüllendes Interview über seine Schreibpraxis zu gewähren. Der schwerkranke Regisseur, Dramaturg und designierte Kurator des Deutschen Pavillons 2011 in Venedig fand und nahm sich in Hamburg die Zeit, mit Max Dax zu nächtlicher Stunde ausführlich über die Einsamkeit des Autors in anonymen Hotelzimmern, auf der Theaterbühne und in Zwischensituationen flüchtiger Momente zu sprechen. Zunehmend wird klar: Das Schreiben ist mehr als nur eine notwendige Arbeit, es ist zu gleichen Teilen Überlebenskampf und Identitätsversicherung.
SPEX #328
Christoph Schlingensief Ich habe in den letzten Jahren oft gleichzeitig an diversen unterschiedlichen Projekten gearbeitet – Film, Theater, Oper, Blog, Interviews, Prosa, Kunstaktionen, Videos. Bei allen diesen Projekten gibt es eine Textebene. Die Zeit, die vergeht, und das Schreiben hängen eng zusammen, denn das Schreiben hat ein zeitlich unberechenbares Moment. Und zugleich hängt alles mit allem zusammen. Aber
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http://www.schlingensief.com/weblog/?p=611