Autor Thema: Prostataentfernung - Harninkontinenz, kontinent mit neuem Band!  (Gelesen 8493 mal)

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Dietmar E.

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Harninkontinenz nach Prostatektomie: kontinent mit neuem Band

17.7.o7 - Urologik sprach mit Dr. Peter Rehder, Oberarzt der Neurourologie der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie über das Transobturatorband, eine neue vielversprechende Therapiemöglichkeit der Harninkontinenz nach radikaler Prostatektomie.

Der Verlust der Kontrolle über die Blasenfunktion nach einer radikalen retropubischen Prostatektomie (RRP) findet als Komplikation immer mehr Beachtung. Angaben über die Häufigkeit der Inkontinenz nach der RRP schwanken aber in der Literatur. Wie gravierend ist das Problem?

P. Rehder: Harninkontinenz ist ein zentrales Problem der radikalen Prostatektomie. Es gibt zwischen 5–15% Männer, die nach einer RRP gering bis mäßig inkontinent sind. Bis zu 30% der Patienten haben nach der Operation mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Inkontinenz zu rechnen. Das gilt vor allem, wenn man auch diejenigen Männer mit einer geringgradigen Harninkontinenz dazurechnet.

Welche etablierten Therapieverfahren stehen diesen Patienten heute zur Verfügung?

P. Rehder: Der artifizielle Sphinkter ist im Moment zum Goldstandard der operativen Therapie der männlichen Inkontinenz geworden. Er stellt jedoch bestimmte kognitive und manuelle Mindestanforderungen an den Patienten. Die zirkumferente Urethralkompression garantiert zwar eine hohe Effizienz, sie beruht aber auf dem Prinzip der Obstruktion. Zusammenfassend könnte man sagen, dass der künstliche Sphinkter nur für jene Männer indiziert ist, die keine Restfunktion des Sphinkters mehr haben (6–10 Einlagen/Tag).

Sie haben für diese Patientengruppe gemeinsam mit dem Innsbrucker Urologen Christian Gozzi das Transobturatorband entwickelt, eine neue effiziente Therapiemöglichkeit der Harninkontinenz, die von American Medical Systems Inc. unter dem Namen AdVanceTM umgesetzt wurde. Worum handelt es sich genau?

P. Rehder: Das Transobturatorband, auch Transobturatorschlinge (TOS) genannt, ist eine neue Methode zur Behandlung geringgradiger bis mäßiger Inkontinenz bei Männern. Sie ist minimalinvasiv und beruht nicht auf der Obstruktion des Harnröhrenlumens. Das Transobturatorband liegt am Schwellkörper der Harnröhre und verursacht eine Innenrotation des proximalen Bulbus parallel zum Lumen der sphinkterischen Harnröhre. Der nach distal abgerutschte hintere (dorsaler) Stützapparat des Schließmuskels wird wieder in die Normposition gebracht, und das Harnröhrenlumen kann wieder abdichten.

Welche Vorteile bringt dieser transobturatorische Zugang?

P. Rehder: Unsere Operationsmethode beruht auf der Unterstützung des Schließmuskelapparates: Bei der radikalen Prostatektomie kommt es zur Hypermobilität der sphinkterischen Harnröhre. Korrigiert man diese, kann man die Kontinenz wiederherstellen. Mit Hilfe des Transobturatorbandes kann der Schließmuskel das Lumen koaptieren ohne zu obstruieren. Wir stellen also mit dem Transobturatorband die normale Anatomie des männlichen Harnapparates wieder her und unterstützen diese Körperfunktion, ohne signifikante Schäden zu verursachen.

Welche Voraussetzungen sind für die Behandlung mit dem Transobturatorband erforderlich?

P. Rehder. Voraussetzung für die Behandlung der Harninkontinenz mit der Transobturatorschlinge ist eine Restfunktion des Schließmuskels. Die Operation wird in Steinschnittlage durchgeführt und dauert 20–40 Minuten. Die Patienten erhalten einen Dauerkatheter für 24–48 Stunden und werden nach der ersten erfolgreichen Blasenentleerung entlassen. Insgesamt erfordert der Eingriff nur einen kurzen Krankenhausaufenthalt von 3–4 Tagen. In Amerika wird die Operation bereits tagesambulant durchgeführt.

Sie haben seit 2004 zahlreiche Patienten mit der neuen Operationstechnik behandelt und Ihre Daten kürzlich im European Urology publiziert. Wie sind Ihre Ergebnisse?

P. Rehder: Im Oktober 2003 haben wir an der Universitätsklinik für Urologie in Innsbruck zum ersten Mal einen Patienten operiert. Von Januar 2004–2006 wurden 20 Patienten mit einem Prototyp-Transobturatorband behandelt. Unsere Drei-Jahres-Ergebnisse sind vielversprechend: Mit der Behandlung der Harninkontinenz durch das Transobturatorband erreichten wir eine Kontinenzrate von 80% bei Patienten mit Inkontinenz nach RRP. Diese Patienten brauchen keine Einlagen mehr. Seit Februar 2006 haben 48 Patienten ein AdVance-Band in Innsbruck bekommen. Die meisten dieser Operationen wurden von Christian Gozzi durchgeführt. Unsere Methode stellt also als neues Verfahren für die Behandlung der Post-Prostatektomie-Inkontinenz ein wirksames Verfahren dar, das von den Patienten gut akzeptiert wird. Die einzige Gruppe, bei denen diese Methode nicht überzeugend anschlägt, sind Karzinompatienten mit zusätzlicher Beckenbestrahlung. In diesen Fällen stellt die Gewebsatrophie ein Hindernis dar. Problematisch sind auch Patienten nach Behandlung mit Bulking Agents (MacroplastiqueTM) und nach erfolgloser Stammzellentherapie. Die Harnröhre ist in diesen Fällen vernarbt und weniger mobil.

Wie ist es um die Datenlage zum Transobturatorband weltweit bestellt?

P. Rehder: Weltweit wurden bereits über 400 Transobturatorbänder bei Männern implantiert. In den USA und in Europa laufen derzeit Multicenter-Studien dazu. Alle bisherigen Ergebnisse sind sehr ermutigend und scheinen auch auf Dauer zu funktionieren. In einem nächsten Schritt werden wir nun diese Multicenter-Studienergebnisse kontrollieren. Wir werden die Indikationsstellung optimieren: Die Operation mit dem AdVance-Transobturatorband macht nur Sinn bei Patienten mit einer Restfunktion des Schließmuskels und einer vorliegenden Hypermobilität der Harnröhre. Was wir letztlich brauchen, sind Langzeitergebnisse.

Was kostet die Operation mit dem Transobturatorband?

P. Rehder: In Österreich kostet das AdVance-Transobturatorband etwa 2.900 Euro und ist vergleichbar mit anderen ähnlichen Inkontinenz-Operationsmethoden.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!


Das Interview führte: Monika Lerch

Unser Interviewpartner: OA Dr. Peter Rehder der Neurourologie der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie

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"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)