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Jutta

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Leberkrebs: Sorafenib verlängert Überleben
« am: 24. Januar 2008, 00:17 »
Neue Therapiemöglichkeiten beim Leberzellkarzinom

Bis vor kurzem gab es für Patienten mit nicht operablem Leberzellkarzinom keine systemischen Therapiemöglichkeiten. Die Entwicklung eines neuen Medikaments gibt jetzt wieder Anlass zur Hoffnung. In klinischen Studien hat sich erwiesen, dass der Wirkstoff „Sorafenib“ das Leben von Patienten mit fortgeschrittenem Leberzellkrebs signifikant verlängert. Seit Oktober 2007 ist Sorafenib als erstes Präparat zur systemischen, den ganzen Körper betreffenden, Therapie des fortgeschrittenen Leberzellkarzinoms in Europa zugelassen.

Das Leberzellkarzinom
Das Leberzellkarzinom, in der Medizin auch als hepatozelluläres Karzinom oder HCC (HCC = hepatic cellular carcinoma) bezeichnet, ist die häufigste Form von Leberkrebs. Etwa 90% aller primären bösartigen Lebertumore bei Erwachsenen zählen dazu. Weltweit ist das Leberzellkarzinom die sechsthäufigste Krebserkrankung. (1)

In Deutschland wird Leberzellkrebs meist durch eine Leberzirrhose verursacht. Darunter versteht man die Umwandlung von Lebergewebe in Bindegewebe bei gleichzeitiger Zerstörung von Leberzellen. Eine Leberzirrhose entsteht fast immer aufgrund eines langjährigen übermäßigen Alkoholkonsums oder infolge von Leberentzündungen (Hepatitis B und C). In manchen Fällen sind angeborene Stoffwechselerkrankungen wie die Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose) für die Entstehung von Leberzellkrebs verantwortlich. Aber auch der berufliche Kontakt mit krebserregenden Stoffen, eine langfristige Einnahme von Androgenen (Hormonpräparate im Doping) oder der Verzehr von Aflatoxinen (Schimmelpilzgifte in Lebensmitteln) können die Entwicklung von Leberzellkrebs begünstigen.

Prognose
Die Heilungschancen hängen vom Stadium der Erkrankung ab. Da das Leberzellkarzinom im Frühstadium meist keine Beschwerden bereitet, wird es häufig erst spät diagnostiziert. Bei etwa 7 von 10 Patienten ist die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose bereits so weit fortgeschritten, dass eine operative Entfernung des Tumors nicht mehr möglich ist(2). Die Prognose ist dann schlecht. Die durchschnittliche Überlebensdauer bei fortgeschrittenem Leberzellkarzinom beträgt ohne Therapie etwa 6 Monate (3). Die derzeitige Fünf-Jahres-Überlebensrate für Leberkrebspatienten liegt in Europa unter 8% (1).

Therapiemöglichkeiten
Kleinere Lebertumore, die noch keine Metastasen (Tochtergeschwülste) in anderen Organen und Geweben gestreut haben, können oft operativ entfernt oder mit lokaler Chemotherapie, Bestrahlung oder anderen lokalen Behandlungsmöglichkeiten zerstört werden. Hat der Tumor noch keine Metastasen gebildet, kann manchen Patienten auch eine Lebertransplantation helfen.

Für Patienten mit metastasiertem Leberzellkrebs gab es bis vor kurzem jedoch keine Therapieoptionen mehr, da das fortgeschrittene Leberzellkarzinom, im Gegensatz zu einigen anderen Krebserkrankungen, nicht auf herkömmliche Chemotherapeutika anspricht. Erst mit dem neuen Wirkstoff Sorafenib wurde jetzt ein Durchbruch erzielt. Sorafenib ist derzeit das einzige Arzneimittel, das nachweislich die Überlebensdauer von Patienten mit fortgeschrittenem Leberzellkrebs verlängert.

In klinischen Studien nachgewiesen - Sorafenib verlängert Überleben
Die lebensverlängernde Wirkung der neuen Substanz wurde in einer internationalen klinischen Studie gezeigt. An der „Sorafenib HCC Assessment Randomized Protocol“, der SHARP-Studie nahmen 602 Patienten mit fortgeschrittenem Leberkrebs teil, die zuvor noch keine systemische Therapie erhalten hatten. An der Studie waren Untersuchungszentren in Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in Europa, Australien und Neuseeland beteiligt.

Die Patienten erhielten nach einer zufälligen Verteilung (Randomisierung) entweder Sorafenib oder ein Scheinmedikament (Placebo). Die Studie wurde doppelblind durchgeführt; das bedeutet, dass weder Ärzte noch Patienten wussten, wer den Wirkstoff und wer ein Placebo erhielt.

Die Auswertung der doppelblinden Behandlung ergab, dass Sorafenib im Vergleich zu Placebo die Überlebenszeit der Leberkrebspatienten um 44% verlängerte. Ihre Gesamtüberlebenszeit betrug 10,7 Monate im Vergleich zu 7,9 Monaten unter Placebo. Häufigkeit und Schwere der unerwünschten schwerwiegenden Ereignisse waren in beiden Gruppen vergleichbar.
Eine Zwischenanalyse durch ein unabhängiges Gremium zeigte, dass ein primäres Studienendziel, der Nachweis der lebensverlängernden Wirksamkeit von Sorafenib, bereits vor Ende der geplanten Studienzeit erreicht worden war. Daraufhin wurde die Studie beendet, damit Patienten, die zuvor in der Placebogruppe waren, jetzt ebenfalls das richtige Medikament erhalten konnten.

Sorafenib attackiert Leberzellkarzinom zweifach
Sorafenib blockiert verschiedene Enzyme, Eiweißstoffe, die im Körper zur Beschleunigung von Reaktionen benötigt werden, vom Typ der „Kinasen“. Diese Kinasen befinden sich zum einen an der Oberfläche von Krebszellen, wo sie an Wachstum und Ausbreitung von Krebszellen beteiligt sind. Zum anderen kommen sie in Blutgefäßen zur Versorgung des Tumors vor und sind dort an der
Entwicklung neuer Blutgefäße (Angiogenese) beteiligt.

Durch die Blockade der Kinasen behindert Sorafenib die Vermehrung und Ausbreitung der Tumorzellen und schneidet ihnen gleichzeitig die Blutversorgung ab. Durch diesen Wirkmechanismus attackiert Sorafenib das Leberzellkarzinom von zwei Seiten und hält so das Fortschreiten der Krebserkrankung auf. Da Sorafenib mehrere Arten von Kinasen blockieren kann, wird es auch als „Multi-Kinase-Hemmer“ oder „Multi-Kinase-Inhibitor“ bezeichnet.

Im Unterschied zu herkömmlichen Chemotherapeutika ist Sorafenib keine zytotoxische sondern eine zytostatische Substanz. Sie wirkt vor allem gezielt auf den Tumor und seine Blutversorgung, so dass gesundes Gewebe weitgehend geschont wird. Dadurch wird auch die allgemeine körperliche Verfassung der Patienten weniger beeinträchtigt. Das Medikament ist gut verträglich und zur Dauertherapie geeignet.

Wie wird Sorafenib angewendet?
Im Gegensatz zu einigen herkömmlichen Chemotherapeutika, die über Infusionen zugeführt werden müssen, kann Sorafenib ganz einfach als Tablette verabreicht werden. Sorafenib wird unter der Aufsicht eines Onkologen (Facharzt für Krebserkrankungen) zweimal täglich unabhängig von den Mahlzeiten oder zusammen mit einer fettarmen Mahlzeit eingenommen. Als häufigste, aber meist unproblematische Nebenwirkungen wurden Durchfall, Hautreaktionen und Bluthochdruck beobachtet.
« Letzte Änderung: 24. Januar 2008, 00:18 von Jutta »