Autor Thema: Diabetes und Eigeninitiative  (Gelesen 3305 mal)

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Geri

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Diabetes und Eigeninitiative
« am: 27. Mai 2008, 00:13 »
Studie: Diät und Sport zögern Typ-II-Diabetes mellitus um Jahre hinaus

Peking – Diabetologen behaupten seit langem, dass ein gesunder Lebensstil mit gesunder Ernährung und viel Bewegung einem Typ-II-Diabetes mellitus vorbeugen kann. Eine vor zwanzig Jahren in China begonnene Studie liefert im Lancet (2008; 371: 1783-1789) jetzt den Beweis dafür.

Für die China Da Qing Diabetes Prevention Outcome Study wurden im Jahr 1986 in 33 chinesischen Kliniken 577 Patienten (Mittvierziger) mit gestörter Glucosetoleranz per Zufallsverfahren einer von vier Gruppen zugeordnet. Eine Gruppe durfte weiterleben wie bisher (Kontrollgruppe). Eine zweite erhielt eine Diätberatung mit dem Ziel, den Verzehr von Gemüse zu steigern und die Aufnahme von Kohlenhydraten und Alkohol zu senken. Den Übergewichtigen wurde zu einer langfristigen Gewichtsabnahme geraten. Den Teilnehmern der dritten Gruppe wurde sportliche Aktivität verordnet, und in der vierten Gruppen wurden beide Interventionen kombiniert.

Die aktiven Maßnahmen dauerten mehr als sechs Jahre bis 1992. Im Jahr 2006 wurden die Studienteilnehmer zur Bewertung der Langzeiteffekte der Maßnahmen erneut nachuntersucht. Es gelang der Gruppe um Guangwei Li vom Pekinger China-Japan Friendship Hospital und Ping Zhang von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta fast alle Teilnehmer der Studie zu kontaktieren. Da die Unterschiede in den drei Interventionsgruppen ähnlich waren, wurden sie gemeinsam ausgewertet.

Offensichtlich haben sich viele Teilnehmer auch nach der aktiven Studienphase weiter an die vorgeschriebenen Interventionen gehalten. Denn die Blutzuckerwerte im Glucosebelastungstest waren in den Interventionsgruppen sowohl 1992 als auch bei der Nachuntersuchung im Jahr 2006 signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe. Auch die Rate der Diabetesneuerkrankungen war niedriger.

Während der aktiven Studienphase erkrankten in den Interventionsgruppen 43 Prozent neu einem Typ-II-Diabetes mellitus, in der Kontrollgruppe waren es 66 Prozent. Die Autoren errechnen eine Number needed to treat (NNT) von fünf Personen, die eine Intervention betreiben müssen, um einen Typ-II-Diabetes mellitus zu vermeiden, was sicherlich – auch verglichen mit medikamentösen Interventionen – ein beachtliches Ergebnis ist.

Am Ende der Nachbeobachtungszeit waren in den Interventionsarmen 80 Prozent an Typ-II-Diabetes mellitus erkrankt, in der Kontrollgruppe waren es nun 93 Prozent. Die NNT beträgt sechs. Laut Li und Zhang verzögerte die Intervention die Diabetesmanifestation im Durchschnitt um 3,6 Jahre. Auch in den härteren Endpunkten zur Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit wurde eine Reduktion erzielt, die jedoch das Signifikanzniveau verfehlte.

Dennoch belegen die Ergebnisse nach Einschätzung von Li und Zhang die Wirksamkeit der Interventionen, und auch die Editorialisten Jaana Lindström vom National Public Health Institute in Helsinki und Matti Uusitupa von der Universität Kuopio, ebenfalls in Finnland, äußern sich zustimmend. Sie bemerken allerdings, dass das eigentliche Ziel, die Verbesserung der Lebensprognose nicht erreicht wurde. Ein Grund könnte in der relativ geringen Intensität der Intervention liegen.

Die Auswirkungen auf Blutdruck, Cholesterin, Nüchternblutzucker und Körpergewicht waren gering und nicht signifikant (der Body-Mass-Index entwickelte sich in der Kontrollgruppe sogar günstiger), sodass sich die Frage stellt, welche pathogenetischen Mechanismen den Vorteilen zugrunde liegen.

Ein anderer Grund für die geringe Wirkung könnte der späte Beginn der Intervention sein. Die Störung der Glukosetoleranz (“Prädiabetes”) macht eine Manifestation des Typ-II-Diabetes mellitus sehr wahrscheinlich und auch in den Interventionsarmen dürften früher oder später alle Patienten erkranken.

Die Editorialisten schlagen deshalb vor, die Lebensstilinterventionen weit früher zu beginnen, wenn die Personen noch normoglykämisch sind. Dem dürften sicherlich alle Diabetologen zustimmen. Ob sie mit ihrem Appell bis zur Bevölkerung durchdringen, erscheint angesichts der steigenden Prävalenz von Diabetes und Prädiabetes dagegen zweifelhaft. © rme/aerzteblatt.de, 26.5.08