Autor Thema: Brustkrebs: Chemo und Nebenwirkungen  (Gelesen 7914 mal)

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Jutta

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Brustkrebs: Chemo und Nebenwirkungen
« am: 18. Juni 2008, 18:31 »

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Krebszellen sind aufgrund ihrer hohen Teilungsrate besonders empfindlich für die Wirkung der Chemotherapie. Dennoch schädigen die eingesetzten Medikamente (Zytostatika) auch gesunde Körperzellen. In Mitleidenschaft gezogen werden vor allem Zellen, die sich schnell vermehren.

Dazu gehören die Zellen der Mundschleimhaut, die Schleimhautzellen in Magen und Darm, die blutbildenden Zellen des Knochenmarks sowie die Haarwurzelzellen. Sie sind deshalb besonders oft von unerwünschten Begleiterscheinungen einer Chemotherapie betroffen.

Einige Nebenwirkungen treten innerhalb von Stunden oder Tagen nach Behandlungsbeginn auf und verschwinden mit dem Ende der Therapie, andere machen sich erst nach Monaten oder sogar Jahren bemerkbar. Der Umfang der Nebenwirkungen hängt in erster Linie von der Art und Dosis der eingesetzten Medikamente sowie der Behandlungsdauer ab. Auch die körperliche Verfassung der Patientin spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Viele Nebenwirkungen lassen sich durch begleitende Therapiemaßnahmen verhindern oder zumindest lindern.

Beschwerden im Magen-Darm-Trakt

Übelkeit und Erbrechen sind eine häufige Begleiterscheinung der Chemotherapie. Bei rund einem Drittel der Patienten tritt die Übelkeit unmittelbar im Anschluss an die jeweilige Behandlung auf. Sie kann aber auch mit einer Verzögerung von einigen Tagen einsetzen. Übelkeit und Erbrechen werden von den Patientinnen als große Belastung empfunden und können darüber hinaus zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen, die den Erfolg der Tumorbehandlung gefährden. Aus diesem Grund ist der Einsatz sogenannter Antiemetika, die Übelkeit und Erbrechen verhindern oder lindern können, heute fester Bestandteil einer Chemotherapie.

Schmerzhafte Entzündungen der Mundschleimhaut, auch häufige Nebenwirkung einer Chemotherapie, können durch spezielle Pflegemaßnahmen wie Spülen mit Kochsalz-, Salbei- oder Kamillenlösung gelindert werden.

Störungen der Blutbildung

Störungen der blutbildenden Zellen werden zunächst nur in Veränderungen des Blutbildes bei Laboruntersuchungen sichtbar. Erst bei ausgeprägten Blutbildungsstörungen entstehen Symptome wie anhaltende Schwäche und Erschöpfung durch Blutarmut (Anämie, Verminderung der roten Blutzellen), Störungen der Blutgerinnung mit erhöhter Blutungsneigung (Verminderung der Blutplättchen) und Infektionen (Verminderung der weißen Blutzellen).

Treten im Rahmen einer Chemotherapie Fieber, Schwäche oder Blutungen auf, sollte unverzüglich ein Arzt konsultiert werden. Bei schweren Blutbildungsstörungen können therapeutische Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, etwa die Gabe von Wachstumsfaktoren, die die Neubildung von weißen Blutkörperchen anregen (Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktoren), Bluttransfusionen oder die Gabe eines Wachstumshormons, das die Neubildung von roten Blutkörperchen stimuliert (Erythropoetin) sowie die Transfusion von Blutplättchen.

Haarausfall

Der oftmals mit einer Chemotherapie verbundene Haarausfall wird von vielen Frauen als besonders problematisch empfunden. Wirksame Maßnahmen, ihn zu verhindern, gibt es bislang nicht.

Vor Beginn der Behandlung können die Patientinnen ein Rezept für eine Perücke erhalten, die dem eigenen Haar optimal angepasst wird. Eine solche medizinische Perücke besteht aus hochwertigem Kunsthaar, das praktisch nicht mehr von Echthaar zu unterscheiden ist.Alternativ zu einer Perücke kann der Haarausfall mit dekorativen Tüchern oder modischen Mützen überdeckt werden. In der Regel wachsen die Haare nach Abschluss der Krebsbehandlung wieder nach.

Anhaltende schwere Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue)

Zustände anhaltender Müdigkeit und Erschöpfung, auch Fatigue genannt, sind eine häufige Erscheinung im Rahmen einer Krebsbehandlung. Sie können eine Folge chemotherapiebedingter Blutarmut (Anämie) sein. In solchen Fällen bessert sich das Befinden der Patientinnen mit der Behandlung der Blutarmut.

Auch längere Zeit nach Abschluss einer Krebstherapie kann eine Fatigue auftreten, die Ursachen dafür liegen noch im Dunkeln. In Untersuchungen wurde beobachtet, dass körperliche Bewegung und Sport dagegen helfen können.

Funktionsstörungen der Eierstöcke

Eine Chemotherapie kann die Eierstöcke schädigen und dadurch Störungen im Menstruationszyklus hervorrufen. Auch ein vorzeitiger Eintritt der Wechseljahre mit entsprechenden Beschwerden ist möglich. Während der Behandlung ist dies vorübergehend sogar erwünscht, da so die Bildung von Sexualhormonen (Östrogene, Progesteron) unterbunden wird, die das Wachstum von hormonempfindlichen Brusttumoren beschleunigen.

Ob sich die Eierstöcke nach Abschluss der Therapie wieder erholen und ihre volle Funktionsfähigkeit zurückgewinnen, hängt vor allem vom Alter der Patientin und der Art und Intensität der Chemotherapie ab. Nicht selten ist die Chemotherapie allerdings mit einem vollständigen Verlust der Eierstockfunktion verbunden. Frauen mit Kinderwunsch sollten sich deshalb vor Beginn der Chemotherapie ausführlich über neue Möglichkeiten informieren lassen, die Fruchtbarkeit trotz Chemotherapie zu erhalten.

Auch das Herz kann in Mitleidenschaft gezogen werden

Neben den genannten Nebenwirkungen gibt es solche, die nur bei bestimmten Zytostatika auftreten. Dazu gehört eine Schädigung des Herzmuskels mit einer Verminderung der Pumpleistung durch die Medikamentengruppe der Anthrazykline. Diese Störung ist dosisabhängig, weshalb bei der Therapie mit Anthrazyklinen bestimmte Grenzwerte nicht überschritten werden sollten.

Die Wirkstoffgruppe der Taxane können allergische Reaktionen sowie Gefühlsstörungen, Missempfindungen und Kribbeln an Händen und Füßen verursachen. Das Zytostatikum Docetaxel kann Verformungen der Fuß- und Fingernägel zur Folge haben.

Immer wieder wurden bei Brustkrebspatientinnen Störungen des Konzentrationsvermögens und eine Beeinträchtigung der Merkfähigkeit festgestellt. Die Ursachen für das als "Chemobrain" ("Chemohirn") bezeichnete, meist nur vorübergehend auftretende Phänomen sind bislang noch unbekannt. Neuere Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass eventuell nicht die Chemotherapie dafür verantwortlich ist, sondern psychische Faktoren im Zusammenhang mit der Krankheitsbewältigung.

Eine Chemotherapie kann die Entstehung anderer Krebserkrankungen begünstigen, vor allem von Leukämien (Blutkrebs). Bei den gegen Brustkrebs üblicherweise eingesetzten Zytostatika ist diese Nebenwirkung jedoch selten.


Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: "Brustkrebs: Chemotherapie – adjuvant, neoadjuvant, palliativ" (http://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/brustkrebs/chemotherapie.php); Hermelink, K. et al. Cognitive function during n
Autor: BSMO Redaktion
Stand: 29-04-2008

Richi

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Re: Brustkrebs: Chemo und Nebenwirkungen
« Antwort #1 am: 06. November 2008, 11:01 »

05.11.2008
   
   Wenn die geistigen Fähigkeiten von Tumorpatienten leiden

Der Schock der Diagnose ist überwunden, die anstrengende Therapie vorbei, und die Prognose gut. Trotzdem ist für viele Krebspatienten alles anders als vorher, weil sie ihre geistigen Fähigkeiten als deutlich eingeschränkt empfinden. Als wichtigsten Auslöser vermuten die meisten Betroffenen und auch viele Fachleute die extrem belastende Chemotherapie. Mehrere Studien scheinen den Eindruck der Patienten zu bestätigen, denn darin schnitt ein Teil der Patienten nach einer Chemotherapie in kognitiven Tests auffällig schlecht ab. Eine der weltweit größten Untersuchungen, die jetzt unter der Leitung von LMU-Forschern durchgeführt wurde, zeigte aber, dass die Chemotherapie höchstens einer von mehreren Auslösern sein kann.

Denn bei einem Drittel der Teilnehmer waren die geistigen Fähigkeiten schon vor der Behandlung deutlich beeinträchtigt. Während der Chemotherapie verschlechterten sich die Ergebnisse in manchen Fällen, in anderen wurden sie sogar besser. Auch (Anti-)Hormontherapien, die ebenfalls als mögliche Auslöser gesehen werden, hatten vereinzelt sogar einen positiven Effekt. Die beteiligten Forscher vermuten nun, dass der Faktor Stress eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Schließlich kann die Diagnose Krebs für die Betroffenen wie ein Trauma wirken - mit allen negativen Folgen für das Gedächtnis, die Konzentration und das Denken. (Cancer, 1. November 2008)

Die mühsame Suche nach Worten ebenso wie nach verlegten Schlüsseln oder Brillen und die Unfähigkeit sich zu konzentrieren: Viele Krebspatienten berichten noch Jahre nach der Behandlung über diese für sie sehr belastenden kognitiven Probleme und halten meist die Chemotherapie für den Auslöser. Auch die Forschung der letzten zehn Jahre schien diese Vermutung zu bestätigen. Immerhin wiesen mehrere Studien bei bis zu 75 Prozent der getesteten Patienten nach einer Chemotherapie eine Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten nach. Diese Störungen waren eher mild, erreichten auch bei weitem nicht das Ausmaß einer Demenz und erstreckten sich über ein breites Spektrum kognitiver Funktionen.

"Allerdings war die Aussagekraft dieser Studien deutlich begrenzt", sagt Dr. Kerstin Hermelink von der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. "Denn die kognitiven Fähigkeiten der Patienten wurden nur nach Abschluss der Chemotherapie getestet. Erst 2004 erschienen die ersten Längsschnittstudien, die mit wiederholten Untersuchungen den Verlauf der kognitiven Störungen erfassten. Die größeren dieser methodisch weit besseren und aussagekräftigeren Studien fanden dann aber wenige oder gar keine Unterschiede zwischen Krebskranken mit und ohne Chemotherapie."

Hermelink und Kolleginnen an der LMU leiteten nun mit der Studie COGITO, kurz für "Cognitive Impairment in Therapy of Breast Cancer", eine der weltweit größten Studien auf diesem Gebiet. Und zwar mit einer entscheidenden Besonderheit: COGITO ist eine der ganz wenigen Verlaufsstudien, die kognitive Fähigkeiten bereits vor Beginn jeder Krebstherapie untersuchte, also etwa auch vor einer Operation. Innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose wurde die Untersuchung zweimal wiederholt. Über 100 Brustkrebspatientinnen aus fünf bayerischen Kliniken und hämato-onkologischen Praxen nahmen an der Studie Teil.

"Bereits vor Beginn jeder Krebstherapie fanden sich bei ungefähr einem Drittel unserer Patientinnen auffallend schlechte kognitive Testergebnisse", berichtet Hermelink. "Gegen Ende der Chemotherapie hielten sich die Veränderungen die Waage: Während 27 Prozent der Frauen vor allem Verschlechterungen zeigten, erzielten 28 Prozent der Teilnehmerinnen überwiegend bessere Testergebnisse. Wir schließen daraus, dass es andere Faktoren geben muss, die schon vor Beginn der Therapie zu einer Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Diese Faktoren üben bei einem Teil der Patientinnen während der Behandlung weiterhin Einfluss aus, während sich andere Patientinnen bereits wieder davon erholen."

Auch die Folgen hormoneller Veränderungen auf die geistigen Fähigkeiten wurden in der Studie untersucht, denn die meisten Brustkrebspatientinnen erleben therapiebedingt eine drastische Senkung ihres Östrogenspiegels. Viele geraten durch die Chemotherapie und Hormonbehandlungen sogar abrupt in eine vorzeitige Menopause. "Der Einfluss von Östrogenen auf kognitive Funktionen ist bisher ungeklärt", so Hermelink. "In unserer Studie zeigte sich aber keine signifikante Wirkung einer Antiöstrogentherapie, und die vorzeitige Menopause hatte bei einem kleinen Teil der Tests sogar einen positiven Einfluss." Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine kognitive Beeinträchtigung bei vielen Brustkrebspatientinnen bereits nach der Diagnose und vor der Therapie besteht. Selbst wenn es dafür in dieser Studie keine Anhaltspunkte gibt, kann eine zusätzliche Schädigung durch die Chemotherapie nicht ausgeschlossen werden. Als alleiniger Auslöser kommt die Behandlung aber nicht in Frage. Die Senkung des Östrogenspiegels im Rahmen einer Brustkrebstherapie hatte ebenfalls keinen negativen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten.

"Wir können deshalb mit Sicherheit sagen, dass es andere Faktoren als eine Chemo- und Hormontherapie geben muss, die bei manchen Krebspatienten die kognitiven Fähigkeiten verschlechtern", betont Hermelink. "Das Konzept des sogenannten 'Chemobrain' ist also zu vereinfachend und erklärt die Probleme der Betroffenen höchstens zum Teil. Wir gehen davon aus, dass der Stress der Diagnose eine wichtige Rolle spielt. Schließlich kann er unter diesen Umständen wie ein Trauma wirken, was durch die Behandlung noch verstärkt werden kann. Wir wollen dies jetzt genauer untersuchen: Möglicherweise muss dann der Begriff 'Chemobrain' durch 'Crisis Brain' ersetzt werden."

Publikationen:
"Short-term effects of treatment-induced hormonal changes on cognitive function in breast cancer patients: results of a multicenter, prospective, longitudinal study." Kerstin Hermelink et al., Cancer, Vol. 113, Issue 9, S. 2431-2439, 1. November 2008
"Cognitive function during neoadjuvant chemotherapy for breast cancer: results of a prospective, multicenter, longitudinal study." Kerstin Hermelink et al., Cancer; Vol. 109, Issue 9, S. 1905-1913, 1. Mai 2007

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München