Autor Thema: Hungerhormon - vertreibt Angst und Depression (macht aber dick)  (Gelesen 2965 mal)

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Dietmar E.

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Dallas – Das im Magen gebildete „Hungerhormon“ Ghrelin steigert nicht nur den Appetit. Es hat einer Studie in Nature Neuroscience (2008; doi: 10.1038/nn.2139) zufolge auch eine antidepressive Wirkung. Die Studie erklärt außerdem, warum chronischer Stress und Depressionen zum Übergewicht führen können und weist auf die Anorexia nervosa als mögliches Einsatzgebiet hin.

Ghrelin wird in den Parietalzellen des Magenfundus gebildet, wenn derselbe leer ist. Es signalisiert dem Gehirn Hungergefühle, hat also eine appetitanregende Wirkung. Eine Blockade von Ghrelin ist deshalb als mögliche Behandlungsmöglichkeit der Adipositas im Gespräch. Doch diese Ghrelinblocker könnten unangenehme Nebenwirkungen haben. Dies lassen die tierexperimentellen Studien vermuten, welche die Arbeitsgruppe um Jeffrey Zigman von der Universität von Texas in Dallas durchgeführt hat.

Die Forscher setzten ihre Versuchstiere für zehn Tage auf Diät. Die Folge war, wie vorhergesagt, ein deutlicher Anstieg der Ghrelin-Spiegel. Der Hunger hatte aber eine günstige Nebenwirkung. Er stabilisierte das Gemüt der Tiere. In Irrgärten und anderen Standardtests zu Depressionen und Angstreaktion schnitten die hungrigen Tiere besser als wohlgenährte Tier der Kontrollgruppe ab. Die gleiche Wirkung hatten subkutane Injektionen von Ghrelin.

Fehlt jedoch der Rezeptor für Ghrelin im Gehirn, wie in einer weiteren Gruppe von (genetisch modifizierten) Versuchstieren, dann hatten weder der Hungerzustand noch die Ghrelin-Injektionen eine stabilisierende Wirkung auf das Gemüt. Dies beweist, dass die angstlösende Wirkung tatsächlich über das Hormon aus der Magenschleimhaut vermittelt wird.

Ähnliche Wirkungen hatte sozialer Stress. Wenn die Versuchstiere Besuch von aggressiven Mäusen bekamen, schlug ihnen dies gewissermaßen auf den Magen: Die Ghrelinspiegel stiegen an mit der Folge, dass die Tiere vor Angstreaktionen und Depressionen geschützt waren Ganz im Gegensatz zu den gentechnisch modifizierten Tieren: Diese reagierten ängstlich und eher depressiv auf die Gegenwart der feindlich gesinnten Tiere.

Vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet ist die antidepressive und anxiolytische Wirkung von Ghrelin auch für den Menschen durchaus sinnvoll, schreibt Zigman. Für die Sammler und Jäger der Vorzeit erhöhten Ruhe und Angstfreiheit (auch in Gegenwart von Feinden) die Erfolgschancen bei Nahrungssuche und Jagd, glaubt der Autor.

Den heutigen Menschen, die sich um derartige Dinge keine Sorgen machen müssen, gerät diese Eigenschaft des Hungerhormons jedoch zum Nachteil. Auch bei ihnen steigert Stress die Ghrelinbildung, doch den damit einhergehenden Hunger können sie jederzeit durch Nahrungsaufnahme bekämpfen (ohne dadurch glücklicher zu werden).

Anders könnte dies bei Menschen mit der Magersucht Anorexia nervosa sein. Diese Personen haben möglicherweise gelernt, Depressionen und Angstgefühle durch gezieltes Hungern zu behandeln. Wenn diese Theorie zutrifft, dann könnte eine Therapie mit Ghrelin beide Komponenten der Erkrankung bekämpfen. Das Hormon würde die Psyche stabilisieren und der verstärkte Hungerreiz würde sie (vielleicht) doch zur Nahrungsaufnahme zwingen. © rme/aerzteblatt.de

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=32723

» Abstract der Studie in Nature Neuroscience

» Pressemitteilung des University of Texas Southwestern Medical Center
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)