Autor Thema: Apotheken, Österreich  (Gelesen 2283 mal)

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hilde

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Apotheken, Österreich
« am: 22. Oktober 2008, 19:12 »

Tiroler Apotheken im "Konsument"-Test: Akuter Beratungsnotstand =

   Wien (OTS) - Im Jahr 2006 hat "Konsument" die Beratungsqualität in
30 Wiener Apotheken erstmals unter die Lupe genommen. Das Ergebnis
warf kein gutes Licht auf die Branche. Die Apothekerkammer gelobte
damals Besserung und wollte das Resultat als Chance zur
Weiterentwicklung und Verbesserung nutzen.

   Jetzt hat "Konsument" erneut 30 Apotheken - zwischen Landeck und
Lienz - unter die Lupe genommen. Das Testmagazin schickte eine Mutter
mit einem an einer fiebrigen Erkältung leidenden Kleinkind sowie eine
übergewichtige Dame, die ihr Gewicht reduzieren möchte, zu zufällig
ausgewählten Tiroler Apotheken.

   Ernüchterndes Fazit: "Eine Verbesserung konnten wir leider nicht
feststellen, sondern eher das Gegenteil: Keine einzige Apotheke
erwies sich in beiden Fällen als kompetent", kommentiert Franz Floss,
Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), das
Testergebnis. Während immerhin fünf Apotheker die Situation mit der
besorgten Mutter "gut" bewältigen konnten, waren beim Thema Abnehmen
29 der 30 getesteten Apotheken der Aufgabe nicht gewachsen. "Statt
fachkundig zu beraten, greifen die Apotheker lieber schnell in die
Medikamenten-Lade", kritisiert "Konsument"-Gesundheitsexpertin Bärbel
Klepp.

   Beratung erwünscht

   Testperson 1 ist eine besorgte Mutter: Sie gibt an, dass sie mit
ihrer zweijährigen Tochter in Tirol auf Besuch ist und das Kind unter
Fieber, Schnupfen (klarer Schleim), dickem Hals mit angeschwollenen
Lymphknoten und Halsweh leide. Normalerweise habe sie Medikamente
dabei (Fiebersenker, Nasentropfen), aber diesmal darauf vergessen.
Auf Nachfrage gibt sie weitere Details bekannt, wie etwa, dass das
Kind 39 Grad Celsius Fieber hat.

   Hauptaugenmerk legten die "Konsument"-Tester auf eine korrekte
Erhebung der Krankengeschichte sowie auf eine fachliche Erläuterung
zur Anwendung der verkauften Medikamente.

   Testperson 2 ist 69 Jahre alt. Sie hat rund 12 Kilogramm
Übergewicht (Body-Mass-Index von 29,4) und will abnehmen. Für
medizinisch geschultes Personal ist sofort erkennbar, dass ein
Präparat zum Abnehmen hier fehl am Platz ist. Die Testperson sollte
ihre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten umstellen und einen Arzt
aufsuchen. Zur Abwertung kam es, wenn Präparate zum Abnehmen verkauft
wurden.

   Schwachpunkt Anamnese

   Im Fall des fiebernden Kindes bewältigten gerade mal fünf
Apotheker die Aufgabe "gut". Sieben Mal verlief die Beratung "weniger
zufriedenstellend", ein Apotheker ist durchgefallen und erntet daher
nur ein "nicht zufriedenstellend". Die Mehrheit schneidet
"durchschnittlich" ab.

   Eindeutiger Schwachpunkt der Apotheker ist die - wenn überhaupt -
nur sehr oberflächlich durchgeführte Anamnese. Dies ist aber gerade
bei kleinen Patienten problematisch: Eine möglichst genaue Erhebung
der Krankengeschichte ist nämlich die Basis dafür, ob der Verkauf von
Medikamenten für die Behandlung zu verantworten ist oder zwingend ein
Arztbesuch zu erfolgen hat. Auch das Alter des Kindes spielt eine
zentrale Rolle: Je jünger das Kind, desto folgenreicher können
Erkrankungen verlaufen, zudem sind manche Darreichungsformen für
Kleinkinder ungeeignet.

   Recht freigiebig zeigten sich die Apotheker bei der
Medikamentenabgabe. In 29 der 30 getesteten Apotheken wurde der
Testerin mindestens ein Präparat verkauft - bis zu 36,70 Euro gab die
Testperson pro Apotheke aus. Nur in der St.-Georg-Apotheke (Neustift)
erfolgte kein Verkauf, sondern der Hinweis, rasch einen Kinderarzt
aufzusuchen.

   29 Mal wanderten rezeptpflichtige fiebersenkende Präparate über
den Ladentisch. Das ist zwar in Notfällen gestattet - allerdings ist
für die Beurteilung der Situation eine sorgfältige Anamnese
unerlässlich. Doch 15 Apotheker erkundigten sich nicht einmal nach
der Höhe der Temperatur. "Für uns ist diese Vorgehensweise der
Apotheker unverantwortlich", betont Klepp.

   Darüber hinaus erkundigte sich nur ein Apotheker nach einer
möglichen Medikamentenallergie, knapp die Hälfte gab keine
Informationen zur Anwendung des rezeptpflichtigen Präparates.
Immerhin: 27 Apotheker rieten der Mutter, trotz Verabreichung der
Medikamente, zuhause einen Kinderarzt aufzusuchen.

   "Nicht akzeptabel ist der Verkauf von Antibiotika für Kleinkinder
ohne Vorliegen eines Rezeptes. Schon gar nicht, wenn der Apotheker -
wie in Mühlau - sich weder über bisher eingenommene Medikamente
informiert, noch Informationen zur Anwendung des Präparates gibt", so
Klepp.

   Fragwürdige Produkte und Beratung

   Noch schlechter fiel das Testergebnis beim Thema Abnehmen aus. 29
von 30 Apothekern waren dem Testszenario nicht gewachsen. Die Hälfte
der untersuchten Apotheken ist hier durchgefallen, 14 schneiden mit
"weniger zufriedenstellend" ab.

   Mit Ausnahme der Innsbrucker Solstein-Apotheke, als einzige mit
"durchschnittlich" bewertet, haben alle Apotheken der Testerin
Präparate verkauft - in einigen wurden sie sogar kommentarlos über
den Ladentisch geschoben. "Kein einziger Apotheker empfahl, einen
Arzt, Diätologen oder Ernährungswissenschafter aufzusuchen. Nur
gelegentlich wurde über die Bedeutung von ausgewogener Ernährung und
Bewegung im Zusammenhang mit Übergewicht aufgeklärt", beanstandet
Klepp diese Vorgehensweise.

   Für die zumeist fragwürdigen Produkte musste die Testperson
mitunter tief in die Tasche greifen - bis zu 46,70 Euro pro Apotheke
gab sie für die Schlankheitsmittel, Eiweiß-Pulver und
Entschlackungstees aus.

   Auch Fragen nach vorliegenden Erkrankungen, zur Einnahme von
Medikamenten oder ob sich die Testperson in ärztlicher Behandlung
befindet, wurden von keinem einzigen Apotheker gestellt. Und das,
obwohl die Testperson 69 Jahre alt ist und deutliches Übergewicht
aufweist. Einem routinierten Apotheker sollte also klar sein, dass
sie bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Diabetes leiden
könnte - eine Gewichtsreduktion wäre also nur unter ärztlicher
Aufsicht zu verantworten. "Wer sein Gewicht reduzieren möchte, wendet
sich besser direkt an einen Ernährungsmediziner, Diätologen oder
Ernährungswissenschafter", rät "Konsument"-Gesundheitsexpertin Bärbel
Klepp angesichts des Testergebnisses.

Rückfragehinweis:

~
   Verein für Konsumenteninformation/
   Testmagazin "Konsument"
   Mag. Sabine Burghart
   Öffentlichkeitsarbeit
   Tel.: 01/588 77 - 256
   Email: sburghart@vki.at
   www.konsument.at