Autor Thema: Blasenkrebs: 100 % mehr Fälle - wegen langer Nichterkennung oft tödlich  (Gelesen 4559 mal)

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Dietmar E.

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Fakten, die die Urologie herausfordern - Das Problem Harnblasenkarzinom aus der Perspektive der Epidemiologie
siehe: http://www.uro.de/live/navigation/live.php?navigation_id=221&article_id=233082&_psmand=4

Fünf Jahresüberleben beim Prostatakarzinom

16.12.2008 – GIESSEN (MedCon) – Auf der Basis der Schätzdaten des Robert Koch Institutes zeigt sich deutlich, dass das Harnblasenkarzinom seit 1980 bis zur Jahrtausendwende eine drastische Entwicklung mit einer Verdopplung der Neuerkrankungszahlen von ausgehend 11.000 Männern und 3500 Frauen auf 21.000 Männer und 7500 Frauen aufweist.

Hier finden Sie die Abbildungen zum Thema:
http://www.uro.de/live/navigation/live.php?navigation_id=221&article_id=233082&_psmand=4

Im aktuellen Verlauf der letzten fünf Jahre hat sich die Erkrankungszahl auf einem hohen Niveau von etwa 28.500 stabilisiert. Das entspricht einer Inzidenz von 35/100.000 für beide Geschlechter, 52/100.000 für Männer und 18/100.000 für Frauen. Im europäischen Vergleich hat die Bundesrepublik damit bei Männern die vierthöchste Neuerkrankungsrate und bei Frauen die höchste Neuerkrankungsrate aller europäischer Staaten. Neben dieser betrüblichen europäischen Führungsposition kommt hinzu, dass Krebsregisteranalysen genaueren Einblick in die Risikoverteilung der Neuerkrankungen ermöglichen. In einer groß angelegten Sammelanalyse veröffentlichten schon 1998 Fischer und Kollegen auf der Basis von etwas über 16.000 Neuerkrankungensfällen bezogen auf die Neuerkrankungen, dass bereits 33,3 Prozent der Betroffenen Harnblasenkrebs-Erkrankten im Zustand der invasiven Erkrankung (pT2) diagnostiziert wurden.

Zu allem Übel waren von diesen 33 Prozent der massiv erkrankten Patienten wiederum zwei Drittel im Zustand der Metastasierung. Wenn man diese Verhältnismäßigkeit auf die aktuelle Zahl der Neuerkrankungen projiziert, so heißt das, dass in Deutschland etwa 8000 bis 10.000 Menschen jedes Jahr im Zustand der invasiven Erkrankung des Harnblasenkarzinoms diagnostiziert werden und darüber hinaus bereits 6000 Menschen dem unausweichlichen Schicksal der todbringenden Variante metastasiertes Harnblasenkarzinom zugeordnet werden müssen. Von den radikal-chirurgisch operierten Patienten erleben nur etwa 30 bis 40 Prozent eine Kuration und die restlichen 60 bis 70 Prozent gesellen sich im Verlauf zu denjenigen, die bereits metastatisch erkrankt sind. All diese Betroffenen leben mit der Perspektive innerhalb der nächsten fünf Jahre mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit zu versterben. Dies spiegelt sich dann auch in der jährlichen Rate an Todesfällen (13.000), die durch das Harnblasenkarzinom verursacht wurden, wieder.

In einem der besten onkologischen Informationsdienste, die jährlich aktualisiert der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, veröffentlicht das Tumorzentrum Brandenburg unter Anderem auch die Zahlen zum Harnblasenkarzinom. Im onkologischen Sachbericht des Jahres 2006 wird beschrieben, dass in Bezug auf die Neuerkrankungen bereits 50 Prozent der Fälle im Zustand der invasiven Erkrankung diagnostiziert wurden. Ferner hat sich das Verhältnis der low-risk zu high-risk Tumore von 60 zu 40 Prozent 2002 auf 40 zu 60 Prozent im Jahr 2006 verschoben und der Anteil nodal positiver Karzinome hat sich von elf auf 21 Prozent erhöht.

Hierbei muss man ergänzend festhalten, dass dies keine Schätzzahlen, sondern die Daten eines funktionierenden landesweiten Krebsregisters sind, das 2,7 Millionen Einwohner betreut und eine Erfassungsdichte von mehr als 93 Prozent aller malignen Erkrankungen tatsächlich hat. Das Empfinden im urologischen Alltag, dass der größte Teil unserer endoskopischen Operation nicht invasive histologische Befunde erbringt, ist sicherlich die Folge dessen, dass eine bewusste Zuordnung zwischen neu erkranktem Fall und Rezidiv nicht erfolgt. Mithilfe dieser kurzen aber prägnanten Tatsachenbeschreibung wird deutlich, dass wir uns in dem Behandlungskreis Harnblasenkrebs in einem Hochrisiko-Terrain bewegen. Hinzu kommt, dass wir in den letzten Jahrzehnten keine nennenswerte Änderung des Sachverhaltes durch unsere medizinischen Bemühungen erarbeiten konnten. Wie selbstverständlich kommt dann die Frage auf: "Warum ist das so?" Die einfache Antwort darauf lautet, dass uns leitlinienkonformes Verhalten in Bezug auf die Diagnostik des Harnblasenkarzinoms aus der Historie bis heute nicht weiter gebracht hat.

Mit anderen Worten, Urologen, die in ihren Praxen sitzen und auf symptomatische Patienten warten, werden das Verhältnis zwischen kurativ behandelbaren nicht invasiven Karzinomen und invasiven Karzinomen auch in den nächsten Jahrzehnten nicht zum Besseren entwickeln. Auf dem Boden der klassischen Symptomtrias Makrohämaturie, chronische Mikrohämaturie und Urgency wird es auch in Zukunft keine früheren Diagnosen und damit keinen höheren Anteil kurativ behandelbarer Patienten geben. Das Harnblasenkarzinom stellt aber eine besondere Erkrankung dar, die durch ihre epidemiologischen begleitenden Fakten den Schlüssel anbietet, um aus dem Dilemma ineffektiver Massen-Screening-Untersuchungen herauszukommen.

Ein Massenscreening ist nicht sinnvoll, da durch die vorliegenden epidemiologischen Daten das Urothelkarzinom in seinen kausalen Hintergründen mit definierbaren Risikofaktoren eindeutig charakterisiert werden kann. Seit 1895 sammelt die medizinische Gemeinschaft Erkenntnisse zur Entstehung des Harnblasenkarzinoms. Dr. Rehn hat in Frankfurt den Zusammenhang zwischen Fuchsin-Exposition und der berufsbedingten Entstehung eines Harnblasenkarzinoms erstmalig beschrieben. Über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren haben Mediziner aus aller Herren Länder dazu beigetragen, die onkogenen Noxen des Harnblasenkarzinoms zu identifizieren. Dies mündet heute in die sogenannte K1-Liste der deutschen Berufsgenossenschaften, die die hauptsächlich verursachenden chemischen Substanzen definiert, die ein Harnblasenkarzinom auslösen können.

Eine Effektivitätssteigerung bei der Vorsorge des Urothelkarzinoms kann durch ein risikoadaptiertes Screening leicht erreicht werden. Ein dafür notwendiges Instrumentarium, dass in der alltäglichen Praxis eines Urologen genauso wie in der hausärztlichen Praxis oder gynäkologischen Praxis eingesetzt werden kann, steht aktuell im Internet für jedermann und interessierte Ärzte zur Verfügung (www.RisikoCheck-Blasenkrebs.Info). Hier wird in einem interaktiven Fragebogen das Risiko von Menschen zur Entwicklung eines Urothelkarzinoms abgefragt. Der Fragebogen umfasst vier Teilbereiche: persönliches Risiko, Rauchrisiko, Berufsrisiko und medizinisch induziertes Risiko. Die Antworten werden in einem hinterlegten Berechnungssystem mit Risikopunkten belegt und die einzelnen Bereiche sowie das Gesamtrisiko in den medizinisch typischen Stufen kein Risiko, intermediäres und hohes Risiko angezeigt. Die Validierung dieses Systems ist bereits erfolgt und wurde im Jahr 2008 sowohl beim EAU in Mailand als auch beim AUA in den USA vorgestellt.

Die assoziative Kraft des Fragebogens lag dabei bei 71,5 Prozent. Aktuell sind die Daten zur Publikation eingereicht. Bei Risikopatienten sollte in einem ersten Arbeitsschritt dann eine nicht invasive Diagnostik bestehend aus einer urinzytologischen Untersuchung und dem bereits 2000 von der FDA zugelassenen NMP22 Bladder Check durchgeführt werden, wobei die interferierenden Erkrankungen als Ausschlusskriterien der eingesetzten Methoden berücksichtigt werden müssen.

Autor:
Dr. Gerson Luedecke
Universitätsklinik Gießen/Marburg
Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie
Standort Gießen
Rudolf-Buchheim-Str. 7
D-35392 Giessen
e-mail: Gerson.Luedecke@chiru.med.uni-giessen.de
« Letzte Änderung: 20. Dezember 2008, 15:26 von Dietmar E. »
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)