Autor Thema: Angst vor dem Zahnarzt - nein danke!  (Gelesen 3472 mal)

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Sissi

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Angst vor dem Zahnarzt - nein danke!
« am: 24. Dezember 2008, 12:16 »

http://www.wdr.de/tv/servicezeit/gesundheit/sendungsbeitraege/2008/1222/05_keine_angst_mehr_vor_zahnbehandlung.jsp

Keine Angst mehr vor Zahnbehandlungen

Der Gang zum Zahnarzt löst bei vielen Menschen Angst aus

Zehn Jahre war Michael S. nicht beim Zahnarzt. Trotz eines abgebrochenen Schneidezahns. Obwohl er eigentlich ein kommunikativer Typ ist, der gern unter Menschen geht, hat Michael S. zehn Jahre lang mit „angezogener Handbremse“ gelebt. Der angehende Betriebswirt hat sich jedes offene Lachen verkniffen, bestenfalls ein verkrampftes Lächeln mit geschlossenen Lippen riskiert. Niemand sollte den Makel im Frontbereich seines Gebisses sehen.

Michael S. ist schon als Kind nicht gerne zum Zahnarzt gegangen. Nachdem er später auch noch schlechte Erfahrungen gemacht hat, wurde die Angst unüberwindlich. In den vergangenen Jahren hat sein Vater ihn häufig gedrängt, er solle doch zum Zahnarzt gehen. Immer wieder kam er auf das leidige Thema zurück.

Mit Blick auf das Ende seines Studiums und die Vorstellungsgespräche nach dem Examen, versuchte Michael S., sich dem Problem dann doch zu nähern. Zunächst über das Internet, in dem er ein Forum für Betroffene entdeckt hatte und schließlich auch auf die Adresse der Zahnklinik Bochum gestoßen ist. Dort gibt es ein Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst, in welchem die Zahnmediziner der Klinik mit Psychologen der Universität Wuppertal zusammenarbeiten.

Nach einem ersten Anlauf dauerte es dann noch einmal anderthalb Jahre, bis sich Michael S. in Behandlung begeben hat. Wie zu befürchten war, gab es viel zu tun. Drei Zähne konnten gar nicht mehr gerettet, andere mussten saniert werden. Zu den ersten Terminen wurde er auf eigenen Wunsch noch von seinem Vater begleitet. Durch psychotherapeutische Vorbereitung auf die Behandlung und den geschulten Umgang der Bochumer Ärzte, konnte er glücklicherweise seine Angst vor dem Zahnarztstuhl besiegen. Inzwischen nimmt er seine Behandlungstermine genauso selbstverständlich wahr, wie jeden anderen Termin auch.

Angst haben die meisten Patienten

Wie viele Patienten von dem Problem Zahnbehandlungsangst betroffen sind, und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, das wird im Gespräch mit Professor Dr. Hans-Peter Jöhren klar, dem Leiter der Zahnklinik Bochum, der auch das Therapiezentrum für Zahnbehandlungsangst angegliedert ist. Auf dem Gebiet der Angstbehandlung kooperiert die Klinik mit der Universität Wuppertal, Professor Dr. Gudrun Sartory und ihren Mitarbeitern. Außerdem ist sie Lehrklinik der Universität Witten/Herdecke.

Nachfolgend lesen Sie einige Ausschnitte aus unserem Interview mit Professor Dr. Jöhren:

Professor Dr. Jöhren: „Den krankhaft Ängstlichen, den sehen Sie normalerweise gar nicht in den Praxen, weil der das eben vermeidet. Der kommt erst, wenn er so starke Schmerzen hat – im Schnitt 17,3 Tage lang, sagt man – bis er halt geht. Studien haben ergeben, dass das 10 Prozent der Bevölkerung sind. Dann haben wir ungefähr 70 Prozent, die mit Angstgefühl zum Zahnarzt gehen. Und 20 Prozent sind völlig entspannt und gehen dahin wie zum Friseur.“

Behandlungsmöglichkeiten

„Der krankhaft ängstliche Patient, der wird bei uns in Kooperation mit der Uni Wuppertal psychotherapeutisch behandelt – durch Therapeuten, die die Ausbildung dazu haben. Die Patienten werden – wie bei anderen Phobien auch, denn es ist letztlich eine spezifische Phobie – durch diese psychotherapeutische Kurzintervention, eine verhaltenstherapeutische Intervention, in drei Sitzungen so weit vorbehandelt, dass dann auch der Zahnarzt die Patienten behandeln kann. Das funktioniert bei 70 Prozent unserer Patienten gut. 30 Prozent kommen zu den Terminen nicht mehr, vielleicht auch, weil sie mit dem primären Wunsch kommen, dass wir sie unter Vollnarkose behandeln. Da das aber nicht unser primärer Ansatz ist, bleiben auch Patienten weg.“

„Die ‚normal ängstlichen’ Patienten profitieren sicherlich von den Erfahrungen, die wir mit den Phobikern gemacht haben. Wir versuchen zum Beispiel, die typischen Zahnarztgerüche zu vermeiden. Auch da hat es Studien gegeben, inwiefern man dadurch Angst abbauen kann. Wichtig sind auch kurze Wartezeiten für jeden Patienten. Die apparative Ausstattung ist nicht anders, als woanders auch. Wir benutzen bei den Spritzen oft Oberflächenanästhesien, kleine Nadeln. Es gibt ein kleines Gerät, das wir einsetzen. Das sieht nicht aus wie eine Spritze. Aber ansonsten geht es immer um die Interaktion zwischen Zahnarzt und Patient.“

Ehrlich sein und über alles informieren

Wichtig ist, den Patienten darüber aufzuklären, was bei der Behandlung passiert

„Sie müssen den Patienten einfach immer aufklären, was passiert. Sie sollten Schmerzen vermeiden. Wenn Sie nicht vermeidbar sind, was immer mal sein kann, bei einer akuten Entzündung zum Beispiel, da muss man den Patienten darüber aufklären, wie lange es dauert, und dass es auch Schmerzen verursachen könnte. Und dann kann man ja auch mit dem Patienten nach Möglichkeiten suchen: die sogenannte ‚Schlafspritze’, die immer wieder angesprochen wird, oder mal ein Beruhigungsmittel vorher oder – wenn wirklich nicht anderes geht – die Vollnarkose. Es gibt ja Möglichkeiten. Nur muss man mit den Patienten vorher darüber reden, man muss ehrlich sein und darüber informieren, was ihn erwartet. Das ist das Wichtigste.“

Zusätzliche psychische Erkrankungen

„Jeder zweite Patient bei uns hat andere Angsterkrankungen, Depressionen, Angststörungen. Da wird es auch schwer, erfolgreich zu sein, weil die Zahnbehandlungsangst nur ein ganz kleiner Teil der Gesamtpsychologie ist. Es ist doch ein Witz, dass wir davon ausgehen, dass in der Bevölkerung 25 bis 30 Prozent heute psychische Veränderungen haben, aber ungefähr 70 Prozent vor denen überhaupt gar keine Behandlung deswegen in Anspruch nehmen. Das Thema ist immer noch tabu in der Gesellschaft.“

Kein „Angsttourismus“

Manche Patienten, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten nicht zum Zahnarzt getraut haben, kommen von weither nach Bochum gereist, um endlich ihre Ängste zu überwinden. Professor Jöhren sieht das mit großer Skepsis:

„Es macht überhaupt gar keinen Sinn, diesen ‚Angsttourismus’ mitzumachen. Wenn viele Kilometer dazwischen liegen, dann wird die Behandlung extrem schwierig, weil Sie viele Termine brauchen, viele Sitzungen. Das ist ein Teil des Angstkonzeptes hier. Wichtig ist, dass sie mit Ihrem behandelnden Zahnarzt sprechen und wirklich sagen, dass Sie ängstlich sind. Wenn ich nicht darüber rede, dann kann man auch keine Hilfe erwarten. Auch hat sich die Zahnmedizin komplett gewandelt. Die jungen Zahnärzte haben heute eine Ausbildung an den Universitäten, dass eben auch die Psychologie des Zahnarztes, des Patienten, und beides im Zusammenspiel eine ganz wichtige Rolle spielen.“

Autorin: Marion Schmidt

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    * WWWZahnklinik Bochum. Internetseite der Klinik mit Informationen zum Konzept und Leistungsspektrum

Stand: 22.12.2008