Autor Thema: Mo. 9.3.09, 20 Uhr, Alternativmedizin versus Schulmedizin: Wer heilt besser?  (Gelesen 4613 mal)

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Dietmar E.

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Wir freuen uns, Sie zum ersten Gesundheitsgespräch des heurigen Jahres
im Rahmen der Kooperation von PHARMIG und Die Presse einzuladen:
 
Alternativmedizin versus Schulmedizin: Wer heilt besser?

Österreich hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Trotzdem boomen alternative, zum Teil sehr teure Heilmethoden.
Mangelt es der Schulmedizin an Zuwendung, an ganzheitlicher Sichtweise?
Oder lassen sich die Patienten mit Heilsversprechen das Geld zu leicht aus der Tasche ziehen?

Unter der Leitung von Frau Dr. Martina Salomon, Ressortleiterin Innenpolitik der Tageszeitung "Die Presse", diskutieren:

•   Minister Alois Stöger, Bundesminister für Gesundheit
•   Dr. Hubert Dreßler, Präsident der PHARMIG - Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs
•   Mag. Betina Halmschlager, Obmann-Stv. der Pharmazeutischen Gehaltskasse
•   Univ. Prof. Dr. med. Wolfgang Marktl, Präsident der GAMED - Akademie für Ganzheitsmedizin
•   Univ. Prof. Dr. Michael Freissmuth, Vorstand des Instituts für Pharmakologie der MedUni Wien

WANN: Montag, den 9. März 2009 um 20.00 Uhr

WO: Wiener Urania, Uraniastraße 1, 1010 Wien, Dachgeschosssaal


Eintritt frei! Wir ersuchen um Anmeldung unter leservorteile@diepresse.com oder per Fax 01/514 14-277 (Kennwort "Gesundheit")
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Gitti

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Prof. Dr. Freissmuth, morgen am Podium, wird hier zitiert:

Der Placebo-Bluff: Medizin ohne Wirkung TCM, Gebete, Homöopathie, Akupunktur, ...

    * Alternativmedizin boomt, doch ist eigentlich wirkungslos. Sie hilft bloß auf Basis von Einbildung
Immer mehr seriöse Studien zeigen, dass die Wirkung der Alternativmedizin auf dem Placeboeffekt beruht. Das Ende eines großen Bluffs – oder für die Schulmedizin nutzbar?

Schmerz, lass nach! Akupunktur auf Krankenschein gibt es in Deutschland seit dem Vorjahr für alle Patienten mit Knie- oder Rückenschmerzen. Damit wurde ein jahrelanger Streit beigelegt – basierend auf einer von den Kassen finanzierten Serie von Studien. Mehr als 3000 Schmerzpatienten wurden einer von drei Gruppen zugeteilt. Entweder erhielten sie eine Behandlung nach den strikten Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) oder eine herkömmliche schulmedizinische Behandlung mit Medikamenten, Massagen und Krankengymnastik. Für die dritte Gruppe ließen sich die Organisatoren der Studie etwas Besonderes einfallen: eine Scheinakupunktur, wo die Nadeln systematisch falsch gesetzt wurden, und zwar mehrere Zentimeter neben den vorgesehenen Punkten. Dieser „Schwindel“ fungierte als Placebogruppe (placebo, lateinisch „ich werde gefallen“).

Das Ergebnis verstörte Skeptiker und gläubige Anhänger der Akupunktur gleichermaßen. Denn Akupunktur wirkt. Viel besser sogar als die schulmedizinische Standardtherapie. Bei der konventionellen Schmerzbehandlung verspürte nur ein Viertel der Patienten nach zehn bis fünfzehn Terminen eine Linderung der Beschwerden. Bei der Akupunktur lag die Erfolgsrate doppelt so hoch. Die wirkliche Überraschung lieferte jedoch die dritte Gruppe. Denn die Scheinakupunktur schnitt praktisch gleich gut ab wie das chinesische Original.

„Das Ergebnis zeigt, dass Akupunktur ein hervorragendes Placebo ist“, interpretiert der Wiener Pharmakologe Michael Freissmuth die Studie. „Wo man hinsticht, ist aber egal.“ Wahrscheinlich, so Freissmuth, habe der komplizierte theoretische Überbau der TCM mit Meridianen und Akupunkturpunkten nur die Funktion einer Berufseintrittshürde. „Damit nicht jeder Akupunkteur werden kann, der grad Lust hat“ (siehe Interview auf Seite 114).

http://www.profil.at/articles/0747/560/190176/der-placebo-bluff-medizin-wirkung-tcm-gebete-homoeopathie-akupunktur


Dietmar E.

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Servus Gitti,

ja das scheint DER Prof. Dr. Michael Freissmuth zu sein.
An sich ein "netter" Mensch, setzt sich auch für Forschungsgelder ein,
http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/349263/index.do
"Lustig", wie er manches als Placebo verteufelt. Wenn das sein "namensähnlicher Kollege"
Prof. Dr. Michael Frass (Onkologie, AKH, Homöopathie) erfährt .............
Anderseits schreibt er selbst, dass "6,7 % der Todesursachen durch Arzneimittel passieren!" Und auch er
kennt die Statistik, dass 81 % der Krebspatienten eine zusätzliche Komplementärmedizinische Behandlung
wünschen, 9 % sogar nur diese!

Prof. Dr. med. Wolfgang Marktl hat glaublich ein Buch geschrieben
zu "Lebens-/Heilmittel Wasser", o.k., anderseits ist er "Chef" der Univ. der Pathophysologie: "Man akzeptiert,
dass selbst eine krankhafte Veränderung eine Normalfunktion hat." Uihh!

Bin auch gespannt, ob morgen wer unseren Gesundheitsminister Stöger aus der Lethargie
heraus holt.

Frau Mag. Halmschlager setzt sich u. a. sehr gegen die Nikotinsucht ein. Sie ist "Chefin" bei den Apotheken. Bei
einer Befragung in Salzburg kam heraus, dass "3/4 aller Ärzte die Patienten eher nicht aufklären!"
Aber dann kam es auch für diese dick: Beim Arzneimittelsicherheitsgurt meinten "35 % der Apotheken: Umsetzung
war nicht zufriedenstellend!"

Persönlich meine ich, dass weder Arzt noch Apotheker (viel) Zeit dafür haben. Ersterer bekommt um die 28.-- Euro im
Quartal pro Patienten. Da traue ich mich ja das zweite und dritte Monat schon fast nicht mehr in seine Ordination.

Bis Morgen!

Dietmar



"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Josef

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Alternativmedizin versus Schulmedizin: Wer heilt besser?
« Antwort #3 am: 16. März 2009, 13:46 »
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/459686/index.do


„Voodoo-Medizin“ auf dem Vormarsch

10.03.2009 | 18:33 |   (Die Presse)

Alternative Heilmethoden gewinnen in Österreich an Bedeutung. Patienten müssen die Kosten meist selbst tragen – und das trotz teuren Gesundheits-Systems.

WIEN (chs). Wenn über Alternativ- und Schulmedizin diskutiert wird, prallen Welten aufeinander. Vor allem dann, wenn es um die Frage geht, was die Gebietskrankenkasse zahlen soll. Das zeigte sich Montagabend auch bei einer Podiumsdebatte von „Presse“ und „Pharmig“ (dem Dachverband pharmazeutischer Unternehmen) vor dem Hintergrund aktueller Zahlen des Wirtschaftsministeriums zum österreichischen Gesundheitsmarkt.

Denn die weisen den Bereich der Prävention als größten Wachstumsmarkt aus. Im Jahr 2008 hat er mit 13 Milliarden Euro Umsatz rund 60 Prozent des ersten Marktes (der klassischen Reparaturmedizin) erreicht. Und gerade in der Prävention spielt Alternativmedizin eine bedeutende Rolle: 2008 zahlten die Österreicher 4,6 Milliarden Euro für derartige Heilmittel und freiwillige ärztliche Leistungen – und zwar großteils aus der eigenen Tasche. Im Health Consumer Index, der Europas Gesundheitssysteme vergleicht, fiel Österreich zeitgleich vom ersten auf den dritten Platz zurück.

Den Vorwurf, das österreichische Gesundheitssystem setze zu wenig auf ganzheitliche Medizin und Prävention, will Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) trotzdem nicht gelten lassen: „Die Reparaturmedizin leistet viel. Dennoch versuchen wir, den Menschen ganzheitlich zu sehen.“ Jeder Euro für Prävention sei „daher eine gute Investition in die Gesellschaft“.

Auf eine Debatte über die Wirksamkeit alternativer Heilmittel will sich Stöger nicht einlassen: Wichtig sei für ihn vor allem, dass die Menschen die Sicherheit haben: Das bringt mir etwas.“ Gerade bei Ganzheitsmedizin sei die „Abgrenzung zu Unseriösem“ aber schwierig.

Deutlicher formuliert es Michael Freissmuth, Pharmakologe der Med-Uni Wien und Mitglied der Heilmittelevaluierungskommission: Für ihn sind alternative Heilmethoden schlicht „Voodoo-Medizin“, die nur mittels Placeboeffektes wirken. Daher gebe es auch keine ernsthaften klinischen Studien, die die Effektivität etwa von Homöopathie nachweisen.

 
„Mündiger Patient soll wählen“

Wirksamkeit und finanzielle Angemessenheit seien aber unbedingt erforderlich, „wenn die Solidargemeinschaft für etwas zahlen soll“, so Freissmuth. „Sonst könnten wir 60 Prozent der Herren im mittleren Alter mit leicht depressiver Verstimmung auch mit einem Maserati auf Krankenschein heilen.“ Aus dem Publikum, durchwegs Damen und Herren im gesetzten Alter, erntet er dafür Pfiffe und Buhrufe – aber auch Zustimmung. Der Graben zwischen Alternativ- und Schulmedizin ist tief.

Genau da liege auch das Problem, sagt Wolfgang Marktl, Präsident der Akademie für Ganzheitsmedizin. Er fordert eine Symbiose beider Richtungen. Und wenn Alternativmedizin ihre Wirksamkeit naturwissenschaftlich beweise, müsste sie von der Krankenkasse bezahlt werden: „Der mündige Patient kann sich dann aussuchen, was er möchte.“ Marktl spricht damit vielen aus der Seele. Dass Kunden beim Apothekenbesuch öfter „etwas Natürliches“ wünschen, bestätigt auch Betina Halmschlager von der Apothekerkammer.

Pharmig-Präsident Hubert Dreßler betrachtet die unterschiedlichen Zugänge nüchtern: „Wir müssen uns überlegen, was wir zahlen wollen. Wenn die Kasse alles übernehmen soll, muss das Beitragssystem entsprechend aussehen.“ Immer neue Heilmittel in den Kodex aufzunehmen, ohne das System zu ändern, sei auf Dauer nicht möglich.

Aus der Sicht Freissmuths wäre das ohnehin keine sinnvolle Lösung: Dass Patienten für alternative Behandlungen selbst aufkommen müssen, sieht er sogar als Vorteil. Denn Studien zeigten: Der Placeboeffekt wirke „besser bei Zuwendungen, für die man teuer bezahlt“. Zuwendung und heilende Rituale seien übrigens generell eine Hauptaufgabe von Ärzten: „Dafür werden sie bezahlt.“ Nachsatz: „Nicht für teure, wirkungslose Trankln.“

AUF EINEN BLICK

■Gesundheitsvorsorge wird für Österreicher immer wichtiger, alternative Behandlungsmethoden boomen: Das Marktvolumen beträgt laut einer Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums 4,6 Milliarden Euro. Die Schulmedizin lasse den ganzheitlichen Ansatz vermissen, sagen Befürworter. Kritiker warnen hingegen vor „Voodoo-Medizin“ und Betrug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2009)
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72 Kommentare
 
1 2
Von NeroRosso am 16.03.2009 um 08:21
Da haben sich aber Einige die Finger wund geschrieben
und leiden mittlerweile an einer Sehnenscheidenentzündung.
Auf zum nächsten Arzt oder VoodooTherapeuten und umlegen der Kosten (=Krankenstand etc.) auf die Allgemeinheit.


Von Birgit 68 am 13.03.2009 um 16:51
Die klassische Reparaturmedizin
Wenn die Schulmedizin nun zur "Reparaturmedizin" und die Alternativmedizin zur "Voodoo-Medizin" umbenannt wird, so ist das nicht korrekt, weil diese Ausdrücke einen irreführend glauben machen, dass der jeweils andere Zweig der Medizin keinen Anspruch darauf erhebt, einen Menschen zu reparieren (das Wort Heil- kann mit dem Wort -medizin ja nicht zusammengezogen werden), oder mit Magie und Suggestion zu arbeiten. Auch die konservative Schulmedizin lebt meist vom Glauben der Patienten an die Heilkraft ihrer Ärzte! Andernfalls würde erst garkeiner freiwillig hingehen, und wenn jemand gegen seinen Willen dort landet, kann er seine Selbstheilungskräfte nicht aktivieren und die Behandlung kann bestenfalls noch Symptome bekämpfen, aber nicht heilen!
Die Ausnahme bilden vielleicht chirurgische Eingriffe, wie Blinddarmoperationen, und Ähnliches.

Antworten Von aquilo am 13.03.2009 um 20:17
Re: Die klassische Reparaturmedizin
Bevor Sie mit solchen semanitschen Spielchen wie Reparaturmedizin und Voodoomedizin anfangen, sollten Siesich einmal das Spektrum der alterantiven und komplementären Medizin inklusive der ganzheitlichen ansehen.
Das bezeichnenste war, daß Herr Prof. Marktl von vorne herein nicht bereit war zu irgend einem Verfahren etwas zu sagen. Es geht im nichts an, was alles im Verein der Alternativmedizin GAMED an Therapiemethoden passiert.
Er weiß warum. Wenn er nämlich zu irgend einer Methode etwas sagt, bringt er den Stein des Anstoßes, die Frage des wie und vor allem die Frage des wie das zusammenpaßt, was da alles angeboten wird. Er ist als Präsident der Interessenvertreter der alternativen Ärzte und nicht der Patienten, genaus so wenig wie Präsident Dorner die Patient vertritt. Wenn Sie das einmal realsierten, dann schaut die Sache schon ganz anderrs aus. Und Voodoo stimmt, weil nichts aber auch gar nichts so funktioniert, wie uns glauben gemacht werden soll.
Es gibt keine Meridiane ...


Antworten Antworten Von Birgit 68 am 14.03.2009 um 10:04
Re: Re: Die klassische Reparaturmedizin
Fortsetzung:
Das Grundproblem liegt darin, dass die Schulmediziner gerne alles auf ihre Kappe heften wollten (aber ich denke, sie haben mittlerweile dazugelernt), und nicht einsehen wollten, dass es auf dem Weg zur Heilung noch etwas Anderes gibt. Etwas, das sie nicht in der Hand haben. Was könnte das sein? Selbstheilungskräfte? Gott?
Auf jeden Fall etwas Nicht-Materielles.

Nur so konnte soetwas wie die Komplementärmedizin überhaupt erst zur Entwicklung gelangen! Mittlerweile scheint das Pendel bereits in der anderen Richtung übers Ziel hinausgeschossen zu sein, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es sich wieder beruhigt.
Auch die Alternativmedizin darf sich nicht als die allein Seeligmachende verstehen, aber das tut sie ja auch nicht.
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Antworten Antworten Von Birgit 68 am 14.03.2009 um 09:54
Re: Re: Die klassische Reparaturmedizin
Aha, die Fehlleistungen der Schulmedizin brauchen im Gegensatz zu jenen der Komplementärmedizin also nicht erwähnt zu werden.
Sie haben schon Recht, wenn Leute wie Sie, Polemiker, die nichts beweisen können, da sie, ohne die Homöopathie je ausprobiert zu haben, ja nur anderer Leute Meinung nachverdauen und wieder auskotzen können, diese verbreiten!
Ganz wichtig, denn sonst würden die Konsumenten der Komplementärmedizin ja garnicht erst merken, dass diese homöopathischen Mittel nicht wirken, gell? Dazu bedarf es wohl erst Ihrer Belehrungen?
Schön aufpassen, dass die Leute ihr "überschüssiges" Geld nicht für Medikamente verschwenden, die nicht wirken!
Jetzt aber ernsthaft: Meinen Sie nicht, dass die Komplementärmedizin längst ausgestorben wäre, wenn sie keine Erfolge zu verzeichnen hätte?

Antworten Antworten Antworten Von aquilo am 14.03.2009 um 11:52
Re: Re: Re: Die klassische Reparaturmedizin
Sie haben es noch nicht gecheckt!
Wenn ............. http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/459686/index.do
« Letzte Änderung: 16. März 2009, 13:46 von Josef »
Alles, was wir uns in der Vergangenheit schwer erkämpfen mussten,
hinterlässt gewisse Spuren auf unserer „zerbrechlichen“ Seele,
doch sollten wir deshalb die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren.
Carola-Elke

Josef

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Fehler mit System

GASTKOMMENTAR VON SIGRID PILZ (Die Presse)

Plädoyer für ein neues Problembewusstsein in der Medizin.

Nahezu wie bestellt wirkte die gestrige Präsentation der Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, in der sie die hervorragende Qualität der Gesundheitsversorgung in ihrer Stadt belegen will: 86 Prozent der Wiener sind zufrieden, 57 Prozent sogar sehr zufrieden mit dem Wiener Gesundheitssystem. Was Wehsely als Studie bezeichnet, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Meinungsumfrage am Telefon und Erhebung in Fokusgruppen unter 1500 Bürgern.

Dass Wehsely um teures Geld eine Meinungsumfrage in Auftrag gegeben hat und nicht etwa die längst überfällige wissenschaftliche Studie zu Patientensicherheit und Qualitätsproblemen in den Wiener Spitälern, ist symptomatisch für den Zugang der SPÖ-Stadtregierung zu den brennenden Fragen im Gesundheitsbereich: Wien hat zufriedene Bürger und wird diese mit dem geplanten „Wohlfühlspital“ in Floridsdorf noch viel zufriedener machen! Nur diese Botschaft soll die Bevölkerung erreichen. Offenbar haben die alarmierenden Ergebnisse über die schlechte Fehlerkultur in Österreichs Spitälern, die Kurt Langbein mit seinem Buch „Verschlusssache Medizin“ jüngst vorgestellt hat, zu keinerlei Einsichten bei der Gesundheitsstadträtin geführt.

Es ist jedoch höchste Zeit, auch in Wiens Spitälern genau hinzuschauen, wie es um die Patientensicherheit bestellt ist. Auch in den Häusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) haben Menschen schwere Verletzungen durch Unfälle oder Schäden durch Behandlungsfehler erlitten. Viele von ihnen erwarten seit Jahren vergeblich ein Wort des Bedauerns oder eine Entschuldigung und kämpfen erfolglos um eine Entschädigung für ihr Leiden. Die Reaktionen gleichen sich in diesen Fällen auf fatale Weise: Es wird kein medizinisches Fehlverhalten seitens des Spitals festgestellt und damit ein Entschädigungsanspruch abgelehnt. Der Wiener Patientenanwalt fällt als kämpferischer Bündnispartner für viele Betroffene aus. In Verkennung seiner Aufgaben hat er sich in Bezug auf den Befund von Langbein wie so oft parteilich für die Spitäler festlegt: „Mit Todesfällen soll man nicht hochrechnen.“

Jährlich 245.000 Zwischenfälle

Die Ärztekammer hat ebenfalls viel zu verteidigen und spricht von „billiger sensationslüsterner Panikmache“, statt einzugestehen, dass es im Interesse der Ärzteschaft sein müsste, Beinahe-Fehler und Fehler zu erkennen, um sie künftig vermeidbar zu machen.

Übrig bleiben die Patienten, die nach zermürbendem Kampf um Gesundheit und Entschädigung oft aufgeben, weil sie sich eine gerichtliche Klage nicht leisten können. Die Gutachtertätigkeit sollte im Übrigen ebenfalls schon längst reformiert werden.

Die Debatte um eine Verbesserung der Patientensicherheit im Zusammenhang mit unerwünschten Ereignissen hat jedoch nicht erst mit der „Verschlusssache Medizin“ begonnen. Bereits im vergangenen Jahr wurde anlässlich alarmierender Zahlen des deutschen „Aktionsbündnisses Patientensicherheit“ über moderne Fehlerkultur auch in Wiener Spitälern diskutiert. Fachleute errechneten 245.000 Zwischenfälle und bis zu 6800 Todesfälle umgerechnet auf Österreich. Wehsely stellte diese Zahlen im Rahmen einer Gemeinderatsdebatte für die Spitäler in ihrem Aufgabenbereich rundweg in Abrede, obwohl das Wiener Gesundheitswesen über keinerlei eigene medizinische Studien verfügt, die diese Selbstzufriedenheit belegen würden. Der wohlgemeinte Versuch im KAV, die Qualität durch die Einrichtung eines freiwilligen anonymen Fehlermeldesystem zu verbessern, greift zu kurz. Die regelmäßige wissenschaftliche Prüfung von Krankengeschichten und Spitalsdokumentationen in Bezug auf begangene Fehler würde wesentlich verlässlichere Ergebnisse erbringen.

Die Grünen stellten also im November einen Antrag, mit dem Ziel, Transparenz hinsichtlich der Fehlerhäufigkeit in den Wiener Spitälern herzustellen. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung sollte das Vorkommen von unerwünschten Ereignissen bei der Behandlung erhoben werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse sollten die Systeme der Patientensicherheit ausgebaut und die Behandlungsqualität gesichert werden.

Die rote Rathausmehrheit lehnte rundweg ab. Offenkundig gab und gibt es kein Interesse an transparenter und selbstkritischer Analyse. Um nicht Fehler im Wiener Gesundheitsbetrieb eingestehen zu müssen, gibt man das Geld offenkundig lieber für Meinungsumfragen aus.

Strafrechtliche Folgen für Strukturfehler

Wenn die Einsicht der politisch Verantwortlichen fehlt, dann hilft möglicherweise am Ende des Tages nur die Angst vor dem Richter: Seit 2007 regelt das Verbandsverantwortlichkeitsgesetz die Haftung von Entscheidungsträgern und Mitarbeitern bei Vorliegen von Organisationsmängeln. Es wird künftig nicht mehr nur über schuldhaftes Handeln einzelner Ärzte geurteilt, sondern auch die strafbare Handlung eines Krankenanstaltenträgers kann gerichtsanhängig werden. Strukturprobleme können damit erstmalig strafrechtliche Folgen haben. Wenn nun also der Spitalsleitung bekannt ist, dass chronischer Facharztmangel und überlange Arbeitszeiten, wie sie beispielsweise in der Psychiatrie am Otto Wagner Spital der Fall sind, medizinischen Fehlern Vorschub leisten können, wird man die Verantwortung für fatale Folgen nicht mehr länger auf einzelne Ärzte abschieben können.

Sigrid Pilz ist Landtagsabgeordnete und Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2009)
Mehr zum Thema:

    * „Voodoo-Medizin“ auf dem Vormarsch

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Von Gast: Realist am 12.03.2009 um 20:27
Das Vertrauen in die etablierte Medizin
wird durch für Laien nicht nachvollziehbare Aussagen von Sachverständigen in Sozialrechtssachen erschüttert.

Beispiel: Nierendurchflußwert GFR 39 ml/min (neununddreißig). SV lt Gerichtsprotokoll: "...dieser gering erhöhte Wert..."

Beispiel: Behandlender Facharzt, sogar eigener Gutachter der PVA und Anstaltsbericht nach sechswöchiger Untersuchung jeweils: "mittelgradige depressive Episode";
Gerichts-SV: "subdepressiver bis dysphorischer Verstimmungszustand"

Für die Laien unverständlich ist auch, daß der Sozialversicherungsträger NACH Erstattung der Gutachten frei darüber bestimmt, ob der Gutachter eine höhere Vergütung als den Satz nach dem GebAG erhält. (§ 42 Abs1 ASGG). Für das ASVG-Opfer ist es schwer nachzuvollziehen, daß hier gleichheitswidrig die Gegenseite einen Extrabonus vergeben kann.

Ist das ein faires Verfahren???

Fördert das das Vertrauen in die Rechtssprechung und in die etablierte Medizin?
Alles, was wir uns in der Vergangenheit schwer erkämpfen mussten,
hinterlässt gewisse Spuren auf unserer „zerbrechlichen“ Seele,
doch sollten wir deshalb die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren.
Carola-Elke