Autor Thema: Rauchen - ein Fremdwort in Gaststätten in der EU?  (Gelesen 2841 mal)

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Richi

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Rauchen - ein Fremdwort in Gaststätten in der EU?
« am: 05. April 2009, 18:18 »
Raucher – wie aus Königen Sonderlinge wurden

Von Simone Matthieu

http://bazonline.ch/kultur/fernsehen/Raucher--wie-aus-Koenigen-Sonderlinge-wurden/story/28888720

Einst war der Raucher Platzhirsch, zog an seiner Zigarette, wann und wo er wollte. Heute ist er ein Sonderling und Süchtiger. Der gestrige SF-Dokfilm fand Antworten auf die Frage, wie es zu diesem radikalen Wechsel kommen konnte.

«Wie konnte es nur soweit kommen?», fragt sich manch ein Raucher, wenn er wieder einmal in einem rauchfreien Restaurant steht und sich ärgert, dass er nach dem Essen für die Zigarette ins Freie muss. Die meisten haben noch erlebt, wie an jedem Arbeitsplatz Aschenbecher standen, wie cool Musiker und Schauspieler wirkten mit einer Kippe im Mundwinkel, wie Proteste von Nichtrauchern gegen den allgegenwärtigen Qualm mit spöttischem Lächeln übergangen wurden. Es ist gar noch nicht lange her, da mussten sich die Nichtraucher einnebeln lassen – ob sie wollten oder nicht. Die Bevölkerung war ja auch zur Hälfte der Zigarette verfallen.

Heute bleibt den Rauchern das Lachen im Hals stecken. Und der Nikotin-Dunst je länger je mehr auch. Eine Entwicklung, die vor rund 40 Jahren ihren Anfang genommen hatte, scheint sich ihrem Höhepunkt zu nähern: Die Unterwerfung des Rauchers durch den Nichtraucher.

Als der Raucher König war

Wie es zu diesem krassen Paradigmenwechsel kommen konnte, zeichnete gestern abend der Schweizer Dokfilm «Eine letzte Zigarette – Aufstieg und Fall des blauen Dunstes» nach. Unter anderm am Beispiel des Volksmusikers Peter Zinsli. Der bekannte Bündner Handorgel-Spieler hat eine typische Raucher-Karriere hinter sich. «Alle rauchten», erinnert er sich, «wenn man rauchte, war man König.» Heute kann Zinsli keinen Schritt mehr ohne sein Sauerstoff-Gerät machen.

Die Frage, die der Filmemacher Fritz Muri in seinem Werk äusserst schlüssig beantwortete: Wie konnte es überhaupt zu einem weltweiten Siegeszug des Tabaks kommen? Warum war Rauchern überhaupt einst der Inbegriff der Coolness? Muri fragte den Schweizer Rauchexperten, Genussraucher und ehemaligen Parisienne-Man Beat Wyss. Der hat die Kulturgeschichte des Paffens gründlich studiert. «Alles, was früher fortschrittlich war, rauchte», erkläutert Wyss. Kamine, Dampflokomotiven, Fabriken – und eben auch erfolgreiche Menschen. Besonders bei Dichtern und Denkern war die Analogie «rauchende Köpfe – rauchende Stängel» beliebt. Ausserdem hätten Zigaretten dazu beigetragen, die Klassenschranken abzubauen, so Wyss. Dank dem um sich greifenden Wohlstand in den Jahren des Wirtschaftswunders, konnte sich jedermann und jedefrau das Rauchen leisten.

Marboro-Man und die Folgen

Warum ein Umdenken in diesem Ausmass stattfinden konnte, fasst Dokfilmer Muri gekonnt zusammen: In den 70er-Jahren, die Tabakindustrie war auf ihrem Höhepunkt, machten erste Warnungen vor dem blauen Dunst die Runde. Der Camel-Man Georg O. Herringer sagt zu Muri: «Wir hatten damals null Bewusstsein für die Gefährlichkeit des Tabaks.» Dem stellten US-Forscher ihre erschreckenden Ergebnisse entgegen. Sie schockten die Öffentlichkeit mit der Erkenntnis: Rauchen tötet. Der berühmte Marlboro-Man – er starb an Lungenkrebs.

Während sich die Tabak-Industrie zuerst noch gegen die Angriffe auf ihr lukratives Geschäft wehrte und den Studien gefälschte Eigenstudien entgegen hielt, die die Unbedenklichkeit des Glimmstängels beweisen sollten, errang die US-Gesundheitsbehörde 1977 einen ersten grossen Sieg: Die Warnaufschriften auf den Zigaretten-Päckchen wurde obligatorisch. Zehn Jahre später wurden sie auch in der Schweiz eingeführt.

Der letzte Todesstoss?

Einen weiteren entscheidenden Sieg über die Raucher und die Tabak-Lobby gelang den Gesundheitsbehörden durch die plötzlich auftauchende Haftpflichtfrage: Muss die Tabakindustrie für die kranken Raucher aufkommen? Angesichts der horrenden Summen, die sie in diesem Fall hätten bezahlen müssen, gestanden die Zigaretten-Bosse, was sie jahrzehntelang verleugnet hatten: Rauchen macht süchtig.

Den letzten, tödlichen Schlag erfuhr die Raucher-Zunft, als die Schädlichkeit des Passivrauchens belegt wurde. In einem heute absurd anmutenden Experiment zeigte der Dokfilm ein am Schweizer Fernsehen live durchgeführtes Experiment: Die Herztöne eines Ungeborenen werden schneller, wenn die Schwangere Frau eine Zigarette raucht.

Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, ist überzeugt: Die heutige Situation hat der Anti-Passivrauchen-Trend aus den USA ausgelöst. Die Nichtraucher wehren sich – und bekommen endlich Gehör. Heute sind Raucher Sonderlinge, immer mehr Verbote machen ihnen das Leben schwer, grenzen sie aus der Nichtraucher-Gesellschaft aus, sie wurden zur Minderheit, machen heute noch 29 Prozent der Bevölkerung aus. Heute beugen sich die Raucher den Entscheidungen der Nichtraucher. Und qualmen brav im Freien, auch bei Wind und Wetter.

Wie es soweit kommen konnte, dass eine ganze Gesellschaft ihre Einstellung änderte – das wurde anhand der Kulturgeschichte des Tabaks, die Fritz Muris Dokfilm aufzeigte, überdeutlich.

Die Geschichte wiederholt sich – auch die Geschichte des Rauchens

Ende gut alles gut? Natürlich nicht. Mit Afrika und Asien wächst für die Tabakindustrie ein gigantischer neuer Absatzmarkt heran. Die Zahl der Rauchenden steigt weltweit nach wie vor an, auch wenn wir das Gefühl haben, die Zeit der Raucher sei vorbei. In anderen Ländern steht sie erst noch bevor.

(bazonline.ch/Newsnetz)

http://bazonline.ch/kultur/fernsehen/Raucher--wie-aus-Koenigen-Sonderlinge-wurden/story/28888720


Kommentare:


19 KOMMENTARE
Christoph M. Suter
15:51 Uhr
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Wie es zu diesem Paradigmenwechsel kommen konnte, kann man auch hier nachlesen: http://www.tabakkontrolle.de/pdf/Massenmediale_Tabakpraevention.pdf oder in Englisch: http://www.who.int/fctc/cop/art%208%20guidelines_english.pdf

Rolf Wilhelm
14:33 Uhr
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Wenn ich das das schon lese: ".Ich möchte nur eines!Frei zu sein mir zu schaden oder nicht!!!!!" - aber sich dann die Gesundheitsfolgekosten von der Solidargemeinschaft (Krankenkassen) finanzieren lassen...

Boris Nork
12:32 Uhr
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Jeder Autofahrer vergiftet die Umwelt und frönt seinem Vergnügen auf Kosten anderer, von den überfahrenen Fussgängern und Velofahrern ganz zu schweigen. Da wäre die Aufschrift an jedem Auto angebracht: "Vorsicht, mit einem Auto belasten Sie die Umwelt und schädigen und gefährden Mitmenschen."

Daniel Mächler
03:38 Uhr
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Bitte, es geht doch auch um gegenseitigen Respekt und Toleranz! Bsp.: Wärend der Expo.02 führten die Züge der SBB noch Raucherwagen, welche meist ebenfalls bis auf den letzten Platz besetzt waren. Da ich wusste, dass die meisten Leute Nichtraucher waren, habe ich selbstverständlich aufs Rauchen verzichtet. Vielen militanten Antirauchern stinkt jedoch schon der Anblick einer Zigarette!

thomas hauser
04.04.2009, 18:38 Uhr
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der Staat könnte mit canabis Raucher Millionen verdienen. jetzt verdienen die Dealer das Geld illegal

Christoph M. Suter
04.04.2009, 12:02 Uhr
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@Stefan Urben: Ich spreche hier von den grossflächigen "Todesanzeigen" auf den Zigarettenpackungen und nicht vom Kleingedruckten. Apropos grossflächige Todesanzeigen. Diese haben ihre Wirkung verfehlt. Der Raucheranteil steigt wieder. Besonders in Irland - dem "Nichtraucherparadies".

Ben Palmer
04.04.2009, 11:05 Uhr
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Nichtraucher könnten sich sehr leicht selbst schützen: ein kleines Schild am Eingang eines Lokals als Hinweis würde reichen. Dasselbe gilt, wenn man über die Strasse geht: wer den Fuss vom Trottoir auf die Strasse setzt, weiss dass Vorsicht geboten ist. Muss uns der Staat in der Hand führen? Aber es ist sicher leichter, ein Nichtraucher-Monopol zu fordern.

Stephan Urben
04.04.2009, 10:46 Uhr
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Bei den Nazis war das Rauchen verpönt, deshalb hatte der "Geschmack von Freiheit und Abenteuer" nach dem Krieg einen psychologischen Marktvorteil - und nützte ihn weidlich aus. @C.M. Suter: An die dreisprachigen Warnungen des Bundesamtes für Gesundheitswesen auf den Zigipäckli kann ich mich noch sehr gut erinnern. Sie waren in den 80ern auf jedem Päckli drauf. Also selber schlechtes Gedächtnis!?

Pit Müller
04.04.2009, 10:42 Uhr
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an den antworten der raucher und befürworter, merkt man wie weit entfernt wir sind von einem nichtraucherschutz. es kann doch nicht sein, dass immer wieder dieselben dummen argumente für ein rauchen einzug halten. wie wärs einmal, wenn ihr eure sogenannte toleranz wirklich anwendet und die nichtraucher schützt und vorallen eure gesundheit!

Christoph M. Suter
04.04.2009, 00:21 Uhr
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Frau Matthieu schreibt: "1977 wurden in den USA die Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen obligatorisch und 10 Jahre danach in der Schweiz." Das wäre demzufolge 1987 gewesen. Die Warnhinweise wurden in der Schweiz jedoch erst am 1. Mai 2006 - also 29 Jahre später - eingeführt. Schlecht recherchiert, Frau Matthieu. Wie auch das mit dem Herzschlag bei den Säuglingen.

Dieter Stadler
03.04.2009, 23:55 Uhr
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Es wird leicht vergessen, dass rauchen ein Genuss ist. Leider ist es aber so, dass viele das rauchen nicht kontrollieren koennen und damit die Nichtraucher gegen die Raucher aufbringen. Tleran Ausrufszeichenz ist eben alles Vielleicht sollte man auch nicht vergessen dass die Raucher Millionen dem Fiskus abliefern. Ein Paeckli Zigarette hat einen Kostpreis (incl. Profit) von ca. USD 0,30

Konrad Hefti
03.04.2009, 21:30 Uhr
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Man muss an dieser Stelle wieder mal betonen, dass in der Schweiz nach wie vor Milliarden verdient werden mit Zigaretten und dass niemand vorhat, das Rauchen zu verbieten. Es gibt nur Einschränkungen an den Orten, wo sich auch Nichtraucher aufhalten.

Peter Eiger
03.04.2009, 20:50 Uhr
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Ich bin Nichtraucher. Natürlich stört es mich, wenn meine Kleider nach Rauch stinken. Dennoch finde ich, dass man heute schon sehr radikal gegen das Rauchen vorgeht. Ich denke da beispielsweise an die Ausweitung des Rauchverbots auf Restaurants, öffentliche geschlossene Räume, etc. Grundsätzlich geht es doch um Respekt und Toleranz zwischen Menschen. Muss man denn immer verbieten?

Ben Palmer
03.04.2009, 20:40 Uhr
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@F. Schwitter: Passivrauch schadet niemand, jedenfalls nicht bei einem Restaurantbesuch. Allein bei der Fahrt mit dem Auto zum Restaurant werden Schadstoffe in ungemein grösseren Mengen freigesetzt. Abgesehen davon, dass niemand gezwungen ist, in ein Restaurant zu gehen, das ihm nicht passt. Man nennt das "freie Wahl".

Fredy Schwitter
03.04.2009, 17:28 Uhr
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"ich möchte nur eines!Frei zu sein mir zu schaden oder nicht!!!!!" - unten gelesen. Da hat er Rauch offenbar auch schon seine Wirkung getan. Was du meinst, Ursula Jungo, ist in Tat und Wahrheit: Du möchtest frei sein, anderen zu schaden. Denn: Es geht um's Passivrauchen. Aber das begreifen die meisten Raucher nicht. Dabei ist eben gerade das der grosse Unterschied zu anderen Suchtmittel.

Werner Egloff
03.04.2009, 13:46 Uhr
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@U. J. Furfaro : Muss widersprechen. Ich bin auch ehemaliger Raucher und hbe von einem Tag auf den Anderen damit aufgehoert - ohne fremde Hilfe oder Medis. Wenn heute in meinem Umfeld geraucht wird ist mir das egal. Mich macht es einfach nicht an. Aber gegen die (Noch-)Raucher Sturm laufen und weitere Gesetzli zu fordern ist meine Sache nicht. Hat vermutlich viel mit Toleranz und Fairness zu tun.

Mike Turner
03.04.2009, 13:14 Uhr
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@ Ursula Jungo Furfaro: schön möchten Sie frei sein, aber nicht auf Kosten anderer! Die Freiheit jedes Einzelnen hört da auf, wo sie die Freiheit eines Anderen einschränkt. Und Nichtraucher mussten lange genug den scheusslichen Gestank von Rauchern erdulden.

Ursula Jungo Furfaro
03.04.2009, 12:46 Uhr
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Jeder, der sich das Rauchen abgewöhnte,wird ein fanatischer Antiraucher und will,das das Rauchen per Gesetz sofort verboten wird! Es gibt Raucher,die sind süchtig und haben es schwer vom Nikotin loszukommen,sind echte Raucher.Es gibt Raucher,die sind nicht süchtig und werden es nie sein,das sind die unechten Raucher.Ich möchte nur eines!Frei zu sein mir zu schaden oder nicht!!!!!

Mathias Rissi
03.04.2009, 12:38 Uhr
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Ende gut - alles gut? Rauchverbote sind so alt, wie das Rauchen. Es wurde zB in der Schweiz im 17. Jahrhundert als Verbrechen bestraft und unter dem engl. König Jacob I stand darauf sogar die Todesstrafe. Verbote bewirken meist das Gegenteil. So wechselten seither Verteufelung und Verherrlichung. Ob es diesmal endgültig bei der Ächtung bleibe ;-) PS: ich genieße gerne gelegentlich eine Pfeife



« Letzte Änderung: 05. April 2009, 18:20 von Richi »