Autor Thema: Krebs-Statistiken kritisch gesehen  (Gelesen 4639 mal)

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Dietmar E.

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Krebs-Statistiken kritisch gesehen
« am: 29. Juli 2009, 12:38 »

Interview zur Krebsstatistik im Standard

"Probleme nicht beschönigen, sondern lösen"


05. April 2009, 18:53

Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer ist ein Kritiker des Gesundheitssystems. Beschönigungen helfen nicht, dringend anstehende Probleme zu lösen. Genau das passiert aber ständig.

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Krebsstatistik ist eine hochdiffizile Angelegenheit und in Österreich vernachlässigt, sagt Gesundheits¬ökonom Ernest Pichlbauer

Standard: Österreichs Krebspatienten leben länger, sagen angeblich Studien. Warum zweifeln Sie?

Pichlbauer: Weil ich mich mit der Interpretation von statistischen Daten schon lange beschäftige und ich nach der Lektüre der im Kurier zitierten Studie sagen kann, dass der Schluss, der hier gemacht wurde, aufgrund der Daten gar nicht möglich ist.

Standard: Aber namhafte Experten wie Christoph Zielinski bestätigen das auch.
Pichlbauer: Da geht es um die mediale Verwertung solcher Meldungen, und das hat politische Hintergründe. Es geht derzeit um die Forschungsbudgets und darum, Gelder zu lukrieren. Auch die Universitäten werden die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Wenn das Geld knapp wird, dann geht es darum, wo noch investiert wird. Das ist der Kampf um den Kuchen.

Standard: Mit welchen Argumenten stellen Sie diese Daten infrage?
Pichlbauer: Die Quellen. Die San Paolo Foundation, die die Studie durchgeführt hat, hat für Österreich die Krebsstatistik der Statistik Austria und das Tiroler Krebsregister verwendet. Beide zusammen reichen nicht aus, dem gesamten österreichischen Gesundheitssystem, das aus neun Bundesländern mit komplett unterschiedlichen Systemen besteht, ein gutes Zeugnis bei der Krebsbehandlung auszustellen.
Standard: Was ist an diesen Registern nicht gut?

Pichlbauer: In Registern werden Krankengeschichten nach verschiedenen Kriterien gespeichert. Je umfassender die Information, umso stärker die Aussagekraft. In der verwendeten Krebsstatistik werden nur wenige Daten erhoben, etwa Krebsart, Diagnose-Zeitpunkt oder Todeszeitpunkt. Das ist zu wenig, um Aussagen zur Behandlungsqualität machen zu können.

Standard: Und das Tiroler Register?
Pichlbauer: Ist per se gut. Weil dort aber viele Screening-Programme laufen, die es in anderen Bundesländern so nicht gibt, kann man auch mit diesen Daten nicht auf die gesamtösterreichische Situation schließen, noch kann man sich mit anderen Ländern vergleichen.

Standard: Es gibt doch gesetzliche Grundlagen zur Dokumentation?
Pichlbauer: Ja schon, aber wenn es nicht gemacht wird, ahndet das auch niemand. Wenn Daten auf freiwilliger Basis geführt werden, sind diese Daten auch nicht unbedingt verlässlich. Allein am AKH werden wahrscheinlich auf zehn Stationen Krebspatienten behandelt. Wer kontrolliert die Daten, die an die Statistik Austria gehen?

Standard: Es geht aber auch um die Methodik der Auswertung.
Pichlbauer: Das größte Problem bei Überlebensstatistiken ist der Lead-Time-Bias, also eine Verzerrung, die durch den Diagnose-Zeitpunkt entsteht.

Standard: Ein Beispiel?
Pichlbauer: Krebs entsteht zu einem bestimmten Zeitpunkt, Früherkennung ist in Bezug auf die Behandelbarkeit aber nicht bei allen Krebsarten ein ganz wesentlicher Punkt. Stellen wir uns vor, ein bestimmter unbehandelbarer Krebs entsteht im Jänner, und der betroffene Patient verstirbt im August. Wurde die Erkrankung im Februar diagnostiziert, hat der Patient eine Überlebensdauer von sechs Monaten, wird er im Juni diagnostiziert, von nur einem Monat. Aber der Krebs ist immer derselbe. Mit der Therapie hat das erst einmal gar nichts zu tun, nur mit der Früherkennung.

Standard: Was lässt sich ablesen?
Pichlbauer: Dass es verschiedene Krebsarten gibt. Für manche gibt es eine Therapie, für manche nicht. Wenn man rein den Diagnosezeitpunkt und die Überlebenszeit betrachtet, lassen sich keine Schlüsse auf die allgemeine Versorgungslage ziehen.

Standard: Welches Bundesland liegt vorn?
Pichlbauer: Auch das lässt sich aus den Statistik-Austria-Daten nicht ablesen. Betrachten wir Dickdarmkrebs. Im Burgenland erkranken 44 von 100.000 Einwohnern an Dickdarmkrebs, in Kärnten nur 27. Es sterben aber da wie dort ungefähr gleich viele Menschen an dieser Erkrankung. Als Burgenländer habe ich scheinbar eine höhere Wahrscheinlichkeit zu erkranken, aber im Vergleich mit Kärnten auch eine höhere zu überleben. Das heißt aber nicht, dass die Versorgung in Kärnten schlechter ist, sondern nur, dass die Dokumentation in den Bundesländern unterschiedlich ist und sich das dann statistisch so ablesen lässt. Der zentrale Punkt: Die Überlebenszeit wird meist maßgeblich von der frühen Diagnose beeinflusst, nur: Wenn es keine Therapie für eine Krebsart gibt, dann sagt sogar die frühe Diagnose nichts aus, weil eine Therapie die Lebenszeit nicht verlängern kann.

Standard: Ist Überlebenszeit also kein Kriterium?
Pichlbauer: Die Zahl sagt wenig über die Behandlungsqualität und noch weniger über die Lebensqualität der Patienten aus. Nehmen wir Prostata-Krebs, eine Erkrankung, für die es in Tirol Vorsorgeprogramme gibt. Deshalb wird Prostata-Karzinom dort früh, aber auch häufiger entdeckt. Viele Patienten werden durch die Behandlung inkontinent. Zwar wird die Lebenszeit durch Medikamente, die die Männer künstlich kastrieren, verlängert, aber ist damit automatisch eine bessere Qualität gegeben? Diese ethischen Fragestellungen werden in keiner Statistik abgebildet.

Standard: Was würde es bringen?
Pichlbauer: Dass auch Geld in die Psychoonkologie und die palliative Versorgung von Krebspatienten investiert würde und nicht wie derzeit fast ausschließlich in kurative Therapie, also Medikamente. Behandlungsqualität ist mehr als die Anzahl an Monaten, die jemand überlebt, nur darüber traut sich niemand zu sprechen. Erfolgsmeldungen wie übrigens auch der jährlich erscheinende Health Consumer Index vertuschen die wahren Probleme. Politiker sollten Probleme nicht beschönigen, sondern lösen. Viele, die im System arbeiten, wollen das aber gar nicht.

Standard: Welche Reformen stünden an?
Pichlbauer: Das Erfassen von Daten zu Krankenstatistiken braucht Zeit, Sorgfalt und Wissen, und es braucht ein finanzielles Anreizsystem, damit diese Arbeit, die die Basis für Qualitätsverbesserung ist, auch gemacht wird. Zudem müssten in jedem Bundesland die Daten in einheitlicher Systematik erfasst werden, und es muss eine Kontrollinstanz geben. Derzeit passiert all das auf freiwilliger und unbezahlter Basis, die Datenqualität ist deshalb schlecht.

Standard: Wer kann es übernehmen?
Pichlbauer: Das Gesundheitsministerium zusammen mit den Krankenkassen in allen Bundesländern. Dann ließen sich österreichweit Disease-Management-Programme installieren, die mit einem Honorierungssystem gekoppelt sind. Auch die Ärztekammer muss so einen Plan mittragen. Denn heute ist es doch so, dass es oftmals von einem Arzt abhängt, ob man als Krebspatient in eine Studie zu neuen Medikamenten reinkommt oder nicht.

(Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 06.04.2009)

"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Reinardo

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Re: Krebs-Statistiken kritisch gesehen
« Antwort #1 am: 31. Juli 2009, 11:46 »
Hallo Dietmar:-

Gut, dass es auch in Österreich einen Mann gibt, der sich mit dem Gesundheitssystem und den Krebsstatistiken kritisch auseinandersetzt.
Ich befasse mich als Betroffener (Prostatakrebs) seit Jahren mit den diesbezüglich in Deutschland kursierenden Statistiken und kann aus meinen Beobachtungen Herrn Pichlbauers Feststellungen bestätigen, würde sogar noch schärfer formulieren: es sind Schwindelstatistiken.
Zunächst einmal ist das Verfahren der Erhebung uneinheitlich und undifferenziert, Verzerrungen infolge des Diagnosezeitpunktes bleiben unberücksichtigt, wie Pichlbauer das ja gut formuliert.
Dann muss man auch folgendes sehen: Es heisst immer: "gestorben an Prostatakrebs". Es müsste aber heißen "gestorben anlässlich von Prostatakrebs", denn viele sterben ja auch infolge von Operationsfehlern, schlechter körperlicher Konstitution, Wahl falscher Therapien, Infektionen, Lungenentzündung, Embolien, Fehlern in der Nachsorge.
Alle Gestorbenen haben doch  Therapien durchlaufen. So ist die Sterbezahl doch auch oder eher ein Maßstab für die Qualität von Therapien.
Leider werden diese fehlerhaften Statistiken von Ärztevertretungen und anderen Lobby-Organisationen  für Standesinteressen missbraucht. Kaum ein Vortrag oder ein Krebs-Ratgeber, der nicht mit irgendwelchen Horrorzahlen über Sterbezahlen beginnt. Dabei schreibt einer vom anderen ab. Die Zahlen eignen sich vorzüglich zur Dringlichmachung  für Medikamente oder Therapien, die man verkaufen will, für Aufrufe zum Spenden und zur Begründung von Finanzierungsanträgen für Forschungs- oder Entwicklungsprojekten.
Übrigens: Der in Deutschland bekannteste Kritiker unseres Gesundheitssystems ist Karl Lauterbach, Mediziner und Vordenker der Sozialdemokratischen Partei in Gesundheitsfragen.  In seinem im März d. J. erschienenen Buch "Gesund im Kranken System" befasst er sich zwar nicht explizit mit Statistiken, widmet der Behandlungsqualität bei Krebserkrankungen jedoch ein eigenes Kapitel.

Gruß, Reinardo