Autor Thema: Angstzustände - Gehirn kann sich daran gewöhnen  (Gelesen 2976 mal)

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hilde

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Angstzustände - Gehirn kann sich daran gewöhnen
« am: 28. Januar 2013, 22:40 »



MedUni Wien: Auch das Gehirn von Menschen mit Angstzuständen kann sich an Angst gewöhnen

Wien (OTS) - Angst ist eine überlebensnotwendige Schutzfunktion vor
möglichen Gefahren. Im Fall einer Angststörung wird diese positive
Wirkung außer Kraft gesetzt: Sozialphobie-PatientInnen ängstigen sich
vor ganz normalen, sozialen Situationen im Alltag, weil sie fürchten,
sich unpassend zu verhalten oder von anderen für dumm gehalten zu
werden. WissenschafterInnen vom Zentrum für Medizinische Physik und
Biomedizinische Technik und der Universitätsklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie der MedUni Wien haben nun herausgefunden, dass
dieses Angstnetzwerk zumindest teilweise deaktiviert werden kann.

In der aktuellen, im Magazin PLOS One veröffentlichten, Studie von
Ronald Sladky unter der Leitung von Christian Windischberger (Zentrum
für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik) wurden mit Hilfe
der funktionellen Magnetresonanztomographie die Änderungen der
Gehirnaktivität von Sozialphobie-PatientInnen und gesunden
ProbandInnen gemessen, während sie Gesichter betrachteten. Dieses
Experiment simuliert die soziale Konfrontation mit anderen Menschen,
ohne die Person tatsächlich in eine für sie unerträgliche
Angstsituation zu bringen.

Dauerhafte Konfrontation wirkt Angst mindernd

"Dabei zeigte sich, dass Menschen mit Sozialphobie zwar anfangs eine
stärkere Aktivierung im Mandelkern und im medialen, präfrontalen
Cortex des Gehirns aufweisen, nach einigen Durchgängen geht diese
Aktivität allerdings zurück", so Sladky. Das widerspricht der
bisherigen Annahme, dass sich das emotionale Netzwerk von
SozialphobikerInnen nicht genügend an die stressauslösende Situation
anpassen kann.

Die dauerhafte Konfrontation mit der Testaufgabe führte bei den
AngstpatientInnen nicht nur dazu, schneller eine Lösung für das
"Problem" zu finden, sondern auch dazu, dass manche Gehirnregionen
umgangen wurden, die sonst, und krankheitstypisch, überaktiviert
waren. Sladky: "Daher liegt der Schluss nahe, dass es auch im
Emotionsnetzwerk von SozialphobikerInnen funktionierende
Regulationsstrategien gibt, wenngleich es bei diesen Menschen etwas
länger dauert, bis diese Mechanismen greifen. Die Fehlregulation
dieser Gehirnteile kann also zu einem Teil kompensiert werden."

Diese Erkenntnisse könnte, so Sladky, der Anstoß zur Entwicklung von
personalisierten Trainingsprogrammen sein, die den Betroffenen im
Alltag helfen, die unangenehmen Situationen besser zu meistern. In
Österreich sind jährlich rund 200.000 Personen von einer Sozialphobie
betroffen. Die Dunkelziffer dürfte darüberhinaus sehr hoch sein, da
viele Betroffene aufgrund Ihrer Angst nicht oder erst zu spät
fachkundige Betreuung suchen.

Kooperation für ein besseres Verständnis von psychiatrischen
Erkrankungen

Die aktuelle Studie entspringt einer interdisziplinären
Forschungs-Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Medizinische
Physik und Biomedizinische Technik (Leitung: Wolfgang Drexler) und
der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Leitung:
Siegfried Kasper). Ziel der Kooperation ist ein besseres,
neurowissenschaftliches Verständnis für psychiatrische Erkrankungen,
um neue Therapie- und Diagnosemöglichkeiten entwickeln zu können.

Die fünf Forschungscluster der MedUni Wien

Neurowissenschaften und Bildgebung (Imaging) sind zugleich zwei der
fünf Forschungscluster der MedUni Wien. In diesen Fachgebieten werden
in der Grundlagen- wie in der klinischen Forschung vermehrt
Schwerpunkte gesetzt. Die weiteren drei Forschungscluster der MedUni
Wien sind Krebsforschung/Onkologie,
Allergologie/Immunologie/Infektiologie und vaskuläre/kardiale
Medizin.

Open Access Service: PLOS One

"Increased Neural Habituation in the Amygdala and Orbitofrontal
Cortex in Social Anxiety Disorder Revealed by fMRI." Ronald Sladky,
Anna Höflich, Jacqueline Atanelov, Christoph Kraus, Pia Baldinger,
Ewald Moser, Rupert Lanzenberger, Christian Windischberger. PLoS ONE
7(11): e50050. doi:10.1371/journal.pone.0050050.

Richi

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Fehlende "Bremse im Gehirn" als Auslöser von Angstzuständen
« Antwort #1 am: 02. Dezember 2013, 21:11 »



Fehlende "Bremse im Gehirn" als Auslöser von Angstzuständen


Wien (OTS) - Angst in der richtigen Dosis kann die Wachsamkeit
erhöhen und vor Gefahren schützen. Unangemessene Angst dagegen kann
die Sinneswahrnehmung stören, kann lähmend wirken, die Freude am
Leben nehmen und damit selbst zur Gefahr werden. Angststörungen sind
daher eine nicht zu unterschätzende psychiatrische Erkrankung. Dabei
wird Angst so stark erlebt, dass ein großer Leidensdruck entsteht und
ein normales Leben nicht mehr möglich scheint. ForscherInnen der
MedUni Wien haben nun eine mögliche Erklärung gefunden, wie
Sozialphobien und Angst im Gehirn ausgelöst werden können, nämlich
durch eine fehlende hemmende Verbindung, quasi eine fehlende "Bremse"
im Gehirn.

Im Gehirn bilden der Mandelkern (Amygdala) und der Orbitofrontale
Kortex im Stirnlappen einen wichtigen Regelkreis, um Gefühlszustände
zu regulieren. Dieser Regelkreis ist sozusagen das
Emotionskontrollzentrum im Gehirn. Während bei gesunden ProbandInnen
in diesem Kreislauf eine "negative Rückkopplung" und damit eine
"Beruhigung" identifiziert wurde, konnten die WissenschafterInnen bei
SozialphobikerInnen mit Hilfe der funktionellen
Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) das Gegenteil nachweisen: Eine
wichtige, hemmende Verbindung ist bei diesen PatientInnen verändert,
was erklären könnte, warum sie nicht in der Lage sind, ihre Angst zu
kontrollieren.

In Zusammenarbeit des Zentrums für Medizinische Physik und
Biomedizinische Technik und der Universitätsklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie der MedUni Wien konnten die ForscherInnen unter
der Leitung von Christian Windischberger in einer aktuellen Studie am

Exzellenzzentrum Hochfeld-MR der MedUni Wien auch herausfinden, auf
welche Weise sich die Gehirnbereiche, die an der Emotionsverarbeitung
beteiligt sind, gegenseitig beeinflussen.

Den Studienteilnehmern wurde eine Reihe von "emotionalen Gesichtern"
gezeigt, während sie sich der funktionellen
Magnet-Resonanz-Tomographie-Messung unterzogen. fMRT ist ein
nicht-invasives Verfahren, mit dem man durch den Einsatz von
Radiowellen und Magnetfeldern Änderungen im Blutsauerstoffspiegel und
damit die neuronale Aktivierung in einzelnen Gehirnregionen messen
kann. Dabei kam ein am University College London entwickeltes
Analyseverfahren zum Einsatz, mit dem eine neue Sicht auf die
gemessenen Daten möglich ist.

Kreislauf der Angst durchbrechen

Mit der Einblendung der emotionalen Gesichtsausdrücke - von Lachen
bis Weinen, von Zufriedenheit bis Zorn - wurde die neuronale
Aktivität im Gehirn angestoßen. Das Ergebnis: Rein äußerlich war den
ProbandInnen zwar nichts anzumerken, aber bei die gesunden
ProbandInnen wurden durch die automatische "Bremse" im Kopf trotz der
Emotionalität der Bilder beruhigt, bei den SozialphobikerInnen aber
sorgten die Fotos für einen "Turbo" und eine sehr starke neuronale
Aktivität. Das konnte mit Hilfe des neuen Analyseverfahrens deutlich
gemacht werden: "Wir haben die Möglichkeit, nicht nur die
Gehirnaktivität zu lokalisieren und zwischen Gruppen zu vergleichen,
sondern können nun auch Aussagen über die funktionalen Verbindungen
im Gehirn treffen. Gerade bei psychiatrischen Krankheiten kann man
davon ausgehen, dass es nicht zu Komplettausfällen kommt, sondern
vielmehr zu Ungleichgewichten in komplexen Regulierungsprozessen", so
Ronald Sladky, Erstautor der Studie.

Durch das damit gewonnene, bessere Verständnis der beteiligten
neuronalen Mechanismen sollen nun neue Ansätze für
Therapiemöglichkeiten gefunden werden. Es gilt zu klären, welchen
Einfluss Medikamente und psychotherapeutische Betreuung auf die
beteiligten Netzwerke haben, um die PatientInnen dabei unterstützen
zu können, die Kreisläufe der Angst zu durchbrechen.

Medizinische Bildgebung - einer von fünf Forschungsclustern

Die medizinische Bildgebung (Medical Imaging Cluster) ist einer von
fünf Forschungsclustern der MedUni Wien. In diesem und den anderen
vier Fachgebieten werden in der Grundlagen- wie in der klinischen
Forschung vermehrt Schwerpunkte gesetzt. Die weiteren vier
Forschungscluster sind Medizinische Neurowissenschaften,
Kardiovaskuläre Medizin, Allergologie/Immunologie/Infektiologie und
Krebsforschung/Onkologie.

Service: Cerebral Cortex

"Disrupted Effective Connectivity Between the Amygdala and
Orbitofrontal Cortex in Social Anxiety Disorder During Emotion
Discrimination Revealed by Dynamic Causal Modeling for fMRI." Ronald
Sladky, Anna Höflich, Martin Küblböck, Christoph Kraus, Pia
Baldinger, Ewald Moser, Rupert Lanzenberger, Christian
Windischberger. 2013, Cerebral Cortex.
http://cercor.oxfordjournals.org/content/early/2013/10/09/cercor.bht2
79.full.

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20131202_OTS0025/fehlende-bremse-im-gehirn-als-ausloeser-von-angstzustaenden?utm_medium=email&utm_term=inline&utm_content=html&utm_campaign=mailabodigest

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Angstzustände - Krank vor Angst?
« Antwort #2 am: 02. November 2015, 13:56 »



Krank vor Angst?

So entkommen Sie den Fängen der Furcht

Wien (OTS) - Von der leichten Spinnenphobie bis hin zur schweren Panikstörung: Angst hat viele verschiedene Gesichter. Diese sind allerdings oft maskiert: So kann hinter Anspannung und Unruhe, hinter Gefühlen der Beklemmung, hinter Atemnot, Herzstolpern und Schweißausbrüchen eine schwere Angststörung stecken, die den Opfern das Leben zur Hölle macht. "Die Angst wird immer größer, sie wächst gleichsam zu einem Monster heran", warnt der Psychiater Dr. Peter Berger, Leiter der Panikambulanz am AKH in Wien.

Die Angst vor der Angst mündet schließlich in ein Vermeidungsverhalten und treibt die Betroffenen in einen Teufelskreis: Man isoliert sich zunehmend, der Aktionsradius wird immer kleiner, die Not immer größer. Suchterkrankungen, Schlafstörungen und Depressionen zählen zu den möglichen Folgen einer nicht erkannten Angststörung. In MEDIZIN populär erläutern Experten, woran man krankhafte von normalen Ängsten unterscheidet. Und wie man schließlich den Fängen der Furcht entkommt.

Außerdem in der aktuellen Ausgabe:

Mehr Kraft für den Rücken

Das Kreuz mit dem Kreuz kennt nahezu jeder: Rückenschmerzen sind weit verbreitet und außerdem das häufigste Leiden von Patienten mit chronischen Schmerzen. Ein Sportmediziner erklärt, was hinter den Beschwerden stecken kann und wie man sie mit gezielter Bewegung in den Griff bekommt.

Köstlich und kerngesund

Sesam-, Chia- und Mohnsamen, Kürbis- und Sonnenblumenkerne: Samen und Kerne sind köstliche Allrounder in der Küche und obendrein sehr gesund. Dafür sorgt ein Mix aus essentiellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen sowie ein hoher Ballaststoffanteil.

Die aktuelle Ausgabe von MEDIZIN populär erscheint am 2. November 2015.

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Alexandra Wimmer
Redakteurin MEDIZIN populär
Tel.: (+43-1) 512 44 86
www.medizinpopulaer.at


http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151102_OTS0038/krank-vor-angst?utm_source=2015-11-02&utm_medium=email&utm_content=html&utm_campaign=mailabodigest


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Re: Angstzustände - Gehirn kann sich daran gewöhnen
« Antwort #3 am: 21. November 2015, 01:09 »


Ärzteschaft

Neue Patienteninformation über Angst

Freitag, 6. November 2015

Berlin – Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat eine Kurzinfor­mation zum Thema Angst veröffentlicht. Die Publikation ist Teil der Reihe „Kurzinfor­mationen für Patienten (KiP)“, die das ÄZQ im Auftrag der Kassenärztlichen Bundes­vereinigung (KBV) und der Bundesärztekammer (BÄK) entwickelt.

Mediziner sprechen von einer Angststörung, wenn Sorgen und Ängste überhand­neh­men. Laut ÄZQ macht etwa ein Viertel aller Menschen einmal im Leben eine solche seelische Erkrankung durch. Dadurch können Lebensqualität und Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigt werden. Folgen können zum Beispiel sein: Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit, Depressionen sowie Alkohol- oder Drogenmissbrauch.

zum Thema

    KiP Angst   http://www.patienten-information.de/mdb/downloads/kip/psychische-erkrankungen/angststoerungen-kip.pdf

Die Patienteninformation gibt Auskunft über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen. Zudem beantwortet sie die Frage, wo normale Angst aufhört und krankhafte Angst anfängt und beleuchtet die verschiedenen Arten von Angststörungen und deren Entstehung sowie mögliche Therapien. Darüber hinaus erfahren Betroffene, was sie selbst tun können, um besser mit dieser seelischen Erkrankung umgehen zu können. © hil/aerzteblatt.de