Autor Thema: Medikamente ................ hier Placebo  (Gelesen 2620 mal)

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Dietmar E.

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Medikamente ................ hier Placebo
« am: 19. Mai 2007, 22:52 »

Das Geheimnis der Placebos
17.04.07
   
Der Ausdruck Placebo für ein Scheinmedikament ist seit den 1940er-Jahren gebräuchlich. "Ich werde gefallen", verspricht die Übersetzung, und das ist nicht übertrieben.
   
Je dramatischer verabreicht, desto wirksamer sind sie    

Placebos wirken tatsächlich. Sehr zur Verwunderung der meisten Mediziner, die dann achselzuckend von der Kraft der Einbildung, von Aberglauben und den Abgründen des simplen Gemüts sprechen. Dabei verdankt die Medizin dem Placeboeffekt einiges von ihrem im Lauf der Jahrhunderte erworbenen guten Ruf. "Ärzte geben Medikamente, von denen sie wenig wissen, in Menschenleiber, von denen sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, von denen sie überhaupt nichts wissen", lästerte Voltaire noch zu Recht.

Tatsächlich hätte wohl kaum eine der damals gängigen Heilmethoden ein objektives Prüfverfahren überstanden. Bis weit in die Neuzeit beschränkten sich Behandlungstechniken darauf, den Patienten Abführmittel zu verabreichen, sie zum Erbrechen oder zum Schwitzen zu bringen, sie zu erschrecken, zu stechen oder mit Saugnäpfen und Blutegeln zu quälen. Die Quacksalber verwendeten Eidechsenblut, Krokodilkot, Schweinezähne und Froschsperma. Und obwohl die armen Patienten derart traktiert wurden, überlebten am Ende doch die meisten. Die Meriten sahnten - der Placebowirkung sei Dank - die Herren Doctores ab, quer durch alle Kulturen, ob sie sich nun Schamanen, Bader oder Medizinmänner nannten.

Noch in unserem Jahrhundert wurde die wissenschaftliche Überprüfung einer Methode überaus leger gehandhabt. Keine Vergleichsgruppe, keine normierten Bedingungen, nichts war nachprüfbar. Das Wort des Professors musste genügen.

Erst vor rund 50 Jahren führte das britische Medical Research Council die erste placebokontrollierte Studie durch. An eine Gruppe Tuberkulosekranker wurden nach dem Zufallsprinzip Antibiotika oder Scheinmedikamente ausgegeben. Die Verwunderung war groß, als sich auch in der Placebogruppe Erfolge einstellten. Seither gilt ein neues Medikament nur dann als praxistauglich, wenn es die Ergebnisse des Placebos signifikant übertrifft.

Worauf die - seither tausendfach bestätigte - Wirksamkeit der wirkungslosen Zuckerpillen ohne Wirkstoff im Detail basiert, wusste lange Zeit niemand zu sagen. Inzwischen aber konnten Forscher mittels Gehirnstromanalysen nachweisen, dass allein das Ritual der Behandlung und der Glaube an die Heilkraft einer Pille konkrete Reaktionen in den Zell- und Gewebestrukturen des Organismus auslösen können.

Was Iwan Petrowitsch Pawlow bei seinem Hund mit der Konditionierung durch ein Glockensignal erreichte, funktioniert auf vielfältige Weise auch beim Menschen. Neben der Ausschüttung körpereigener, morphiumähnlicher Substanzen sind inzwischen eine ganze Reihe weiterer Wirkmechanismen identifiziert worden: Placeboalarmierte Stressbremsen lassen allergische Hautausschläge verschwinden, placebomobilisierte Kämpfer des Immunsystems besiegen Bakterien und heilen in der Folge hartnäckige Magengeschwüre aus. Über gezielte Hormon-Modulation begannen bei Menschen, die "nur" ein Placebo erhielten, sogar Haare wieder zu wachsen.

Das Gehirn agiert als selbstständiger, eigenwilliger Apotheker des Körpers. Je nach individueller Erwartung und nahezu ohne Kontrollmöglichkeit durch den bewussten Verstand verteilt es seine Drogen im Organismus.

Demnach ist auch ein Medikament mit wirklichen Wirkstoffen nie für sich allein wirksam, sondern wird von innen mit der Ausschüttung weiterer Wirkstoffe begleitet. Welcher Art diese Wirkstoffe sind, ob sie das zugeführte Mittel verstärken, überlagern oder blockieren, hängt von den Erwartungen und Erfahrungen des einzelnen Patienten ab.

Allerdings sind Placebos überaus launisch. So helfen sie beispielsweise 60 Prozent der deutschen Magenkranken, aber nur jedem zehnten Amerikaner. Offenbar hängt ihre Wirkung wesentlich von der soziokulturellen Bedeutung der jeweiligen Krankheit ab. Nicht nur die Persönlichkeit des Patienten, sondern auch die Verabreichungsform beeinflusst ihre Wirkung. Scheinmedikamente wirken besser, wenn das von den Patienten empfundene Leid stärker ist, wenn die Schmerzen chronisch sind und wenn das Placebo möglichst spektakulär verabreicht wird. Wenn Pillen von der Schwester routinemäßig auf das Nachtkästchen gelegt werden, sind sie weniger potent, als wenn sie der Chefarzt höchstpersönlich überreicht. Zwei Tabletten wirken besser als eine einzelne Pille, rote Tabletten besser als weiße. Die grellste Pille wird wiederum von einer Injektion deutlich übertroffen.

Aber selbst für Scheinmedikamente gilt: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Auch ohne schädliche Inhaltsstoffe klagte jeder zweite Testpatient in diversen Placebogruppen über Schläfrigkeit; Kopfschmerzen verspürte jeder Vierte. Schweregefühl, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen - kaum eine der bekannten Begleiterscheinungen blieb ihnen erspart.

Hoch wirksam sind Placebooperationen, selbst wenn beim Eingriff nichts Sinnvolles angestellt wird. In einer Versuchsreihe in Texas erhielten Patienten mit Kniegelenksschäden unter Vollnarkose drei kleine Schnitte zur Einführung laparoskopischer Mikroinstrumente. Die Gelenksschäden wurden daraufhin entweder ausgekratzt, ausgewaschen oder gar nicht behandelt. Auch den nur scheinoperierten Patienten wurde aber mitgeteilt, dass man sie behandelt hätte. Zwei Jahre später wurden alle zur Nachkontrolle vorgeladen. Das Ergebnis der Scheinoperierten unterschied sich in keiner Weise von jenem der behandelten Patienten, sowohl was den Rückgang der subjektiven Schmerzempfindung als auch den objektiven Rückgang der Schwellung betraf.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint auch der Erfolg verständlicher, den manche Schamanen und Wunderheiler vorzuweisen haben. Wenn ein Wunder-Doc durch die Bauchdecke greift, in den Gedärmen wühlt und dem völlig geschockten Patienten schließlich ein Stück verfaultes Fleisch - als sichtbare Verkörperung der Pein - vor die blasse Nase hält, löst er den stärksten Placeboeffekt aus, der sich denken lässt. Was "Scharlatanerie" bewirken kann, wurde vor kurzem sogar wissenschaftlich untersucht. Edzard Ernst, Inhaber des Lehrstuhls für Komplementärmedizin an der britischen Universität Exeter, ließ in einer Studienreihe fünf Schauspieler die Gesten und Rituale ihrer "spirituell erleuchteten" Kollegen trainieren und dann als "Geistheiler" chronische Schmerzpatienten behandeln. Die Erfolge waren großteils verblüffend. "Wir hatten beispielsweise eine Frau, die seit fünf Jahren nur noch im Rollstuhl unterwegs war", erzählt Ernst, "die ist jetzt fast schmerzfrei und kann wieder gehen. Ein Medikament, das chronische Schmerzpatienten ähnlich effektiv zu heilen vermöchte, wäre zweifellos ein Bestseller."

Eine Meta-Analyse der bisherigen Untersuchung zur Wirkung von Geistheilern kommt zum gleichen und prägnant zugespitzten Ergebnis: Wenn Geistheiler Medikamente wären, müsste man sie ohne Zweifel als Heilmittel zulassen.
      
« Letzte Änderung: 19. Mai 2007, 22:53 von Dietmar E. »
"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)