Autor Thema: Urologie - Beckenbodentraining  (Gelesen 3249 mal)

0 Mitglieder und 2 Gäste betrachten dieses Thema.

Geri

  • Global Moderator
  • Super - User
  • *****
  • Beiträge: 674
  • Geschlecht: Männlich
Urologie - Beckenbodentraining
« am: 19. Juli 2015, 18:17 »





Der männliche Beckenboden: Sinnvolles Training bei Kontinenz- oder Potenzproblemen
• Focus: Männergesundheit • SU 01|2015 • 21.05.2015   

Urologische, andrologische Indikationen: Ein adäquates Training kann sowohl bei ­Belastungs­inkontinenz, bei überaktiver Blase, Nachträufeln, erektiler Dysfunktion als auch bei Ejakulationsstörungen zu einer Symptomverbesserung führen oder primär in der Prävention eingesetzt werden.

Physikalische Therapien werden in den meisten Fällen seriell und kombiniert appliziert (passive Therapien) bzw. durchgeführt (aktive Therapien). So kann über eine Verminderung von Symptomen (z. B.: Dekonditionierung, Schmerz, Inkontinenz, Stress etc.) eine Rekonditionierung, Schmerzlinderung sowie Kontinenz und/oder auch verbesserte Sexualfunktion gefördert werden.

-------------------------------------------------------------


Der männliche Beckenboden: Sinnvolles Training bei Kontinenz- oder Potenzproblemen
Die Indikationen
AutorIn: Matthias Waldert    • Focus: Männergesundheit • SU 01|2015 • 21.05.2015   

Die Beckenbodenmuskulatur ist ein wichtiger struktureller und funktionaler Bestandteil des männlichen Beckenbodens. Sie kann wie jede typische Skelettmuskulatur gezielt trainiert werden und sich adaptieren. 70 % der Beckenmuskulaturfasern sind Slow-Twitch-Typ-1-Fasern, also tendenziell langsam kontrahierende Muskelfasern, die langsam ermüden und den statischen Muskeltonus aufrechterhalten. Die übrigen 30 % sind Fast-Twitch-Typ-2-Fasern, schnell kontrahierende, rasch ermüdende Muskelfasern, die eine aktive Kontraktion des Beckenbodens ermöglichen. Der Anteil der Typ-2-Fasern kann im Alter durch Inaktivität oder durch Denervation abnehmen.
Die tiefe Beckenbodenmuskulatur ist der Levator-Ani-Muskel, bestehend aus M. pubococcygeus, M. iliococcygeus und M. puborectalis. Diese Muskeln spielen zusammen mit dem Urethral- und dem Analsphinkter sowohl bei Harn- als auch bei Stuhlkontinenz eine entscheidende Rolle. Die oberflächliche Beckenbodenmuskulatur setzt sich aus dem M. bulbocavernosus, M. ischiocavernosus und den queren perinealen Muskeln zusammen. Ihre Hauptfunktion stellt die Erhaltung und die Motilität der Urethra dar. Bei einer Kontraktion des Bulbocavernosus-Muskels kommt es zu einer Expulsion des Resturins aus der bulbären Urethra im Rahmen der Miktion und zur Ejakulation im Falle eines Orgasmus. Der M. ischiocavernosus stabilisiert den erigierten Penis und unterbindet den venösen Rückfluss und trägt damit zur Erhaltung einer adäquaten Erektion bei.

Beckenbodentraining für Männer wenig verbreitet: Ein entsprechendes Beckenbodentraining der oben genannten Muskelgruppen ist kein neues Konzept und wurde schon von Hippokrates und Galen im antiken Griechenland und Rom zur Stärkung der sexuellen Gesundheit, Spiritualität und Langlebigkeit beschrieben. Arnold Kegel popularisierte das Beckenbodentraining und entwickelte prä- und postoperative Übungen zur Unterstützung bzw. zur Ergebnisverbesserung von Kontinenzoperationen. Im Gegensatz zum weiblichen Beckenbodentraining hat die männliche Variante bisher wenig Verbreitung als Erstlinientherapie bei Kontinenz- oder Potenzproblemen gefunden. Eine Haupthürde stellt der Mangel an gut de­signten Übungsprogrammen dar.
Ein adäquates Training kann sowohl bei Belastungsinkontinenz (BI), bei überaktiver Blase (ÜB), Nachträufeln (Post-Void Dribbling PVD), erektiler Dysfunktion (ED) als auch bei Ejakulationsstörungen zu einer Symptomverbesserung führen oder primär in der Prävention eingesetzt werden (Tab.)

 

 

Beckenbodentraining bei Belastungsinkontinenz. Die Hauptursache für männliche Belastungsinkontinenz sind operative Eingriffe wie die radikale Prostatektomie oder die transurethrale bzw. offene Chirurgie der benignen Prostatahyperplasie. Der externe Sphinktermechanismus wird durch die oben beschriebene Levator-Ani-Muskulatur unterstützt. Von der Position her ist der externe Sphinkter im Sinne der Kontinenzmechanik gegenüber dem internen Sphinkter, der direkt am Blasenhals sitzt, weniger ideal situiert. Wenn der innere Sphinkter im Rahmen des operativen Eingriffes reseziert wird, befindet sich der Blasenhals in einer permanent offenen Position, und die Kontinenz ist vom äußeren Schließmuskel abhängig. Dieser ist jedoch nicht für lang andauernde Kontraktionen geschaffen und weist oft nur einen geringen Grundtonus auf, der nur kurz durch willkürliche Kontraktionen unterstützt werden kann. Da der externe Sphinkter aus quergestreifter Skelettmuskulatur besteht und durch den Levator Ani unterstützt wird, können diese Muskelgruppen durch Beckenbodentraining gezielt gestärkt werden.
Viele Studien haben den Benefit eines gezielten Beckenbodentrainings nach radikaler Prostatektomie gezeigt. Ribeiro et al. berichteten eine schnellere Wiederherstellung der Kontinenz und signifikante Verbesserungen des Inkontinenzgrades. Im Jahre 2011 publizierten Goode et al. eine multizentrische, prospektive, randomisierte, kontrollierte Studie mit über 200 Männern mit signifikanter Belastungsinkontinenz > 1 Jahr nach radikaler Prostatektomie. Die Patienten wurden in eine Gruppe nur mit Beckenbodengymnastik, eine Gruppe mit Beckenbodengymnastik, Biofeedback und Heimelektrostimulation und eine Kontrollgruppe ohne Therapie randomisiert. Die mittlere wöchentliche Zahl der Inkontinenzepisoden nahm in der ersten Gruppe von 28 auf 13, in der zweiten Gruppe von 26 auf 12 und in der Kontrollgruppe nur von 25 auf 21, ab. Die Ergebnisse in den aktiven Gruppen blieben für 12 Monate konstant. Insgesamt erlangten zwar nur 16 % aller Männer eine komplette Kontinenz, aber die Patienten in den Beckenbodentrainingsarmen konnten ihre Inkontinenzepisoden um die Hälfte reduzieren.

Beckenbodentraining für die überaktive Blase: ÜB ist charakterisiert als vermehrter Harndrang, erhöhte Miktionsfrequenz und Nykturie mit oder ohne Inkontinenz ohne Nachweis einer Pathologie oder eines Infektes. Während der Harnspeicherung ist der Detrusor normalerweise entspannt und das Sphinktersystem kontrahiert. Bei der Blasenentleerung kontrahiert sich der Detrusor, und die Sphinktermuskeln relaxieren synchron, im Sinne eines „antagonistischen“ Reflexes. Im Rahmen des Beckenbodentrainings können Patienten lernen, ihre unwillkürlichen Blasenkontraktionen bzw. deren Triggermechanismen (Händewaschen etc.) zu erkennen und willkürlich eine Kontraktion des Beckenbodens auszulösen und damit Harnverlust zu vermeiden und inhibitorische Reflexe auf den Detrusor zu verstärken.

Beckenbodentraining bei Post-Void Dribbling: Beim Post-Void Dribbling handelt es sich um einen unmittelbar nach der Miktion eintretenden Verlust von Harntropfen, bedingt durch in der Harnröhre gesammelten Urin. Dieses störende Tröpfeln tritt vor allem bei Männern über 40 auf. Dorey et al. konnten zeigen, dass Beckenbodentraining zu einer effizienten Verbesserung dieses Symptoms führen kann. Dies ist primär durch eine Stärkung des Bulbocavernosus-Muskels bedingt, der bei Kontraktion eine Kompression der bulbären Harnröhre herbeiführt und damit den Harntransport unterstützt.

Beckenbodentraining bei erektiler Dysfunktion: ED ist oft multifaktoriell bedingt und das Ergebnis von biologischen und psychosozialen Faktoren. Auch der Beckenbodenstatus scheint ein substanzieller Kofaktor zu sein. Der Bulbocavernosus-Muskel unterstützt und erhält den Druckaufbau im Corpus spongiosum und in der Glans penis. Die ischiocrurale Muskulatur stabilisiert und komprimiert die Corpora cavernosa und verhindert damit den venösen Rückfluss.
Außerdem hat sie eine stabilisierende Funktion auf die penilen Crura.
Colpi et al. haben die Beckenbodenkontraktilität bei Männern mit und ohne ED elektromyografisch untersucht und konnten zeigen, dass willkürliche Kontraktionen bei Männern ohne ED stärker ausfielen als bei Männern mit Erektionsstörungen. Kawanishi et al. fanden eine statistisch signifikante Differenz in der Faserndicke, Kontraktionsdauer und Stärke der Ischiocavernosus-Muskulatur bei Patienten mit und ohne ED.
Dorey et al. berichteten über eine Normalisierung der erektilen Funktion bei 22 von 55 Patienten (40 %) und eine Verbesserung bei 19 von 55 (35 %) durch Beckenbodentraining alleine. Außerdem konnte gezeigt werden, dass ein frühes Beckenbodentraining nach radikaler Prostatektomie einen positiven Einfluss auf die postoperative erektile Funktion hat.

Beckenbodentraining bei Ejakulationsstörungen: Eine adäquate Ejakulation hängt von einem intakten Bulbocavernosus-Muskel ab. Die häufigste Ejakulationsstörung ist die Ejaculatio praecox. Eine verminderte Ejakulationskontrolle bzw. eine stark erniedrigte intravaginale Latenzzeit bedeuten für den Patienten und die Partnerin einen nicht unerheblichen Stressfaktor. Ein schwacher Beckenboden könnte eine mögliche Ursache für die verminderte Zeit bis zur Ejakulation sein. La Pera konnte zeigen, dass ein spezielles Beckenbodentraining, das Patienten half, die an der Ejakulation beteiligten Muskeln zu identifizieren und zu entspannen, zu einer Verbesserung der Zeit bis zur Ejakulation bei 61 % (11/18) der Patienten führte. Zwei andere Autoren erzielten ähnliche Ergebnisse mit einer klinisch relevanten Verbesserung bei 60 % der inkludierten Patienten.

Konklusion: Beckenbodentraining kann eine nützliche Prävention- und Therapieoption bei den häufigsten männlichen funktionellen Pathologien des unteren Harntraktes sein und altersbedingte oder postoperative Funktionseinschränkungen minimieren oder sogar kurieren. Es kann eine wichtige adjunktive und supportive Rolle im multimodalen Management der Belastungsinkontinenz, überaktiven Blase, erektilen Dysfunktion und der häufigsten Ejakulationsstörungen darstellen.


Geri

  • Global Moderator
  • Super - User
  • *****
  • Beiträge: 674
  • Geschlecht: Männlich
Beckenbodentraining - Training bei Kontinenz- oder Potenzproblemen
« Antwort #1 am: 19. Juli 2015, 18:21 »


Achtung:
Schon vor einer Operation sollte trainiert werden!



Der männliche Beckenboden: Sinnvolles Training bei Kontinenz- oder Potenzproblemen

Beckenbodentraining und Biofeedback: So funktioniert’s

AutorIn: Richard Crevenna    • Focus: Männergesundheit • SU 01|2015 • 21.05.2015
   

Im Fachgebiet der Physikalischen Medizin und Rehabilitation werden aktive physikalische Therapien (wie u. a. medizinische Trainingstherapie, Krankengymnastik, Ergotherapie, Biofeedback etc.) von passiven physikalischen Therapien (den so genannten Modalitäten) unterschieden. Diese Maßnahmen können im interdisziplinären, schulmedizinischen Konzept effektiv eingesetzt werden.

Die Physikalischen Therapien und Moda­litäten gliedern sich in:

    Thermotherapie (z. B. Moorpackungen, Kurzwelle, Kryotherapie etc.)
    Mechanotherapie (z. B. Biofeedback, Krankengymnastik/Physiotherapie, Beckenbodengymnastik und -training, Medizinische Trainingstherapie, Ergotherapie, Ultraschall, klassische Massage und Spezialmassagen, wie manuelle Lymphdrainage, Extension etc.)
    Elektrotherapie (Nieder-, Mittel- und Hochfrequenztherapie, besonders bekannte Beispiele sind z. B. Schwellstrom, TENS aus der Nieder- und die Kurzwelle aus der Hochfrequenztherapie etc.)
    Balneotherapie (z. B. diverse Bäderanwendungen, Peloide etc.)
    Licht- und Phototherapie (u. a. UV-Licht, Infrarot-Licht, LASER)

Physikalische Therapien werden in den meisten Fällen seriell und kombiniert appliziert (passive Therapien) bzw. durchgeführt (aktive Therapien). So kann über eine Verminderung von Symptomen (wie z. B.: Dekonditionierung, Schmerz, Inkontinenz, Stress etc.) eine Rekonditionierung, Schmerzlinderung sowie Kontinenz und/oder auch verbesserte Sexualfunktion gefördert werden.

Einsatzmöglichkeit Inkontinenz: Das Symptom der Inkontinenz mit Verlust der Harn- und/oder Stuhlkontrolle kann unter anderem mittels Beckenbodengymnastik und Biofeedback – also durch Wahrnehmungsschulung und gezieltes Üben und Training für den Beckenboden – bekämpft werden. Neben der ganz wichtigen Aufklärung über die Ursache, Häufigkeit und Relevanz des Symptoms Inkontinenz sowie einer sinnvollen Hilfsmittelberatung steht natürlich die urologische sowie weitere fachärztliche Abklärung an erster Stelle. Je nach Ursache wird dann das weitere medizinische Procedere geplant, welches u. a. diätetische, aber auch interventionell-chirurgische sowie medikamentöse Verfahren und letztlich eben auch physikalisch-medizinische Maßnahmen wie Biofeedback, Physiotherapie mit Atem- und Beckenbodengymnastik sowie weitere physikalische Modalitäten umfassen kann.

Biofeedback: Beim Biofeedback, als additive Möglichkeit zur Schulung der Selbstwahrnehmung des Beckenbodens und zur Verbesserung der Selbstkompetenz, lernen die Patienten zunächst ihren Beckenboden kennen, d. h. diesen selbst (manchmal erstmals) ganz bewusst wahrzunehmen, was erforderlich ist, um letztendlich die Beckenbodenmuskulatur richtig anzusteuern und im Sinne der medizinischen Trainingstherapie „auftrainieren“ zu können. In weiterer Folge kann die betroffene, in ihrer Funktion gestörte Muskulatur effektiv und nach den Gesetzen der Trainingslehre trainiert, und damit das Symptom Harninkontinenz aktiv und selbstwirksam bekämpft werden. Hier ist ein interdisziplinäres Therapieregime unerlässlich, wobei regelmäßige Kontrollen und Supervision durch den Facharzt wichtig sind, um die Therapie individuell adaptieren oder modifizieren zu können. Die therapeutische Anleitung erfolgt meist durch medizinisches Assistenzpersonal wie Krankengymnasten oder DMTF sowie häufig auch durch die meist besonders erfahrene und kompetente Wund-Stoma- und Inkontinenz-Pflege.

Effektiv nur bei Regelmäßigkeit: Das physikalische therapeutische Portfolio umfasst neben Biofeedback weiteres Verhaltenstraining, Beckenbodengymnastik und -training, Schwellstrom, das Führen und Kontrollieren eines Miktionstagebuchs sowie regelmäßige ärztliche Kontrollen und Supervision. Eine kräftige Beckenbodenmuskulatur ist ja auch von Bedeutung für die Organe in Bauch und Becken, Kreislauf, Atmung und das Sexualleben – Fakten, die den Patienten ebenfalls klar und bewusst zu machen sind. Weiters ist darüber aufzuklären, dass eine Kombination aus Becken­bodengymnastik/-training mit Biofeedback effektiv sein kann, dass sich aber nur bei regelmäßigem und korrektem Üben und Trainieren der gewünschte Erfolg einstellen wird. Beim Biofeedback wird eine Rektalsonde eingeführt, damit die positiven Effekte und Möglichkeiten des Biofeedbacks optimal genutzt werden können, nämlich die Verbesserung der Interozeption und Selbstwahrnehmung mit Verbesserung der zentralnervösen Kontrolle und Fazilitation physiologischer Regelkreise. Biofeedback verbessert sozusagen apparativ-instrumentell das sog. Reafferenzierungsprinzip – darüber sind die Patienten zu informieren.

Eigene Erfahrungen bei Prostatakarzinompatienten mit Harninkontinenz nach radikaler Prostataoperation (und dem ausdrücklichen Wunsch nach konservativer Therapie) weisen eindeutig darauf hin, dass durch eine Kombination aus Beckenbodengymnastik (in einer Gruppenbehandlung) mit Biofeedback (als Einzeltherapie) zur individuellen Schulung sich die Wahrnehmung des Beckenbodens effektiv verbessern und somit der Trainingserfolg optimiert werden kann.

Biofeedback und Elektrostimulationstherapie: Die Biofeedback-Behandlung kann auch durch gleichzeitige Elektrostimulationstherapie der Beckenbodenmuskulatur ergänzt werden. Die neuromuskuläre Elektrostimulation (Applikation von Schwellstrom) mit dem Ziel der Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur bedeutet Stimulation der Beckenbodenmuskulatur durch Stromapplikation. Auch die hochenergetische Magnetfeldtherapie (mittels Magnetstuhl) scheint eine sinnvolle Maßnahme darzustellen. Die Methode zeichnet sich durch Schmerzfreiheit und hohe Patientenakzeptanz aus.

Indikation Pelvic Pain: Viele der Patienten mit Pelvic Pain scheinen an einer Kombination eines Schmerzsyndroms mit einer Funktionsstörung des unteren Harntraktes zu leiden. Wesentlich ist auch im Fall von Pelvic Pain in jedem Fall die fachärztliche Diagnostik (Urologe) und Therapieplanung. Die symptomatische Schmerztherapie nach WHO-Schema sollte durch ein kausal orientiertes Stufentherapieprogramm aus medikamentöser Therapie, Biofeedback mit Beckenbodengymnastik und neuromodulierenden Maßnahmen begleitet werden.

Kombinierte Techniken gegen Schmerzen: Störungen der Sexualfunktionen sind in der Anamnese ganz gezielt anzusprechen, damit eine entsprechende Beratung sowie die Rezeptur entsprechender Medikamente und adäquater Hilfsmittel in die Wege geleitet werden kann. In den meisten Fällen wird vonseiten der Physikalischen Medizin und Rehabilitation eine Überweisung zu den entsprechend spezialisierten „Organfächern“, d. h. Urologen und Andrologen, erforderlich sein.
Gemeinsam auftretende Störungen der Kontinenz und der Sexualfunktion sowie psychisch bedingte und schmerzhafte An- und Verspannungen mit unspezifischem Becken-, Kreuz- und Rückenschmerz können ebenfalls durch Biofeedback und physikalische und medikamentöse Interventionen in den Griff bekommen werden. Besonders die Methode des Biofeedback mit gezielter Rückmeldung und Bewusstmachung außer Kontrolle geratener Körperfunktionen sowie Atem- und Muskelrelaxationstechniken (z. B. nach Jacobson) können in diesem Zusammenhang sehr erfolgreich sein. Bei den meisten solcher Schmerzsyndrome kommt es nämlich auch zu Funktionseinschränkungen in folgenden Systemen: vor allem aktiver und passiver Bewegungsapparat mit Beckenboden, Rücken- und Bauchmuskulatur, Atmung/Zwerchfell, dann kardiovaskuläres und kardiopulmonales System, Vegetativum mit Überwiegen des Sympathikotonus, Hormonhaushalt, ZNS und Psyche etc. Eine Verbesserung der motorischen Grundeigenschaften Ausdauer, Kraft, Sensomotorik/Koordination und Beweglichkeit durch medizinische Trainingstherapie sowie eine Selbstwahrnehmungsschulung (z. B. mittels Biofeedback) sollten daher integrativer Bestandteil aller Konzepte sein. Bei Schmerzen am aktiven und passiven Bewegungsapparat, welche ebenfalls zur Verstärkung von Funktionsbeeinträchtigungen des Beckenbodens führen können, steht die Medikation nach WHO-Stufen-Schema inklusive Co-Analgetika natürlich an erster Stelle. Zusätzlich können – unter Beachtung von Gegenanzeigen – in manchen Fällen auch Reflextherapien wie manualmedizinische/ chiropraktische Maßnahmen, Infiltrationen sowie Akupunktur erfolgreich eingesetzt werden. Nach adäquater Analgesierung stehen dann der Ausgleich muskulärer Dysbalancen sowie die Stabilisierung und Kräftigung der Muskulatur sowie eine Verbesserung von Sensomotorik und „Körpergefühl“ therapeutisch im Vordergrund. Ein geeignetes Stressmanagement – häufig auch sog. „psychohygienische“ oder weitergehende Maßnahmen – kann in vielen Fällen ebenfalls nutzbringend sein. Oft hilft auch hier schon die Vermittlung einfacher Entspannungstechniken. Das System Rücken- (als hintere Begrenzung) und Bauchmuskulatur (als vordere Begrenzung), Atmung (mit Zwerchfell als obere Begrenzung) sowie v. a. Beckenboden (als untere Begrenzung) des Bauchraums ergeben weitere Angriffspunkte für die Therapie. Zusätzlich ist auch der Weg über das Vegetativum ein weiterer Faktor in der Schmerzlinderung. Entsprechende Atemschulungen und Muskelrelaxationstechniken (Muskelrelaxation nach Jacobson) sowie die bewusste Einflussnahme auf den Beckenboden (Wahrnehmungsschulung, Training, Relaxation und Diskrimination, Biofeedback) können auch hier manchmal mehr als nur unterstützend wirksam sein.
Newsletter Drucken Empfehlen
AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, MBA, MSc

Interim. Leiter der Universitätsklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Medizinische Universität Wien