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christina62

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Diagnose Boreout: Stress durch Langeweile
« am: 08. Oktober 2007, 16:34 »

Diagnose Boreout: Stress durch Langeweile



Stress gehört in vielen Büros zum Alltag. Doch es gibt auch das Gegenteil: Manche Arbeitnehmer ödet ihr Job derart an, dass sie davon sogar krank werden. Dann droht der so genannte Boreout: Stress durch Langeweile. [10.09.2007]




Der Blick haftet angestrengt auf dem Bildschirm, während die Finger nur so über die Tastatur fliegen. Jeder im Büro kapiert sofort: "Bloß nicht ansprechen, der ist im Stress!" Doch nicht jeder Kollege, der so ausgelastet scheint, ist es auch. In manchen Fällen ist die Arbeitslast nur Fassade, während in Wirklichkeit ein Online-Shop gerade um einen Kunden reicher wird.

Langeweile im Job kann Folgen haben

Stundenlanges Surfen im Internet, als Firmengespräche getarnte Privattelefonate, Pseudo-Meetings, in denen man sich mit dem besten Kumpel im Konferenzraum über das Fußballspiel vom Vorabend austauscht: Was auf den ersten Blick verlockend erscheinen mag, hat auf Dauer gesehen seine Schattenseiten. Denn wer unausgelastet ist und einen Teil seiner Arbeitszeit mit solchen Pseudo-Aufgaben füllen muss, verbindet mit seinem Job irgendwann nur noch Langeweile und Desinteresse.

Und das sorgt langfristig für die gleichen Symptome wie bei einem Burnout: Müdigkeit, Antriebslosigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen. Nur eben nicht wegen Über-, sondern Unterforderung.

Die Autoren Phillipe Rothlin und Peter Werder haben dieses Phänomen genauer unter die Lupe genommen und ihm in ihrem gleichnamigen Buch einen Namen verpasst: Diagnose Boreout. Eine Wortschöpfung, die das Gegenteil von Burnout beschreibt - Ausgelangweiltsein statt Ausgebranntsein.

Wenn Müßiggang zum Horror wird

"Anfangs mag es ja noch recht lustig sein, beispielsweise täglich mehrere Stunden im Internet zu shoppen, aber irgendwann wird auch der schönste Müßiggang langweilig. Der Betroffene fühlt sich unzufrieden, weil er seine Kenntnisse nicht anwenden kann", sagt Phillipe Rothlin.

Stimmt, sagt der Frankfurter Karriereberater und Diplom-Psychologe Hermann Refisch: "Zum Untätigsein verdammt zu sein, ist eine enorme Belastung, weil dann in aller Regel auch die Wertschätzung ausbleibt. Das bekommt keinem, der auf Erfolgserlebnisse im Beruf gepolt ist. Wer sich diese dagegen aus anderen Bereichen holt - Hobby oder Familie etwa - wird diese Stresssymptome nicht entwickeln."

Boreout-Patienten sind nicht faul

Im Klartext heißt das: Boreout-Patienten sind keineswegs faul. "Im Gegenteil. Sie leiden unter ihrer Situation", betont Buchautor Rothlin. Doch weil Langeweile im Job sozial nicht anerkannt ist, entwickeln Betroffene die verschiedensten Strategien, um ihr Nichtstun zu verschleiern. "Wer erzählen kann, dass er gestresst ist, wirkt in unserer Welt wichtiger, geschätzter, anerkannter", so Rothlin.

Ein Phänomen, das keinesfalls selten ist. Eine amerikanische Studie von America Online und Salary.com unter 10.000 amerikanischen Angestellten belegt, dass mehr als 33 Prozent der Befragten nicht genug zu tun haben, um ihren Arbeitstag zu füllen. Stattdessen werden täglich bis zu zwei Stunden einfach nur "abgehangen".

Auch hierzulande ein Thema

Zahlen, die nicht eins zu eins auf Österreich übertragbar sind. Aber auch in Europa dürfte Boreout für den ein oder anderen ein Thema sein. Zumindest belegten in der Vergangenheit diverse Studien immer wieder, dass ein recht hoher Prozentsatz Arbeitnehmer unzufrieden mit seinem Job ist. Eine von vielen möglichen Ursachen kann Unterforderung sein.

Doch sowohl die Beraterin Roswitha Theiß von der Managementberatung Steinbach & Partner als auch Buchautor Rothlin raten davon ab, den daraus resultierenden Frust einfach hinzunehmen. In der Regel gibt es genug Arbeit in einem Büro, meint Rothlin. Nur, dass die Aufgaben häufig ungleich verteilt sind. "Zum Beispiel, weil der Chef Spannendes grundsätzlich an sich reißt, oder an die immer gleichen Kollegen verteilt und andere dabei übersieht." Für Boreout gebe es diverse Gründe - die Verantwortung aus dem Teufelskreis auszubrechen, trage aber immer nur einer: Der Arbeitnehmer selbst.

Aus dem Teufelskreis ausbrechen
Zum Beispiel, indem sich der Betroffene in der eigenen Abteilung umschaut, rät Theiß. Welche Möglichkeiten gibt es, das bisherige Aufgabenspektrum zu erweitern? Gibt es beispielsweise Projekte, bei denen er die Kollegen oder den Chef unterstützen kann?  "Wichtig ist also, sich seine neuen Verantwortungsbereiche selbst zu erschließen."

Selbige einfach an sich zu reißen, gehört aber nicht zum guten Ton. "Das sollte der Betroffene unbedingt mit dem Vorgesetzten absprechen. Der Angestellte sollte signalisieren, dass er freie Kapazitäten hat und gerne weitere Herausforderungen übernehmen würde", sagt Karrierecoach Hermann Refisch. "Aber Vorsicht: Bevor ich diesen Schritt gehe, muss ich mir 100-prozentig sicher sein, dass ich meine jetzigen Aufgaben voll im Griff habe. Ansonsten kommt vom Chef zurück: 'Machen Sie erstmal ordentlich, wofür Sie eingesetzt sind'. Und damit hätte er dann auch Recht."

Das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen

Während des Gesprächs kommt es darauf an, die richtigen Worte zu wählen. "Eine Führungskraft um die Erweiterung seiner Aufgaben zu bitten, ist durchaus eine Herausforderung", sagt Rhetoriktrainer Rene Borbonus. "Denn zwischen den Zeilen könnte die Führungskraft herauslesen, dass sie meine Aufgaben falsch zusammengestellt hat."

Das oberste Gebot lautet daher: Sensibel vorgehen. Auf keinen Fall sollte der Arbeitnehmer fordernd auftreten. "Wer beispielsweise mit seinem Weggang droht, kann nicht erwarten, dass ihn sein Gegenüber mit offenen Armen empfängt." Auch die Katze zu früh aus dem Sack zu lassen, sei nicht immer ratsam. Das Gespräch mit der Bitte um eine Aufgabenerweiterung zu eröffnen, könne beim Vorgesetzen Assoziationen anstoßen: Wie müssten die Vorgänge in der Abteilung umstrukturiert werden? Will der Mitarbeiter dann auch mehr Geld?

Im Notfall Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausloten

"Sind diese Gedanken erstmal ins Rollen gekommen, hört der Chef nur noch mit halbem Ohr zu", resümiert Borbonus. "Sinnvoller ist es dagegen, zunächst um Unterstützung zu bitten." Nach dem Motto: "Ich habe ein Problem, bei dem nur Sie mir helfen können." Das ist konstruktiv und zeugt von Respekt. Dann gelte es, sein Anliegen möglichst positiv zu formulieren. Zum Beispiel: "Mich würde es reizen, zusätzlich etwas Neues zu machen. Wie könnten wir das gemeinsam lösen?"

Fruchtet der Vorstoß nicht, sollte der Arbeitnehmer schnellstmöglich seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt checken, rät Psychologe Hermann Refisch. "Wenn der Arbeitnehmer seine Ziele im jetzigen Job nicht umsetzen kann, ist eine genauere Analyse der Situation und eben auch der Blick nach außen angebracht. Keiner sollte sich auf Jammern beschränken, sondern aktiv werden."


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