Autor Thema: Depressionen - Vortrag 1. Teil  (Gelesen 4500 mal)

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Gitti

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Depressionen - Vortrag 1. Teil
« am: 15. Oktober 2007, 21:58 »
Obwohl dieser Vortrag vor 3 Jahren war, ist er meines Erachtens immer noch aktuell.


Und obwohl der Vortrag im Zusammenhang mit Multiple Sklerose war, ist er meines Erachtens

zu 90 % auch auf uns Krebserkrankte anwendbar.





Die Seele stärken – wieder Hoffnung finden
Hilfe durch psychologische Beratung und Psychotherapie

Vortrag von Dr. Elke Knauder,
Klinische Psychologin und Psychotherapeutin der
MS Gesellschaft Wien anläßlich der Informationsveranstaltung

"Depression und Multiple Sklerose"

vom 27. November 2004 im AKH Wien.


„Es ist alles vorbei. Ich schaffe nichts mehr so wie früher. Ich fühle mich wie in einem tiefen, schwarzen Loch und bin inzwischen ganz ohne Hoffnung. Ich sehe für mich jetzt keine Zukunft mehr.“

„Es geht mir wieder richtig gut. Ich kann das jetzt selber verstehen, daß man mit der MS eine gute Lebensqualität haben und zufrieden und glücklich sein kann.“

Alle diese Aussagen stammen von einer MS-Patientin, die ich bei der MS-Gesellschaft kennen gelernt habe und wurden von ihr am Anfang und dann am Ende ihrer Therapie gemacht.

Sie werden dieser Patientin später im Vortrag wieder begegnen, wenn ich darüber sprechen werde, wie man mit Hilfe von Psychotherapie dabei Unterstützung finden kann, die einer Depression zugrunde liegenden Probleme oder Konflikte zu lösen. Davor möchte ich mir etwas Zeit nehmen, um über die seelischen Hintergründe von Depressionen zu sprechen.

So wie es nicht die MS gibt, gibt es auch nicht die Depression. Depressionen können beginnend bei einer leichten depressiven Verstimmung bis hin zu einer schweren, die Lebensqualität extrem einschränkenden Verlaufsform ganz verschiedene Ausprägungsgrade haben. Es können verschiedene körperliche und seelische Symptome vorliegen, sie können sich ganz hinter Körpersymptomen verstecken und auch ganz unterschiedliche Ursachen haben. Einiges davon ist ja in den Vorträgen vor der Pause schon besprochen worden.

Ich möchte aus dieser Vielfalt die beiden Depressionsformen herausgreifen, die ihre Ursache im seelischen Bereich haben.

Die erste, die bei der Verarbeitung der MS eine große Rolle spielt, ist die reaktive Depression. Darauf werde ich mich dann im Folgenden auch hauptsächlich beziehen. Wie der Name schon sagt, reagiert dabei ein Mensch auf eine belastende Lebenssituation depressiv. Diese Belastung kann der Verlust von Personen durch Trennung oder Tod sein; der Verlust kann aber auch den Arbeitsplatz betreffen oder wie bei der MS die eigene Gesundheit.

Zu den reaktiven Depressionen zählt man auch die Erschöpfungsdepressionen, die in Zeiten lang andauernder Überforderung und Überlastung auftreten können. Diese spielen bei der MS meiner Meinung nach auch eine nicht unerhebliche Rolle.

Die zweite große Gruppe seelisch bedingter Depressionen sind die sogenannten neurotischen Depressionen. Damit sind Depressionen gemeint, deren aktuelle Symptomatik meist ebenfalls durch ein bestimmtes belastendes Lebensereignis ausgelöst wird. Den Hintergrund dafür bilden aber aus der Lebensgeschichte stammende, ungelöste innerseelische Konflikte. Die dadurch geprägte Persönlichkeitsstruktur bildet dann sozusagen die Disposition in einer bestimmten Lebenssituation mit einem depressiven Verhaltensmuster zu reagieren.

Ob ein Mensch mit Depressionen reagiert, hängt also einerseits vom Ausmaß, der Art und der Dauer der Belastung ab, der dieser Mensch ausgesetzt ist. Andererseits spielt aber auch die jeweilige Persönlichkeit mit ihren mehr oder weniger vielfältigen Problemlösungsfähigkeiten und ihrer speziellen Lebensgeschichte eine Rolle.

Diese Faktoren müssen natürlich bei einer Psychotherapie berücksichtigt werden. Von den möglichen lebensgeschichtlichen Hintergründen hängt es dann auch ab, ob eine kürzere oder längere Therapie erforderlich ist, um die Depression erfolgreich zu behandeln. Das bedeutet immer auch, daß daran gearbeitet wird, die anderen, einem Menschen zur Verfügung stehenden Problembewältigungsfähigkeiten wieder zu aktivieren oder eben neu zu entwickeln.

Depressionen sind also eine von mehreren Möglichkeiten auf äußere aber auch innerseelische Belastungen oder Konflikte zu reagieren.

Wie kann man sich diese depressive Reaktion der Seele vorstellen?

Zu Depressionen kommt es oft dann, wenn wir einer Belastung ausgesetzt sind, die für uns unlösbar oder unbewältigbar erscheint, weil unser bisheriges Repertoire an Lösungsmustern dafür nicht oder nicht mehr geeignet ist. Wir haben das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen (es ist alles aus – ich habe keine Hoffnung mehr, hat die Patientin am Anfang der Therapie gesagt), wir fühlen uns ohnmächtig und hilflos, wie in einer seelischen Sackgasse könnte man sagen. Die alten Wege erscheinen nicht mehr gangbar, neue sind noch nicht gefunden.

Es kommt zu einem Rückzug nach innen, die Antennen werden sozusagen eingezogen. Die Welt erscheint zunehmend farbloser. Pessimistische Gefühle nehmen zu – das heißt, alles wird nur mehr durch die dunkle Brille der Depression gesehen. Es scheint unvorstellbar, daß es irgendeine positive Entwicklung geben könnte, geschweige denn, daß man selbst aktiv et-was an der eigenen Situation zum Positiven verändern könnte. Passivität und Hemmung herrschen vor. Die Energie und der Antrieb etwas zu tun werden weniger, nichts macht mehr Freude. Im Extremfall kommt man kaum mehr aus dem Bett und hat Mühe den Alltag zu bewältigen. Weil man das Gefühl hat, nichts bewirken zu können, leidet dann oft das Selbstwertgefühl und das kann wiederum die Depression verstärken.

Sie merken schon, daß hier die Gefahr eines sich selbst verstärkenden Kreislaufs besteht, der oft nur mehr mit Hilfe von außen durchbrochen werden kann. Ganz wichtig ist es mir, hier anzumerken, daß bei Depressionen der Appell, sich zusammenzureißen, nichts bringt, da der depressiv kranke Mensch eben nicht mehr selber wollen kann, die Energie und die inneren Möglichkeiten sich anders zu verhalten, in diesem Moment nicht zur Verfügung hat.

Eine Psychotherapie kann dann nötig sein, um Schritt für Schritt wieder aus der Isolation herauszukommen. Am Beginn müssen zunächst nach und nach die Gefühle, Gedanken, Zweifel und Ängste, die im Inneren vergraben sind, wieder nach außen gelangen und Ausdruck finden können. Die Betroffenen müssen lernen, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen und auch mitzuteilen. Der Weg geht dann von der resignierten Passivität hin zu hoffnungsvoller Aktivität. Es geht darum, die Hintergründe zu erkennen, die zur Depression geführt haben. Welche Überlastungen oder Überforderungen waren die Auslöser, welche Ängste und Befürchtungen sind dadurch vielleicht aktiviert worden? Wenn man das versteht, kann man schrittweise neue Denk- und Handlungsmuster entwickeln, sich neue Ziele stecken und beginnen, sie aktiv zu verwirklichen. Man kann auch sagen, daß man daran geht, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Was geschieht denn nun, wenn man sich entscheidet, den Aufbruch aus der Depression mit Hilfe einer Psychotherapie zu wagen?

Eine Psychotherapie zu beginnen heißt, sich in einem geschützten Rahmen Zeit für sich selbst zu nehmen, um sich gezielt um das eigene Wohlbefinden zu kümmern, vorhandene Probleme zu lösen oder neue Lebenswege zu suchen. Es bedeutet auch, daß man sich selbst ernst und wichtig nimmt und das ist gerade für depressive Menschen ein großer Schritt, weil viele es gewohnt sind, ihre Fürsorge mehr anderen und weniger sich selbst zukommen zu lassen.

Es ist dabei oft ein erster großer Erkenntnisschritt zu bemerken – und das sind jetzt Zitate von PatientInnen - „auch ich habe das Recht, daß es mir gut geht, auch ich darf dafür sorgen, daß ich mich in mir und in meinem Leben wohl fühle“ oder „auch ich darf einmal schwach sein, Hilfe in Anspruch nehmen und mir Unterstützung holen, ich muß nicht alles ganz alleine be-wältigen.“

Eine Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe – sie arbeitet daran, die innere Autonomie zu vergrößern und fähig zu werden, auftretende Lebensprobleme mit Hilfe der eigenen Fähigkeiten und Ressourcen gut und zufriedenstellend bewältigen zu können.

Die Therapeutin ist dabei ein wohlwollendes Gegenüber, das diesen geschützten Raum zur Verfügung stellt, in dem die Patienten, begleitet und unterstützt, ihre eigene Innenwelt erforschen und kennenlernen können. Das Kennenlernen der eigenen seelischen Tiefe hilft dabei, sich selber besser zu verstehen und ermöglicht es, diejenigen Handlungsmöglichkeiten wieder zu entdecken oder neu zu entwickeln, die dabei helfen, für bisher unlösbare Probleme neue Lösungen zu finden.

Wenn ein depressiver Mensch eine Therapie beginnt, geht es nach dem einander Kennenlernen und dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zueinander zunächst vor allem darum, daß in das schwarze Loch der Depression, wie es eine Betroffene bezeichnet hat, wieder ein wenig Licht gelangt, in dem man gemeinsam versucht, die Tür zur Hoffnung zumindest wie-der einen Spalt zu öffnen. Wenn es dann noch gelingt, den gesenkten Blick zu heben und so den Lichtstrahl auch wahrzunehmen, vielleicht sogar in diesen anderen Raum hinüber zu schauen, dann kann das nach und nach dazu führen, daß man wieder Mut und Vertrauen faßt und so viel Energie tankt, daß man sich aktiv aus diesem Dunkel hinaus wagt – hinaus in diese andere Welt, die in der Verzweiflung der Depression nicht mehr spürbar war und auch keinen Anreiz mehr hatte.

Wie wichtig die Hoffnung für uns ist, hat Verena Kast (Psychologie Heute, August 2004) in einer sehr schönen Formulierung deutlich gemacht: „Wenn wir hoffen, so denken, fühlen und handeln wir, als ob das, was jeweils ansteht, zu bewältigen wäre. Es ist diese Emotion, die es uns ermöglicht, uns einem Licht zuzuwenden, das noch nicht sichtbar ist.“

Wenn ich hoffnungslos bin, erscheint mir jede Veränderung und Verbesserung meiner Situation unmöglich und ein aktives Handeln und Gestalten sinnlos. Der Blick in die Zukunft ist pessimistisch. Wenn aber wieder Hoffnung entsteht, kann sich das Blatt wenden. Es wächst das Vertrauen, daß die Situation oder Lebensaufgabe vor die ich gestellt bin, bewältigbar ist. Dadurch kann dann auch wieder die Energie zurückkehren, die für die aktiven Schritte in die-se Richtung nötig ist.

Der Weg von der Hoffnungslosigkeit über das Erwachen der Hoffnung und den aktiven Schritten, hin zur Lösung der Probleme und zum Finden einer neuen Lebensfreude, das ist der Weg, der in einer Psychotherapie gemeinsam beschritten wird.

Damit Sie einen besseren Eindruck davon bekommen, was das im Einzelfall ganz konkret bedeutet, möchte ich ihnen Einblick in drei verschiedene Psychotherapien geben. Die Ent-wicklungen, die diese MS PatientInnen während der Zeit ihrer Therapie gemacht haben, möchte ich ihnen kurz schildern, weil sie zeigen, daß eine positive Bewältigung von Depressionen und das Finden eines positiven Lebensgefühls trotz MS tatsächlich möglich sind.

Diesen Menschen, die mir erlaubt haben, anonym und in veränderter Form über sie zu erzählen, möchte ich auf diesem Weg sehr herzlich dafür danken, daß sie uns ihre Erfahrungen zur Verfügung gestellt haben.


Fortsetzung nächster Beitrag, da zu lange (20.000 Zeichen höchstens möglich)
« Letzte Änderung: 15. Oktober 2007, 21:59 von Gitti »

Gitti

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Depressionen - Vortrag 2. Teil
« Antwort #1 am: 15. Oktober 2007, 21:59 »

Fortsetzung:

Eine Frau, bei der ein Jahr zuvor die Diagnose MS gestellt worden war, klagt im Erstgespräch über eine ausgeprägte depressive Verstimmung. Darüber hinaus fühlt sie sich durch diffuse Angstgefühle sehr belastet. Sie fühlt sich hoffnungslos, wie in einem schwarzen Loch sitzend.

Sie sagt: „Ich schaffe es nicht mehr so wie früher. Es geht nichts mehr. Es ist alles vorbei, alles verloren. Ich bin jetzt nur mehr unnütz.“

Sie erzählt, daß sie zunächst versucht hat, nach dem Motto "Jetzt erst recht" noch mehr Leistung zu bringen, noch tüchtiger zu sein als bisher. „Ich habe eigentlich noch mehr gegen mei-nen eigenen Körper gehandelt und seine Signale weiter mißachtet. Dadurch ist es mir mit der Zeit körperlich und seelisch immer schlechter gegangen.“

Auf meine Frage, ob sie weiß, warum sie so mit sich selbst umgegangen ist, sagt sie: „Ich habe immer schon das Gefühl gehabt, daß ich nur was wert bin, wenn ich viel leiste und alles für die anderen gebe. Nur dann habe ich geglaubt, werde ich geliebt.“ Die Angst, Liebe und Anerkennung zu verlieren, hat sie innerlich ständig dazu angetrieben, ihre ganze Energie für die Fürsorge für andere und für ihre Arbeit aufzuwenden, ohne auf eigene Bedürfnisse oder die Signale des Körpers zu achten.

Am Ende ihrer Therapie sagt sie dann: „Ich habe angefangen, mich selber kennen zu lernen und ich gehe jetzt ganz anders mit mir um. Bisher hab ich einfach immer funktionieren müs-sen. Jetzt mach ich mir weniger Streß. Es geht zwar vieles nicht mehr genau so wie früher – dafür hab ich andere Wege gefunden, an die ich früher nie gedacht habe. Ich spüre jetzt bes-ser, wo meine Grenzen sind und halte mich dann auch dran.

Ich habe angefangen, auf mich selber zu schauen und kann mir jetzt schon viel eher etwas gönnen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Seit ich erstmals gespürt habe, daß ich durch mein Verhalten bewirken kann, daß ich mich wohler fühle, macht es mir Spaß zu kämpfen. Man kriegt Lust auf mehr und möchte, daß das Leben trotz der MS noch schöner wird. Ich kann das jetzt selber verstehen, daß man mit der MS eine gute Lebensqualität haben und zu-frieden und glücklich sein kann.“

Und wie ist das Ihrer Meinung nach möglich geworden?

„Der erste Schritt dazu war die tiefe und schmerzliche Erkenntnis, daß ich es nicht ändern kann, MS zu haben. Erst dann ist es möglich gewesen zu sagen: "Ok, dann lebe ich in Zukunft anders." Heute konzentriere ich mich mehr auf das, was gut geht und nicht mehr auf das, was nicht geht. Das hat mein Leben letztendlich schöner und mich viel zufriedener gemacht.

Wenn ich wieder einmal ein Tief habe, weil es mir schlechter geht, dann hilft es mir, daran zu denken, daß jedes Tief einen Anfang hat und ein Ende, daß die Tiefs wie Wellen kommen und wieder gehen. Und ich erinnere mich daran, daß ich selber auch was dazu beitragen kann, daß ich da wieder herauskomme.“

Eine andere Frau, die schon seit einigen Jahren erkrankt ist, spricht in unserem ersten Gespräch ähnliche Themen an. Sie leidet ebenfalls unter depressiven Verstimmungen und hat bemerkt, daß sie dazu neigt, sich selber ständig unter Leistungsdruck zu setzen und oft so zu überfordern, daß sich dann ihre MS Symptome verstärkt bemerkbar machen. Für sie heißt MS mächtiges Schuldgefühl – sie fühlt sich seit ihrer Kindheit dafür schuldig, so zu sein wie sie ist.

Sie glaubt oft, nicht gut genug zu sein und strengt sich daher sehr an, perfekte Leistungen zu bringen, um doch irgendwie das Gefühl zu bekommen, etwas wert zu sein. Sie sagt, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht gut kennt und daß ihr Leben geprägt ist durch das Gefühl „ich muß“ statt „ich möchte“.

Ein wichtiger Schritt in der Therapie ist für sie die Erkenntnis, daß „es genug ist, ich selber zu sein“ und daß „auch ich ein Recht habe, glücklich zu sein“. Damit konnte sie beginnen, sich selber und ihre eigenen Bedürfnisse kennen zu lernen – der erste Schritt zu einem zufriedeneren Leben, das mehr ihrem wahren Ich entspricht, ist damit getan.

Ein Mann, der schon seit mehr als 10 Jahren erkrankt ist, schildert im Erstgespräch vor allem, wie sehr ihn die Ängste, die er bezüglich seiner Zukunft hat, beeinträchtigen. Es geht ihm zwar zur Zeit recht gut, aber immer dann, wenn er durch Symptome mit der MS konfrontiert wird, gehen ihm schwarz gefärbte "Was-wäre-wenn-Gedanken“ durch den Kopf, die sich negativ auf seine Stimmung auswirken und sein Leben in der Gegenwart stark beeinträchtigen. Immer wieder fühlt er sich dann depressiv, manchmal hat er sogar Selbstmordgedanken.

Er entscheidet sich für eine längerfristige Psychotherapie, weil er lernen möchte, mit seinen Ängsten und der Trauer, die er aufgrund der Grenzen, die ihm durch die MS gegeben sind, empfindet, anders umzugehen. Sein Ziel ist es, Krisen, die durch die MS immer wieder entstehen können, gelassen bewältigen zu können. Er möchte sich selbst besser kennenlernen und seinen eigenen Lebensweg finden.

Auch in dieser Therapie werden einige Themen sichtbar, die meiner Erfahrung nach bei MS PatientInnen sehr häufig sind. Bei ihm geht es ebenfalls darum, daß das eigene Selbstwertgefühl stark mit Leistung und Per-ektionismus verknüpft ist. Der Konflikt zwischen seinen eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen der Umwelt begleitete ihn über weite Strecken durch sein Leben.

Wesentlich war die Erkenntnis selbstzerstörerischer und autoaggressiver Verhaltensweisen. Er hat lange sehr ungesund gelebt und seinen Körper vernachlässigt, sich mit selbstzerstörerischen Gedanken gequält und sich selbst nicht akzeptiert.

Inzwischen sind auch in dieser Therapie, in der es vom Ziel her um mehr als nur um die Bewältigung einer aktuellen Krise geht, viele positive Entwicklungen in Gang gekommen. Wesentlich für eine positive Lebensgestaltung mit MS – und deshalb gehe ich nochmals genauer darauf ein – ist dabei der veränderte Umgang mit den Ansprüchen an sich selber. Er hat erkannt, wie er aufgrund seines Perfektionismus sehr oft unerfüllbare Ansprüche an sich gestellt hat und sich dadurch überfordert und um stärkende Erfolgserlebnisse gebracht hat. Inzwi-schen kann er seine eigenen Fähigkeiten besser einschätzen und ist mit sich selbst viel zufriedener.

Bedeutsam ist auch das Entwickeln einer besseren Konfliktfähigkeit – sodaß Gefühle von Enttäuschung oder Ärger geäußert und geklärt werden können, statt autoaggressiv gegen sich selbst gewendet zu werden.

Was ebenfalls im Zusammenhang mit der MS wichtig ist, ist seine Veränderung im Umgang mit sich selber in Richtung mehr Selbstfürsorge. Er lebt jetzt viel gesünder, hat mit Hilfe der Hypnose aufgehört zu rauchen, kümmert sich mehr um seinen Körper und fühlt sich dadurch insgesamt wohler. Er sagt: „Ich lebe jetzt aktiv mein eigenes Leben. Ich bin tatsächlich in Bewegung gekommen und gehe jetzt meinen eigenen Weg. Es scheint so, daß ich mit der MS inzwischen besser leben kann, als vorher ohne sie.“

Dazu paßt sehr gut das Motto von Sir Winston Churchill, der einmal gesagt hat: „Man muß dem Körper Gutes tun, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Und wenn sich die Seele wohl fühlt, wirkt das positiv auf den Körper zurück, möchte ich ergänzen.

Sie haben in diesen drei Beispielen einige typische Merkmale des Erlebens und Fühlens von Menschen kennengelernt, die im Zusammenhang mit der Verarbeitung ihrer MS depressive Verstimmungen entwickelt haben.

Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß das Thema des eigenen Selbstwerts im Zusammenhang mit hohen Leistungsansprüchen und daraus folgender Selbstüberforderung sehr deutlich sichtbar geworden ist. Die eigenen Bedürfnisse zu kennen, Signale des eigenen Körpers oder der eigenen Seele zu hören und zu respektieren, fällt oft schwer. Schuldgefühle für die eigenen Bedürfnisse und dafür, ganz einfach nur ich selber zu sein, sind häufig. Statt eines liebevollen Umgangs mit sich selbst und achtsamer Selbstfürsorge gibt es eher eine große Strenge sich selbst gegenüber. Sich abgrenzen, nein sagen und Konflikte konstruktiv austragen, ist schwierig – ein oft großes Harmoniebedürfnis und die Angst vor Verlusten stehen dem gegenüber. Die übergroßen Erwartungen an sich selbst und manchmal auch an die Umwelt führen, da sie einfach unerfüllbar sind, zwangsläufig zu Enttäuschungen, die jedoch wiederum nicht ausgedrückt werden können – der depressive Kreislauf beginnt.

Die Beispiele zeigen aber auch, daß tiefgreifende Veränderungen möglich sind, die nicht nur dazu führen, daß die depressiven Verstimmungen verschwinden, sondern auch eine Entwicklung in Gang bringen, die ein befriedigenderes Leben trotz der MS möglich machen.

Der therapeutische Weg dorthin kann unterschiedlich lange dauern und erfordert eine intensive Zusammenarbeit zwischen PatientIn und TherapeutIn.

Am Beginn dieses Weges geht es darum, Raum für neue Hoffnung zu schaffen. Und das braucht anfangs wahrscheinlich auch ein bißchen Mut. „Mut ist die Kraft, die wir brauchen, um durch unsere Ängste hindurch eine bessere Zukunft zu wagen. Die Vision einer besseren Zukunft erschließt uns Hoffnung. Nur wer auf eine bessere Zukunft hofft, kann neue Wege aus der Depression suchen und finden.“

Das war ein Zitat von Thomas Kronbichler (2004), das ich deshalb ausgewählt habe, weil es auf etwas verweist, daß ich im Verlauf meiner Zeit bei der MS-Gesellschaft inzwischen schon sehr oft von MS Betroffenen gehört habe – nämlich, daß sie trotz anfänglicher Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nach einiger Zeit, manchmal mit Hilfe einer Psychotherapie, diese bessere Zukunft auch tatsächlich gefunden haben. Auch wenn diese Zukunft dann manchmal ganz anders ausschaut, als ursprünglich vorgestellt. „Es scheint so, daß ich mit der MS inzwischen besser leben kann als vorher ohne sie“, sagte der dritte Patient.

Diesen Weg aus der Depression hin zu sich selbst, kann man als Therapeutin auf verschiedene Weise begleiten. Ich verwende dabei neben dem therapeutischen Gespräch Psychotherapiemethoden, die mit Entspannung, Trance und Imagination arbeiten. In unserer Phantasie neh-men wir unsere Zukunft vorweg. In der Depression wird meist pessimistischen und hoff-nungslosen Zukunftsbildern nachgegangen und die Befindlichkeit ist eher angespannt und verkrampft.

Deshalb sind verschiedenste Entspannungstechniken, die auch die Kraft der inneren Bilder und Vorstellungen nützen, sehr hilfreich. Mit Autogenem Training oder Selbsthypnose kann man aktiv etwas für sein eigenes Wohlbefinden tun. Man kann auch lernen, die Welt der inneren Bilder bewußt zu steuern und über diese Vorstellungen, Zugang zu den eigenen inneren Ressourcen und Kraftquellen finden. Die inneren Bilder sind zugleich Symbole, die Sprache unserer Seele. Wir können lernen, diese Sprache zu verstehen und dadurch in Kontakt mit uns selber treten, uns selbst besser kennenlernen. Katathym Imaginative Psychotherapie und Hypnose arbeiten nach diesem Prinzip.

Der Vorteil dieser Methoden ist auch, daß Sie damit nicht nur in den Therapiestunden an der eigenen Entwicklung arbeiten, sondern damit auch ein Mittel in die Hand bekommen, mit dem Sie zu Hause etwas für sich selbst tun können. Ein Patient sprach in diesem Zusammenhang von seiner seelischen Hausapotheke, auf die er jetzt bei Bedarf selbst zugreifen kann. Damit wird dann eine Psychotherapie tatsächlich Hilfe zur Selbsthilfe und kann einen Beitrag dazu leisten, „die Seele zu stärken und wieder Hoffnung zu finden“.

Und so bin ich wieder beim Titel meines Vortrags und damit auch an seinem Ende angelangt und danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!


Vortrag, gehalten am 27. November 2004 im Rahmen der Informationsveranstaltung der MS Gesellschaft Wie

Erika

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Depressionen - Vortrag 1. Teil
« Antwort #2 am: 16. Oktober 2007, 11:22 »
Beitrag gelöscht von Erika, nachdem ich ihn zu "persönlich" finde.
« Letzte Änderung: 25. März 2008, 11:06 von Erika »
Mein Lebensmotto: Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.